Leben ganz nach eigener Fasson – tönt so verlockend … würde man dabei nicht im Nullkommanix verrückt. Ein Leben ohne Werktag, Stunde und Uhr, ohne tägliche Entwürdigung … erscheint halb schon wie die Freiheit ganz. Autisten leben nach ureigener Fasson. Sind sie wenigstens glücklich in ihrem Kokon, mit ihrer abgeschotteten Welt?

Was sicher ist: Begegnen Leute einem Autisten, vergessen sie das nicht so schnell. Vor allem nicht den Blick des Autisten: «Er hatte diese weiten Augen», sagt der Vater eines Autisten, «diesen saugenden Schimmer.» Die Leute früher nannten es «Wolfsblick». Daran erkennen Mütter als Erstes, dass bei ihrem Kind etwas anders ist. Alle beruhigen: Das renkt sich ein, der Bub spielt bloss anders als der Rest. Doch die Mutter beharrt: Vor Babyaugen verschwimmt alles; Autisten schauen gezielt.

Trotzdem: Für Zeit kein Gefühl zu haben, ist das nicht herrlich? Lebenslang losgelöst vom ehernen Ticktack? Es stimmt: Autisten richten sich nicht nach der Uhr, weil sie die Abstraktion davon, Ziffern und Zeiger, nicht lesen können, nicht verstehen. Für Zeit haben sie natürlich gleichwohl ein Gefühl, das eigene, dem alles untergeordnet ist: Lang ist eine Minute da, wo sie einem lang vorkommt, kurz bei Aufregung oder Anspannung.

Und jetzt betrachte man mal – wenn nicht mit Empathie, so doch mit einem Minimum an Vorstellungskraft für andersartige Menschen – einen Autisten, wie er auf den Bus wartet, wenn es dicke Flocken schneit. Der Autist wartet wie jeden Tag pünktlich auf den Bus; Gewohnheiten sind lebenswichtig, auch gleichbleibende Rituale. Videokassetten etwa ordnet er immer gleich ins Regal; ist mal eine vertauscht, reisst das nicht selten einen San-Andreas-Graben in seine innere Welt und löst entsprechende Erschütterungen aus.

Wegen des Schnees fällt diesmal der Bus aus, auch der nächste und übernächste. Solche Zusammenhänge erkennt der Autist nicht. Allein an der Haltestelle, wird er einfach eingeschneit.

«Wie lang hast du gewartet?», fragen wir, als wir ihn endlich finden und auflesen. Da kommt wieder sein Blick, womit er im anderen Gesicht lesen will, was er sagen soll: «Warum willst du das wissen? Niemand hat doch stören wollen dafür?»

«Stören» … alles stört einen Autisten. Wie viel – davon kann man sich kaum eine Vorstellung machen. Man muss sich ausmalen, wie viel nur schon ein Tag einem zusetzen kann, wenn er ohne Filter ist. Wenn alles auf einen hereinprasselt – als Chaos: ein einfahrender Zug mit Paralleldurchsage am Perron, schreiende Plakate, babylonisches Handy-Quasseln, der Wind, die spritzenden Pneus, der Duft aus einer Bäckerei … Man lernt dann etwas über den Autisten, wenn man versucht, die Welt nicht zu filtern, was man normalerweise zu über 90 Prozent tut. Wenn man alles einzeln wahrnimmt, aber sofort ineinandermengt. Man fängt sozusagen wieder bei Tabula rasa an.

Das ist eines Tages einem berühmten Mann passiert, berühmt für seine Hirnforschung: Dem heute 56-jährigen Henry Markram, in Südafrika geboren, mit Forschungsaufenthalten in Heidelberg, an der ETH Lausanne, Israel und in den USA, ausgestattet mit einer EU-Förderung von einer Milliarde Euro für ein europäisches «Leuchtturmprojekt» – das Human Brain Project: Markram will die Mechanismen des Gehirns mit neuronalen Netzen auf Supercomputern simulieren. Der Plan ist umstritten, Markrams Vorgehensweise wurde als «überheblich» gerügt. Damals war Kai schon geboren, mit dem «etwas nicht stimmt», vermutlich im Kopf. Markram verstört das tief. Als Vater kann er nicht helfen, und als Wissenschafter findet er keine Antwort, was im Sohn vorgeht. Langsam lernt er, dank dem Sohn, dass man von der Welt nicht nur zu wenig wahrnehmen kann, sondern auch zu viel.

«Wäre Henry Markram nur ein Forscher, wenn auch ein grosser, er wäre gescheitert. Erst Kai liess ihn verstehen.» Dieser Satz steht in einem Buch, das in brillanter Weise die Geschichte erzählt von Kai, dem «Jungen, der zu viel fühlte». Verfasst hat das Buch der namhafte deutsche Journalist Lorenz Wagner. Seine Reportagen über Kai gehörten zu den meistgelesenen Artikeln im Magazin der «Süddeutschen Zeitung». Er aber begleitete die Familie Markram weiter, und aus dem Ganzen entstand nun dieses Buch.

Der «Kleine Prinz» von Saint-Exupéry sagt, millionenfach zitiert, man sehe weniger mit den Augen als mit dem Herzen. Für Markram ist es das Gehirn, das die Sicht auf die Welt bestimmt. Nutzen wir den Kopf universal und klug, nicht bloss für beschränkte Zwecke auf dem Ego-Trip, nutzen wir die Welt. Mit den Leitungen in unserem Kopf liesse sich der Mond umwickeln, gut für 100 Billionen Verbindungen. «Gäbe es einen Computer», schreibt der Buchautor, «der die gleiche Arbeit verrichten könnte, er frässe so viel Strom, es würde Milliarden kosten.»

Das wunderbare System aber ist anfällig. Es gibt 600 Arten, es zu stören, darunter Autismus. Dem widmet sich Henry Markram ab Geburt seines Sohnes Kai jetzt vorrangig. Er sieht: Man kann ins System eingreifen. Wie der Mensch denkt und fühlt, hängt weniger von der Zahl der Neuronen ab, sondern davon, wie sie miteinander «reden». Die Wirklichkeit ist nicht einfach da, sie wird geschaffen. Unser Zusammenleben, heisst es im Buch, «ist ein einziges ‹Ich sehe, was du nicht siehst›. Und ‹ich fühle was, das du nicht fühlst›».

In Gegenwart eines Autisten ist das eine alltägliche, wenn auch dadurch nicht leichtere Lektion: zwei Wesen «von gleichem Fleisch und Blut», aber zwei galaktisch ferne Welten, zwei Arten von Weltzugang. Nahezu ohne Verbindung vom einen zum anderen.

Wer ohne Furcht diese Relativität von Wirklichkeit und Wahrnehmung tagtäglich erlebt, der wird schnell vermuten und bald auch wissen, dass Autisten kein Defizit aufweisen im Kopf, sondern ein Zuviel. Sie sind nicht «geistig behindert», sie sind bloss hilflos. Allein schon durch die schiere Menge an Dingen, die auf sie hereinprasseln. Deswegen ziehen sie sich von früh auf zurück – zum eigenen Schutz.

Den Durchblick in der ebenso diffusen wie konfusen Welt von heute hat niemand mehr. Darum ist eine Vielzahl quasi-religiöser Behauptungen, garniert mit manischem Geschwätz, auch dermassen inflationär. Richtet man aber den Blick auf die zunehmende Zahl der Autisten und stellt die Postmoderne dagegen, dann drängt einem das Hirn eine Vermutung auf: passt. Irgendwie. So wie das Universum rasend schnell auseinandertreibt, so geschieht das auch mit der inneren Welt.

Henry Markram, der Hirnforscher, empfiehlt zur Verbesserung der Lage (bei Autisten): Filtern dessen, was über den Kopf hereinbricht. Nicht zu viele Ansprüche und Anregungen aufs Mal. Stattdessen kluge Auswahl: nur Kost, die dem Geist zuträglich ist. Für eine stete Bildung des Denkens und Fühlens weit über die Erwachsenenschwelle hinaus. Er habe, sagt Markram, «verstanden», dank Kai, seinem autistischen Sohn.

Etwas dergleichen wäre vielleicht allen zu empfehlen.

Lorenz Wagner: «Der Junge, der zu viel fühlte», Europa-Verlag, 214 Seiten, Fr. 28.90.

Roboter Nao begleitet autistische Kinder im Schulunterricht:

Roboter Nao begleitet autistische Kinder im Schulunterricht

März 2018: Der humanoide Roboter Nao ist Hilfslehrer in Spezialklassen. Er soll die Lehrpersonen beim Unterrichten von autistischen Kindern unterstützen. Der kleine Techno-Helfer ist ein Geschenk der Stiftung "Planètes Enfants Malades" an das Kantonale Autismus-Zentrum in Lausanne.