Interview

Der Lehrstuhl für Komplementärmedizin in Basel ist umstritten – nehmen denn Sie Globuli, Professor Gründemann?

Die Misteltherapie spielt in der anthroposophischen Medizin eine wichtige Rolle. Die Wirksamkeit ist jedoch umstritten. Bild: Getty Images

Die Misteltherapie spielt in der anthroposophischen Medizin eine wichtige Rolle. Die Wirksamkeit ist jedoch umstritten. Bild: Getty Images

Der neu gesponserte Lehrstuhl für Komplementärmedizin in Basel ist umstritten. Zeit für ein paar Fragen an den künftigen Professor.

Der Entscheid sorgte für grossen Unmut: Die Universität Basel erhält eine Stiftungsprofessur für Komplementärmedizin. Finanziert wird diese aus anthroposophischen Kreisen. Besonders schlecht kam der gesponserte Lehrstuhl bei Naturwissenschaftern am Biozentrum an, wie diese Zeitung berichtet hat. Für die Kritiker der Stiftungsprofessur sind Teile der Komplementärmedizin, wie etwa die Homöopathie, nicht mit der naturwissenschaftlichen Forschung vereinbar.

Erstmals äussert sich jetzt Carsten Gründemann, der künftige Assistenzprofessor für Komplementärmedizin. Er tritt die Stelle im Februar 2020 an.

Herr Gründemann, es ist Erkältungszeit. Wenn es Sie erwischt, nehmen Sie dann Globuli?

Carsten Gründemann: Ich nehme gar nichts. Ich bin ein Freund von Ruhe, bleibe im Bett und mache ansteigende Fussbäder.

Unter anderem da auch Homöopathie zum Themenfeld Ihrer Stiftungsprofessur gehört, ist sie umstritten. Mit welchen Gefühlen kommen Sie nach Basel?

Homöopathie ist ein Teil der komplementären Medizin, hat aber mit meinem Bereich nicht viel zu tun. Ich beschäftige mich mehr mit pflanzlichen «Arzneimitteln» – und Ur-Tinkturen. Vom Unmut über die Stiftungsprofessur habe ich nur aus der Presse erfahren. Den Kommissionsbeschluss nehme ich zu Kenntnis, respektiere diesen und freue mich gleichwohl auf die neue Aufgabe.

Ihre künftige Stelle ist für zahlreiche Naturwissenschafter eine Provokation. Sie fürchten um den wissenschaftlichen Ruf der Universität. Was sagen Sie dazu?

Die Komplementärmedizin ist ein Thema, das auch in der Gesellschaft kontrovers diskutiert wird. Ich bin selber Naturwissenschafter und untersuche die Forschungsfragen mit den konventionellen wissenschaftlichen Methoden, die mir als Immunologe zur Verfügung stehen. Auch stehe ich vielen Dingen kritisch gegenüber.

Welchen?

Gewissen unreflektierten Haltungen die von Gegnern der Komplementärmedizin, aber auch von Gegnern der Schulmedizin kommen. Weiter möchte ich darauf nicht eingehen. Ich habe mich für die Komplementärmedizin entschieden, weil ich es wichtig finde, dass auch dieser Bereich wissenschaftlich untersucht wird. Wir müssen wissen, ob deren Präparate und Therapien den naturwissenschaftlichen Standards standhalten oder nicht.

Ihre Professur wird für «translationale Komplementärmedizin» eingerichtet. Was heisst das konkret?

Translational bedeutet, die Umsetzung des Wissens aus dem Labor in den Klinikalltag. Mir ist dabei wichtig, mit Kollegen aus anderen Fachgebieten, wie der Medizin oder der Pharmazie, gemeinsam an Fragestellungen zu arbeiten. Es geht auch darum, mit ihnen in Kontakt zu kommen, um Ängste und Hürden abzubauen. Komplementärmedizin bedeutet, dass die Schulmedizin die Basis bildet.

Bislang haben Sie sich vor allem mit Pflanzenheilkunde beschäftigt. Welche Schwerpunkte setzen Sie in Basel?

Die Phytotherapie wird weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Ich arbeite in einem Projekt des Schweizer Nationalfonds, das die Sicherheit von pflanzlichen Präparaten während der Schwangerschaft untersucht. Diese sind schon länger in der Anwendung, wir wollen nun wissen, ob sie auch vom wissenschaftlichen Standpunkt aus sicher sind. Daneben lege ich einen Fokus auf die Wirkung von Wärme. Sie ist für verschiedene komplementärmedizinische Konzepte zentral, etwa in der anthroposophischen Medizin und der traditionellen chinesischen Medizin. Aber nochmals: Es geht bei meiner Forschung nicht um homöopathische Präparate.

Sie grenzen sich von der Homöopathie ab, deren Wirksamkeit bis heute nicht nachgewiesen ist. Stehen Sie dieser kritisch gegenüber?

Es ist nicht meine Aufgabe, dazu Stellung zu beziehen. Ich weiss von Kollegen, dass es sehr herausfordernd ist, Homöopathie mit wissenschaftlichen Methoden zu greifen. Es gibt sehr gute und sehr genaue Forschung, was die Aufklärung eines möglichen Wirkmechanismus angeht. Ich bin dafür aber nicht der Spezialist.

Homöopathie ist Teil Ihrer Stiftungsprofessur.

Was die Forschung angeht nicht; nur was die Lehre betrifft. Angehende Pharmazeuten sollten über alle Bereiche mit deren Stärken und Grenzen informiert werden, wertefrei und undogmatisch. Was sie schliesslich damit machen, muss jede und jeder für sich entscheiden.

Wie gehen Sie damit um, wenn Heilmittel von Weleda oder Wala – zwei Stifter Ihres Lehrstuhls – keine Wirksamkeit aufweisen?

Dann ist es so. In der Wissenschafts-Community können jedoch oft nur positive Resultate veröffentlicht werden. Nur bei klinischen Studien muss offiziell publiziert werden, wenn nichts herauskommt. Wenn ich nachweise, dass ein bestimmter Pflanzenextrakt keinen Effekt hat, heisst es bei den wissenschaftlichen Fachzeitschriften allerdings: Schön, forschen Sie weiter. Ich habe Ordner gefüllt mit Resultaten, bei denen keine Wirksamkeit nachweisbar ist. Nicht alle davon beschäftigen sich aber mit Heilmitteln.

Und die sind nicht publiziert?

Einige sind es, andere nicht. Aber nicht, weil ich etwas verheimlichen möchte, sondern weil es keinen Platz für diese Ergebnisse gibt.

Gerade weil die Komplementärmedizin emotional diskutiert wird, wäre es doch wichtig, diese öffentlich zugänglich zu machen?

Da bin ich ganz Ihrer Meinung. Wenn Sie dafür eine Idee haben, bin ich der erste, der mitgeht. Es geht aber nicht nur um die Komplementärmedizin. Auch in anderen Wissenschaftsbereichen gilt: Wenn sie keine Wirkungen haben, dann fehlt die Publizität.

Bei den Medikamenten der Schulmedizin braucht es aber diesen Nachweis, dass sie überhaupt auf den Markt kommen können. Das ist bei der Komplementärmedizin anders.

Ja, und es bräuchte auch einen Rahmen, damit dieses Wissen nicht liegen bleibt. Das betrifft aber nicht nur die Komplementärmedizin, auch in anderen wissenschaftlichen Disziplinen bleibt Wissen unveröffentlicht und somit ungenutzt.

Der Unterschied ist, dass mit Komplementärmedizin viel Geld verdient wird. Gibt es Präparate, deren Wirksamkeit Sie nicht nachweisen konnten und die dennoch verkauft werden?

Mit der Schulmedizin wird noch viel mehr Geld verdient. Wenn ich keine Wirksamkeit in meinen Modellen nachweisen kann, heisst das nicht, dass die Präparate unwirksam sind. Vielleicht habe ich nur den falschen Fokus gelegt. Bekomme ich als Wissenschafter eine Auftragsarbeit– so wie es in anderen Fachbereichen ebenso der Fall ist – dann arbeite ich diese ab und gebe sie der Firma zurück. Diese muss dann schauen, was sie damit macht.

Die Stiftungsprofessur ist aus anthroposophischen Kreisen finanziert. Wie stehen Sie zur Anthroposophie?

Ich finde sie spannend. Aber ich finde auch den Buddhismus oder die traditionelle chinesische Medizin spannend.

Was finden Sie speziell interessant an der Anthroposophie?

Den ganzheitlichen Ansatz, dass nicht nur auf die physische Seite eingegangen wird, sondern dass es auch noch eine geistig spirituelle Seite gibt. In meiner Forschung bediene ich mich etablierten Zellmodellen und versuche aber auch die spirituellen Aspekte mit zu integrieren. Das ist eine Herausforderung. Unabhängig vom Konzept einer komplementär-medizinischen Ausrichtung möchte ich immer wissen, ob sich dieses mit einem definierten wissenschaftlichen Forschungsansatz nachweisen lässt. Alles andere ist Spekulation oder Glaube, was in diesem Bereich der Universität nichts zu suchen hat.

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