Die Statements der Lesbenorganisation Schweiz sind happig: „Wir haben genug von Schwulen, die sich in Anwesenheit von Frauen vulgär ausdrücken und abfällige Kommentare zu weiblichen Genitalien machen. Wir haben genug von Schwulen, die Frauen anfassen und den Mangel an Respekt vor der körperlichen Integrität relativieren und legitimieren mit der Tatsache, dass sie schwul seien.“

Der Auszug aus der gestrigen Medienmitteilung lässt unschwer erahnen, dass Sexismus nicht Halt macht vor der LGBTQI-Community. Diese Buchstabenkombination bezeichnet Menschen, die nicht dem heteronormativen Bild entsprechen.

Weiter fordert die Lesbenorganisation Schweiz (LOS) eine grössere Sichtbarkeit von lesbischen Frauen innerhalb, aber auch ausserhalb der Community. Sie prangern an, dass Medien vorwiegend über Schwule schreiben, auch wenn sie eigentlich Schwule, Lesben und Transmenschen meinen.

„Vielen Medien reichen privilegierte, weisse Schwule als Repräsentanten für eine Community, die vielfältiger nicht sein könnte“, sagt Lovis Cassaris, Co-Präsidentin der LOS. „Gerade auch im Hinblick auf Sexismus und Intersektionalität ist es uns wichtig, eine eigene Stimme zu haben.“

Nicht selten seien es die privilegierten Männer, die ihren Status nicht hinterfragen und die nicht sensibilisiert seien auf die Bedeutung sozialer Kategorien wie Gender, Ethnizität oder Klasse. Solche Männer meint Lovis Cassaris, wenn sie von schwulem Sexismus in den eigenen Reihen spricht.

Die Schwulen wollen bestimmen

Vom #schweizeraufschrei ermutigt, der seit zwei Wochen die Schweizer Gemüter erhitzt und eine offene Sexismusdebatte bewirkt hat, wollte Cassaris mit der Medienmitteilung noch eine weitere Ebene des Sexismus öffentlich machen und rennt damit offene Türen ein.

Cordula Niklaus, Vizepräsidentin von Wybernet, dem Berufsnetzwerk für lesbische Frauen, bestätigt, wie wichtig es sei, dass sich lesbische Frauen Gehör für ihre Anliegen verschaffen. „Nur weil wir homosexuell sind, haben Lesben und Schwule noch lange nicht zu allen gesellschaftspolitischen Themen die gleiche Haltung.

Wer als Mann sozialisiert wurde, hat oft nicht das Gespür für Frauenthemen und bringt diese also auch nicht ein.“ Konkret wirke sich das in gemeinsamen Projekten aus, in denen oft die schwulen Männer die Agenda bestimmen. Beim Zurich Pride Festival manifestiere sich das, indem die Schwulen den Schwerpunkt auf Kommerz legten und lesbische Frauen eher Politik in den Vordergrund stellten.

Auch in der Community existiert Sexismus. Nicht immer funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Lesben, Schwulen und Transmenschen so gut wie hier am Coming-Out-Day 2016.

Auch in der Community existiert Sexismus. Nicht immer funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Lesben, Schwulen und Transmenschen so gut wie hier am Coming-Out-Day 2016.

Doch oft scheitern lesbische Projekte an den finanziellen Ressourcen. Schwulenorganisationen verfügen über mehr Geld und sind dadurch auch sichtbarer, da sie in Werbung, Websites und bezahlte Stellen investieren könnten, von denen viele Lesben nur träumen. 

Die Zusammenarbeit von Lesben und Schwulen hat auch in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass es viele Reibungspunkte gibt, die manchmal nur schwer zu überwinden sind. Lovis Cassaris ist aber zuversichtlich „Ich hoffe, dass es zu einer breiten Diskussion rund um Sexismus und Ausgrenzung innerhalb der Community kommt. Viele Schwule sind sich der Sexismen nicht bewusst.“

Cassaris spricht auch patriarchale Machtmechanismen an, die in der Schwulenszene herrschen: „Es gibt Schwule, die, um in den Genuss gesellschaftlicher Vorteile zu kommen, andere Männer als ‚Tunten‘ beleidigen und versuchen, einem stereotypen Rollenbild zu entsprechen, statt Vielfalt zu zeigen.“

Doch was denken denn die schwulen Männer über die klaren Worte ihrer lesbischen Schwestern? Pink Cross, Schweizer Dachverband der Schwulen, war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Dafür andere: „Diese Aussagen überraschen mich überhaupt nicht“, sagt Mehdi Künzle, Vorstand vom Verein Pro Aequalitate, der sich für LGBTI-Rechte im Rahmen von Volksabstimmungen einsetzt. „Es ist ein Fakt, dass lesbische Frauen weniger sichtbar sind. Er bestätigt auch, dass Männer in der Community oft im Vordergrund stehen. „Vielen Schwulen ist diese Form von Sexismus nicht bewusst, sie reproduzieren das Verhalten, das sie kennen“, meint der Experte.

Interne Debatte gefordert

Künzle sagt, dass ein Dialog über die Ausschlussmechanismen dringend nötig sei – und das nicht nur in Bezug auf lesbische Frauen, sondern auch Transmenschen, People of Color oder Menschen mit Behinderung. „Dazu gehört ein Prozess der Selbstreflektion.“ Erst dann könne sich was ändern.

Künzle zeigt sich auch schockiert über Anfeindungen, die auf schwulen Plattformen wie GayRomeo herrschen. „Eine Debatte über diese community-internen Diskriminierungen ist im Gange“, sagt Künzle.

Das bestätigt auch Hannes Rudolph, Geschäftsführer der Homosexuellen Arbeitsgruppen Zürich (HAZ). „Wir haben seit längerem begriffen, dass Homophobie und Transphobie stark mit Sexismus zusammenhängen.“ Misogynie gebe es unter Schwulen genauso wie auch unter Heteromännern. „Dazu gehört auch eine Diversitätsfeindlichkeit, die es auch in der Community gibt.“

Doch was können die Schwulen tun, um die Sichtbarkeit lesbischer Frauen oder Transmenschen zu erhöhen? „Weisse, schwule Männer müssen sich ihrer Stellung bewusst sein und diese auch für weniger privilegierte Gruppen einsetzen. Und: Sie müssen endlich beginnen, ihre Privilegien mit anderen zu teilen.“