Als mit dem Ende des Ersten Weltkrieges das Deutsche Kaiserreich in Trümmern lag, notierte die Frauenrechtlerin Minna Cauer: «Ich bin freudig erschüttert, habe nur die Hände am Abend gefaltet, und die Tränen sind mir über die Wangen gelaufen. Traum meiner Jugend, Erfüllung im Alter!» Es war der 12. November 1918 als die 77-Jährige am Ziel ankam: Deutschland führte das Frauenwahlrecht ein.

Jahrzehntelang hatten Cauer und ihre Mitstreiterinnen gekämpft. Mit Flugblättern, Protestaktionen, Kongressen. Ein Jahr zuvor noch, im November 1917, verhinderte die Polizei in Berlin eine Kundgebung. Uniformierte schritten nicht zum ersten Mal gegen Frauen ein: Bis 1908 verboten die meisten Länder des Deutschen Reiches, dass Frauen politische Vereine gründen durften. Doch der Weltkrieg und die Novemberrevolution (siehe Text links) gruben die Verhältnisse um. Taumelte die deutsche Krone in ihren Niedergang, erklommen die Frauen die Bühne der Macht.

Fast zeitgleich richteten im Zürcher Volkshaus Sozialistinnen ein «Bureau» ein. Es waren die Tage vom 12. bis 14. November: Der Landesstreik legte die Schweiz lahm. Um die 250 000 Arbeiterinnen und Arbeiter traten in den Ausstand – und auf die Strasse. Angeführt vom Oltener Aktionskomitee forderten sie etwa den Achtstundentag, das Proporzwahlrecht, eine Alters- sowie Invalidenversicherung und das Frauenstimmrecht.

In jenem «Bureau» in Zürich konnten sich Frauen melden, die neu einer Gewerkschaft oder einem Arbeiterinnenverein beitreten wollten. Diese erhielten während der Kriegsjahre grossen Zulauf – insbesondere von Frauen. Zwischen 1913 und 1919 verfünffachte sich die Zahl der weiblichen Mitglieder im Schweizerischen Gewerkschaftsbund. Doch obwohl die Frauen in den Kriegsjahren sich zunehmend organisierten, ist über ihre Rolle im Landesstreik nur wenig bekannt. Dabei beeinflussten sie die Ereignisse, wie die Berner Historikerin Katharina Hermann im neuen Sammelband «Der Landesstreik» aufzeigt.

Hermann erklärt die Politisierung der Frauen mit der Not der Kriegsjahre: Lebensmittel waren knapp und die Teuerung stieg an. Waren die Männer zudem über Monate im Militärdienst, verschärfte sich die finanzielle Misere der Familien zusätzlich. Es fehlte an Einkommen – und waren Frauen bereits erwerbstätig, verdienten sie als Arbeiterinnen massiv weniger als die Männer. Der Hunger brachte sie auf die Strasse und in Rage: Sie demonstrierten – und protestierten auf den Märkten. Wurde das Gemüse und Obst zu überrissen hohen Preisen feilgeboten, stiessen Frauen aus Wut auch mal Körbe um.

Wichtige Rolle im Landesstreik

Wie viele Frauen sich an den zahlreichen Streiks ab 1917 beteiligt haben, ist unklar. Die Historikerin Hermann weist aber nach, dass Frauen zumindest beim Landesstreik eine aktivere Rolle gespielt haben als bisher angenommen. Etwa im Nordbahnhof in Grenchen. Diesen sollte die Armee sichern. Doch am letzten Streiktag kletterten Demonstranten auf die Gleise und besetzten sie. Der zuständige Hauptmann Theodor Schnider bekam den Befehl: schiessen. Er entschied sich dagegen. Im Nachhinein begründete er das damit, dass in der vordersten Reihe «eine Menge Frauen und Kinder» waren. Auch aus Biel meldete die Armee: «Weiber auf den Geleisen». Frauen kletterten aber nicht nur auf Barrikaden. Sie waren auch dafür zuständig, dass die Kinder den Strassen fernblieben. Um sie aus den Gefahrenzonen zu bringen, organisierten verschiedene sozialdemokratische Vereine Ausflüge, etwa in den Wald. Weil die Spanische Grippe wütete, waren die Schulen während des Landesstreiks geschlossen. In den Städten suchten sozialdemokratische Frauen das Gespräch mit Soldaten. Sie versuchten diese zu überzeugen, statt auf die «Klassengenossen» in die Luft zu schiessen – wenn denn der entsprechende Befehl ertöne.

Bürgerliche Frauen lehnten hingegen den Streik vehement ab. Einige ihrer gemeinnützigen Vereine unterstützten die Soldaten, indem sie Tee und Suppe verteilten. Trotzdem brachte der Landesstreik bürgerliche Frauenrechtlerinnen in eine Zwickmühle. Der Grund war eine der Forderungen: das Frauenstimmrecht.

Am 12. November 1918 gewannen die deutschen Frauen ihre politischen Rechte. Am selben Tag wurden die Hoffnungen der Schweizerinnen zerschlagen. Aufgrund des Landesstreiks tagte die Schweizer Bundesversammlung ausserordentlich, wobei der Bundespräsident Felix Calonder festhielt: «Auf das aktive und passive Frauenstimmrecht (...) wollen wir heute nicht eintreten.» Nach dem Landesstreik reichten ein SP- und ein FDP-Nationalrat jeweils eine Motion für das Frauenstimmrecht ein. Diskutiert wurden diese kaum und verschwanden für Jahrzehnte in den Schubladen.

Auch in Deutschland verflog die Euphorie rasch über die neu erhaltenen Rechte. Zwar zogen 1919 insgesamt 37 Parlamentarierinnen (was 8,7 Prozent entspricht) in die Nationalversammlung ein. Doch erst 1983 knackten die Frauen die 10-Prozent-Hürde im Parlament.