Der Neandertaler und der Homo sapiens lebten in Europa lange nebeneinander. Wie friedlich das war, wissen wir nicht. Platz hatte es damals noch genug, dass sich die Leute aus dem Weg gehen konnten. Dennoch musste es eine Konkurrenz gegeben haben. Denn wir, der Homo sapiens, sind noch da, der Neandertaler ist verschwunden.

Oft erklärte man diesen Umstand mit etwas einfachen Bildern. Der Neandertaler war gedrungen und schritt gebückt, wenn auch knapp aufrecht; während der grazil- langbeinige Homo sapiens den federnd-elastischen aufrechten Gang praktizierte. Diese Bilder sind auf jeden Fall falsch, wenn sie suggerieren, dass der Homo sapiens kulturell oder geistig überlegen gewesen wäre. Das war er nicht. Der Neandertaler war handwerklich mindestens so geschickt, körperlich auf jeden Fall kräftiger und eher besser angepasst ans Eiszeitklima als der moderne Mensch.

Warum der Homo sapiens den Neandertaler überlebte, ist eine extrem schwierig zu beantwortende Frage. Oder dann eine peinliche. Wenn wir den Vorgang als Parallelveranstaltung denken, wie im Laufe der Geschichte die «Zivilisierten» die «Wilden» ausgerottet haben. Da ging es in der Tat um einen kulturellen Unterschied. Es ging um die Konkurrenz zweier Lebensarten (ways of life). Und die «überlegene» Lebensweise äusserte sich vor allem in kompromissloser Rücksichtslosigkeit in jeder Beziehung.

Es war die Kunst, Dummkopf!

Lassen wir das mal beiseite. Denn es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Neandertaler und dem Homo sapiens, der mit ausgesprochener Vorsicht thematisiert werden muss. Der Neandertaler zeichnete nicht. Das legen wenigstens die archäologischen Zeugnisse nahe. Es war nicht so, dass der Neandertaler nichts von Kunst gehalten hätte. Lineare oder ornamentale Verzierungen (und vielleicht sogar proto-arithmetische Notizen à la «Jassstriche») gesteht man ihm durchaus zu. Aber «abbildend» war er ziemlich sicher nicht tätig. Nur der Homo sapiens griff zur Holzkohle und später zur Farbe und verzierte die Wände von Höhlen mit heute noch faszinierenden Tierabbildungen.

Das ist ein kultureller Unterschied, ohne Zweifel. Und inwiefern er matchentscheidend war fürs Überleben lassen wir lieber offen. Es gab in der Epoche von 200'000 an viele technische Innovationen, von denen der Neandertaler nicht alle mitmachte, ohne gleich auszusterben. Und – wie erwähnt – als Handwerker und Werkzeughersteller musste sich der Neandertaler keineswegs verstecken.

Richard Coss, ein emeritierter Professor der Psychologie an der Davis University in San Diego, Kalifornien, hat in einem jüngst veröffentlichten Artikel eine Hypothese präsentiert, die ziemlich plausibel wirkt. Der Neandertaler war ja schon da in Europa, als der Homo sapiens kam. Und man muss annehmen, dass er auf eine etwas andere Art jagte, als dies der Vetter aus Afrika tat.

Natürlich wissen wir nichts über das Verhalten der Frühmenschen. Wir können es nur aus Indizien erschliessen. Die Jagdgründe sind oder waren in Europa nicht die gleichen wie in Afrika. Kurz gesagt: Der Europäer «lebte» näher am Tier als der Afrikaner. Der Homo sapiens war es sich gewohnt, in der Steppe dem Tier nachzustellen. Die Tiere waren wachsam und wussten um die Gefährlichkeit dieser Zweibeiner. Er war gezwungen, sie meist in Bewegung zu erwischen. Deshalb entwickelte er den Wurfspeer und die Speerschleuder, klassische Distanzwaffen.

Speere vor allem zum Zustossen

Europäische Speere (wie zum Beispiel die berühmten Exemplare aus Helnstedt) waren eher geeignet zum Zustossen. Der Neandertaler jagte nicht auf Distanz, sondern näherte sich dem Tier. Richard Coss zitiert viele verhaltensbiologische Autoren, die untersucht haben, wie sich das Fluchtverhalten von Beutetieren verändert, wenn Menschen oder andere Jäger in der Nähe sind. Antilopen in Afrika können offenbar unterscheiden zwischen «satten Löwen», die ein Nickerchen machen, und hungrigen Löwen auf der Jagd. Im ersten Fall sparen sie sich die Fluchtenergie. Ähnlich habe der Fall gelegen, vermutet Coss, bei den Neandertalern. Sie hätten ihre Beute nicht auf der Flucht erlegen müssen, sondern konnten ihr auflauern (zum Beispiel an Flussfurten, wo sich Rentierzüge jedes Jahr einfanden), dann liessen sich die Tiere im vorderen Drittel ohne grossen Aufwand abschlachten, weil sie von den hinteren in der Herde gestossen wurden und den vorderen automatisch nachliefen. Oder die Neandertal-Jäger konnten einen grasenden Büffel so lange beobachten, bis klar war, wo man ihm die Grube graben konnte. (Das erklärt zudem auch, warum der N.-Mensch eher nicht zum Ausrotten neigt, im Gegensatz zum S.-Menschen.)

Professor Coss war früher auch Lehrer und unterrichtete Zeichnen. Auf jeden Fall war er fasziniert von den Tierdarstellungen, vor allem denen in der Chauvet-Höhle. Und da fielen ihm einige Dinge auf. Zeichnen stellt hohe Anforderungen an die Auge-Hand-Koordination. Einbildungskraft und motorische Koordination sind in höchst komplexe Muster verstrickt. Und die gleichen denen, die gefordert sind beim gezielten Speerwerfen.

Fertigzeichnen vor dem Husten

Für uns heute mag das etwas gesucht klingen, aber wenn man sich vor Augen hält, unter welchen Bedingungen die Höhlenkünstler die Holzkohle schwingen mussten, steigt die Plausibilität. Die Licht- und Rauchverhältnisse unter Erde zwangen die Künstler zum schnellen Strich. Die Bilder aus Chauvet legen nahe, dass die Künstler standen und die Tiere in einer fliessenden Bewegung an die Wände warfen. Kraft im Arm brauchte es auch, sonst hielt die Kohle nicht – genau wie beim Speerwerfen.

Coss spekuliert, dass die Schädelform eine Rolle gespielt habe. Hinter den hohen Cro-Magnon-Stirnen hatte es Platz für einen grösseren parietalen Cortex, dort vermutet man die Areale, wo Einbildungskraft und motorische Koordination integriert werden. Neandertal-Schädel haben niedrigere Stirnen, wenn auch meist ein grösseres Hirnvolumen.