1. Weltkrieg

Der milde Frieden: Die Versailler Verträge nach dem 1. Weltkrieg

Frankreichs Ministerpräsident Georges Clémenceau (stehend) am 28. Juni 1919 vor der Unterzeichnung des Friedensvertrags von Versailles. Links davon US-Präsident Woodrow Wilson. Bettmann Archive

Frankreichs Ministerpräsident Georges Clémenceau (stehend) am 28. Juni 1919 vor der Unterzeichnung des Friedensvertrags von Versailles. Links davon US-Präsident Woodrow Wilson. Bettmann Archive

Nach einem Weltkrieg einen Weltfrieden zu schaffen, war ein alle Dimensionen sprengendes Vorhaben. Der Friedensvertrag von Versailles stiess von Anfang an auf heftige Ablehnung und begegnet heute noch scharfer Kritik. Er hat Europa aber mehr geformt als jedes Ereignis seither.

Am 28. Juni 1919 wurde im Schloss Versailles der Friedensvertrag mit Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg unterzeichnet. Es war ein grosser Feiertag; aber – wie der Schweizer Historiker J. R. von Salis 1960 die Stimmung beschrieb – «in die Freude über den wiedergekehrten Frieden mischte sich in vielen Herzen tiefe Sorge um die Zukunft».

Die Inszenierung zeigt, wie die Franzosen diese Vertragsunterzeichnung gesehen haben wollten. Der Ort war mit Bedacht gewählt: Im Spiegelsaal des Schlosses Versailles wurde nach dem Deutsch-Französischen Krieg am 18. Januar 1871 das deutsche Kaiserreich ausgerufen. Die deutschen Minister Hermann Müller und Johannes Bell mussten beim Eingang an einer Gruppe schwerstverstümmelter französischer Soldaten – Gesichtsverletzte, «gueules cassées» – vorbei. Ihnen versprach Frankreichs Premierminister Georges Clémenceau: «Die heutige Zeremonie ist der Beginn einer Entschädigung. Das ist nicht alles. Es wird noch mehr geben, das versichere ich euch.»

Darauf forderte er die «Herren deutschen Delegierten» auf, den Vertrag zu unterzeichnen. Sie taten es wortlos. Ihnen folgten die Repräsentanten von 31 alliierten Staaten, als erster US-Präsident Woodrow Wilson, als letzter der Vertreter Uruguays. Nur China verweigerte die Unterschrift, als Protest gegen die Abtretung der deutschen Kolonialrechte in China an Japan. «Machte man sich Gedanken darüber» – schreibt von Salis – «dass die beiden grössten und volksreichsten Länder der Erde, China und Russland, die neue Ordnung der Dinge nicht anerkannten, und dass das drittgrösste, die Vereinigten Staaten von Amerika, vielleicht den Friedensschluss nicht ratifizieren würde», was dann ja geschah.

Menschenmenge vor dem Versailler Palast während den Verhandlungen 1919.

Menschenmenge vor dem Versailler Palast während den Verhandlungen 1919.

Seine Beschreibung der Zeremonie schliesst von Salis mit den Worten: «Der Glaube an diesen Frieden war bei vielen von denen, die an seiner Ausarbeitung mitgewirkt hatten, nicht vorhanden. Er befriedigte die Sieger nicht, und den Besiegten erschien er als ein ihren Stolz tief verletzendes Diktat.»

Auf direktem Weg ins Verderben?

Der Versailler Vertrag genoss nie viel Kredit. Selbst ein ausgewiesener Kenner der neueren Geschichte wie der Brite Ian Kershaw brauchte für ihn harte Begriffe, wenn er von «faulen Kompromissen» des Vertrags schreibt und meint, er sei «weniger ein Rahmenwerk für einen dauerhaften Frieden als ein Rezept für potenzielle künftige Desaster» gewesen.

War es wirklich so? Mit Bestimmtheit war der Vertrag kein leichtfertiges Werk der Sieger. In den dreieinhalb Monaten vom Beginn der Verhandlungen am 18. Januar 1919 bis zur Überreichung des Vertragsentwurfs an Deutschland am 7.Mai gab es 1646 Sitzungen der 58 beratenden Ausschüsse, und 145-mal trafen sich die grossen drei – Amerikas Präsident Wilson, Englands Premier Lloyd George und Frankreichs Ministerpräsident Clémenceau –, um am Vertrag zu arbeiten.

Nach 52 Monaten Weltkrieg galt es einen Weltfrieden zu gestalten. Dabei war der Krieg noch gar nicht überall zu Ende; denn nach dem Waffenstillstand mit Deutschland vom 11. November 1918 schwiegen die Waffen nur im Westen. In Mittel- und Osteuropa, wo vier alte Reiche untergegangen und zehn neue Staaten entstanden waren, wurde manchenorts heftig um Grenzen und innere Gestaltung – ob liberal oder bolschewistisch – gekämpft. Im Versailler Vertrag ging es allerdings nur um den Frieden mit Deutschland. Dieser Vertrag umfasste 440 Artikel. Die Friedensschlüsse mit Deutsch-Österreich, Bulgarien, Ungarn und dem Osmanischen Reich erfolgten 1919/20 in den separaten Verträgen von St. Germain-en-Laye, Neuilly, Trianon und Sèvres.

Diktatfriede unumgänglich

Der Wille der alliierten Sieger, die gewaltigen Probleme in kurzer Zeit zu lösen, musste den Vertrag zu einem Diktat machen; für Entscheidungen durch ein «Weltparlament» fehlte die Zeit. Aber auch die brutale Gewalt, die Deutschland 1914 bei seinem Überfall auf das neutrale Belgien ausgeübt hatte, und die sinnlosen Zerstörungen mit der Strategie der verbrannten Erde noch beim Rückzug seiner Truppen ab dem Sommer 1918 erschwerten einen Verständigungsfrieden. Dazu kam das Beispiel eines erniedrigenden Friedens, das Deutschland selbst gab, als es Anfang März 1918 Russland in Brest-Litowsk einen Frieden diktierte, in dem es dem Verlierer grosse Teile seines Territoriums mit der Hälfte seiner Industrie und 90 Prozent seiner Kohlengruben entriss.

Gueules cassées in Versailles während einer Feier am 26. Juni 1927.

Gueules cassées in Versailles während einer Feier am 26. Juni 1927.

Naturgemäss war es Frankreichs Ministerpräsident Georges Clémenceau, der in Versailles die härteste Haltung gegenüber Deutschland einnahm. Als Vertreter des Landes, auf dessen Territorium fast der ganze Krieg im Westen ausgetragen worden war, galt er – den die Franzosen «le tigre» nannten – als eigentlicher «Père-la-Victoire» (Vater des Sieges). Wenn es ihm nicht gelinge, Frankreich in Zukunft vor deutschen Angriffen zu sichern, meinte er zu US-Präsident Wilson, «bin ich überzeugt – und ich hoffe es sogar –, dass mich mein Nachfolger beim Nacken packen und im Morgengrauen füsilieren lassen würde.»

Einer zu weitgehenden Schwächung Deutschlands stemmten sich die Vertreter der beiden angelsächsischen Mächte entgegen. Lloyd George sah die maritime Weltgeltung Englands traditionsgemäss durch ein Gleichgewicht der Mächte auf dem Kontinent gesichert, wollte die deutsche Vormachtstellung nicht durch eine französische ersetzt wissen und sah in Deutschland ausserdem ein wichtiges Bollwerk gegen die neue bolschewistische Gefahr. Amerikas Präsident schliesslich dachte nicht in kontinentalen, sondern in globalen Massstäben. Er hatte am 8. Januar 1918 in seinen 14 Punkten Demokratie, Liberalismus und Selbstbestimmung der Völker als Grundsätze einer künftigen Weltordnung proklamiert, die durch den Völkerbund als weltumspannende Friedensorganisation gesichert werden sollten.

Kompromiss zwischen Siegern

Diese Gegensätze unter den Siegern bewirkten, dass der Vertrag zwar kein Kompromiss zwischen Siegern und Besiegten war, wohl aber Kompromisse zwischen den Siegern selbst enthielt. Und gerade sie wirkten sich zum Vorteil Deutschlands aus, wie sich etwa in seinen territorialen, militärischen und wirtschaftlichen Bestimmungen zeigt.

Territorial: Deutschland wurde nicht zerstückelt. Selbst Clémenceau, der glühende französische Patriot, war Realist genug, um die Bedeutung der Einheit Deutschlands in der Mitte Europas für dessen Stabilität anzuerkennen, und er wandte sich, was ihn in Frankreich schweren Vorwürfen aussetzte, gegen dessen Auflösung oder zu starke Föderalisierung. Deutschland musste Elsass-Lothringen an Frankreich sowie Posen und Westpreussen an Polen abtreten. Im Grunde waren das Rückgaben von Eroberungen, die es gegen Frankreich und Polen 1871 respektive Ende des 18. Jahrhunderts gemacht hatte. Dass in Masuren, Oberschlesien und Nordschleswig Abstimmungen durchgeführt wurden, um den neuen Grenzverlauf zu eruieren, zeigt, dass man das Selbstbestimmungsrecht der Völker zu berücksichtigen suchte. Hinzu kamen Abtretungen kleinerer Gebiete an Belgien und die Tschechoslowakei, während das Memelland im Osten Ostpreussens unter alliierte Verwaltung kam. Das Saarland, dessen Kohlengruben nun Frankreich nutzte, geriet unter die Verwaltung des Völkerbundes, bis es nach einer Abstimmung 1935 wieder an Deutschland fiel. Alles in allem verlor Deutschland 70 580 Quadratkilometer oder 13 Prozent seines Territoriums, mit rund 6,5 Millionen Einwohnern. Von einer Verstümmelung Deutschlands, wie es noch 1928 auf einer offiziellen Karte für den Schulgebrauch hiess, konnte keine Rede sein.

Die territorialen Auswirkungen der Versailler Verträge

Die territorialen Auswirkungen der Versailler Verträge

Militärisch: Die Reduktion des deutschen Heeres auf ein Berufsheer von 100 000 Mann, ohne schwere Waffen, Panzer und Flugzeuge, und eine Flotte mit beschränkter Zahl kleinerer Einheiten könnte zur Meinung verleiten, Deutschland sei damit zum Spielball der Mächte geworden. Diese Vorschriften sollten zwar im Sinne Wilsons Teil einer internationalen Rüstungsbeschränkung sein, doch folgten ihr andere Staaten nicht. Aber Deutschlands aussenpolitische Stellung hatte sich besonders im Osten verbessert, wo es nun nicht mehr Russland, sondern Kleinstaaten zu Nachbarn hatte. Zudem entfiel nun die Umklammerung durch das französisch-russische Bündnis. Selbst General Wilhelm Groener, ab Ende Oktober 1918 Nachfolger Ludendorffs in der deutschen Obersten Heeresleitung, war der Ansicht, Deutschland habe «trotz des Vertrages einen neuen Marsch nach vorn antreten» können.

Haben den Krieg gewonnen: franz. Staatschef Georges Clémenceau, US-Präsident Woodrow Wilson und britischer Premier David Lloyd George:

Haben den Krieg gewonnen: franz. Staatschef Georges Clémenceau, US-Präsident Woodrow Wilson und britischer Premier David Lloyd George:

Wirtschaftlich: Die Reparationen als Wiedergutmachung der im Krieg erlittenen Schäden waren zweifellos der komplexeste Teil des Friedensvertrags. Churchill bezeichnete sie später als «eine traurige Geschichte komplizierter Idiotie». Ihre Komplexität bestand darin, dass die Reparationen in Geldzahlungen, etwa als Pensionen für Kriegsversehrte und Angehörige von Kriegsopfern, aber auch in Naturalien wie Rindern, Lokomotiven, Schiffen bestanden. Andererseits sollte die deutsche Wirtschaft, deren Funktionieren auch für die Wirtschaft der Sieger bedeutsam war, nicht über die Massen belastet werden. Paradoxerweise musste sie durch amerikanische Finanzhilfen fit gemacht werden, damit die Reparationen fliessen, und Frankreich und England ihre hohen Kriegsschulden bei den USA abzahlen konnten. Eine erste Fixierung der Reparationssumme erfolgte 1921 mit 132 Milliarden Goldmark. Nach der deutschen Inflation wurden 1924 im sogenannten Dawes-Plan die jährlichen Zahlungen Deutschlands auf maximal 2,5 Milliarden festgesetzt. Nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 hätten gemäss Young-Plan bis 1988 jährliche Zahlungen von 1,9 Milliarden erfolgen sollen. 1932 einigte man sich auf eine Schlusszahlung von 3 Milliarden, die aber – wie Jörn Leonhard lapidar bemerkt – «praktisch nicht mehr erfolgte». Die effektiv geleisteten Zahlungen und Warenlieferungen beliefen sich nach alliierten Berechnungen schliesslich auf 20 Milliarden, nach deutschen Berechnungen auf 50 Milliarden Goldmark. Zur anfänglich fixierten Summe von 132 Milliarden meint der Historiker Ian Kershaw: «Sie hätte im Laufe der Zeit bezahlt werden können, ohne die deutsche Wirtschaft zu ruinieren.»

Legende vom Dolchstoss

Die Frage drängt sich auf, warum ein zwar diktierter, im Ganzen aber erträglicher Friede in Deutschland von rechts bis links erbittert bekämpft und als «Schandfriede» verurteilt wurde. Eine Rolle spielte dabei, dass Niederlage und Friedensvertrag nach der jahrelangen Siegespropaganda und nachdem man noch kurz zuvor Russland einen harten Frieden hatte diktieren können, schlichtweg unbegreiflich erschienen und als Schock wirkten. Dass Deutschland Anfang April 1918 in seinen letzten Offensiven im Westen 239 000 Mann verloren hatte und diese Lücke nicht mehr geschlossen werden konnte, während seit Juni monatlich 200 000 frische amerikanische Soldaten an die Front kamen, davon hörte man zu Hause wenig.

Die Versailler Friedensverhandlungen 1919.

Die Versailler Friedensverhandlungen 1919.

Das deutsche Kaiserreich war am Ende. Entgegen der Realität sprach General Ludendorff noch davon, das Heer sei «im Felde unbesiegt» geblieben, als schon Hunderttausende deutscher Soldaten desertiert waren. Als sich Anfang November in Deutschland sozialistische Unruhen ausbreiteten, die Republik ausgerufen wurde und der Kaiser floh, stahl sich die Armeeführung aus der Verantwortung und schob die Schuld an der Niederlage den Aufständischen zu mit der Begründung, sie hätten das Heer rücklings erdolcht. Die Niederlage und der Versailler Friede erschienen damit nicht als Folge des militärischen Zusammenbruchs, was sie in Wirklichkeit waren, sondern als schmähliches Werk von Landesverrätern.

Am Tag des Unterzeichnens der Versailler Verträge am 28. Juni 1919. Genau fünf Jahre früher erschoss ein serbischer Nationalist den Thronerben von Österreich-Ungarn Franz Ferdinand. Dieser Ereignis führte letztendlich zum Beginn des Ersten Weltkrieges.

Am Tag des Unterzeichnens der Versailler Verträge am 28. Juni 1919. Genau fünf Jahre früher erschoss ein serbischer Nationalist den Thronerben von Österreich-Ungarn Franz Ferdinand. Dieser Ereignis führte letztendlich zum Beginn des Ersten Weltkrieges.

Dass es für Deutschland eine Alternative zu dieser Verdammung des Friedenvertrags gab, zeigt die sogenannte Erfüllungspolitik des Reichskanzlers und Aussenministers Gustav Stresemann in den Jahren nach 1923. Seine Politik mit dem Ziel, auf dem Verständigungsweg eine allmähliche Revision der Friedensordnung namentlich in Deutschlands Osten zu erreichen, brachte rasche Erfolge. 1925 kam es an der Konferenz von Locarno zu einer Annäherung an Frankreich, 1926 wurde Deutschland in den Völkerbund aufgenommen, und Stresemann erhielt zusammen mit Frankreichs Aussenminister Briand den Friedensnobelpreis.

Souvenirs werden vor dem Eingang des Versailler Palastes während den Versailler Friedensverhandlungen verkauft.

Souvenirs werden vor dem Eingang des Versailler Palastes während den Versailler Friedensverhandlungen verkauft.

Aber 1929 stirbt Streseman, in Amerika bricht die Weltwirtschaftskrise aus, viele US-Darlehen werden aus Deutschland abgezogen, die deutsche Wirtschaft bricht ein. Harte Zeiten für die Deutschen, Instabilität und schliesslich die Ernennung von Hitler zum Reicskanzler und die Auflösung des Reichstags. Paul Rosenkranz

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