An der Giardina ist alles ein bisschen schöner, als es die Natur erlaubt. Mitten im eiskalten März blühen in der «grössten Indoor-Gartenmesse Europas» Tulpen, Hortensien, Flieder, Rhododendren, Pfingstrosen und Japanische Kirschen. Es ist ein opulentes Fest der Düfte und Farben, das jährlich während fünf Tagen rund 65'000 Besucher nach Oerlikon zieht. Eigentlich erstaunlich, denn die Schaugärten mit Schwimmteich, Blütenmeer, Naschecke und Kräuterduftweg haben so gar nichts gemein mit den trostlosen Steingärten und Rasenflächen, wie sie sich prototypisch durchs Schweizer Mittelland ziehen. In den klimatisierten Messehallen wird eine Gartenutopie entworfen, wie sie einst Königen und Kaiserinnen vorbehalten war. Gärten zum darin Lustwandeln ohne das Jäten, das Tränken, das Serbeln, die Rückenschmerzen und das Herbizid.

Utopische Gegenwelten scheinen sehr gefragt zu sein. Die Giardina ist allen siechenden und sterbenden Messen zum Trotz ein Erfolgsmodell. Jedes Jahr kommen mehr Interessierte, vor allem Frauen (75 Prozent). Gartenbesitzer sind aber laut einer messeinternen Umfrage nur gerade 66 Prozent aller Besucher. Was zeigt, man muss keinen Garten haben, um davon zu träumen. Nur knapp ein Drittel der Schweizer jätet im eigenen Grün, der Rest kompensiert den Traum davon mit Kübeln noch auf dem winzigsten Balkon.

Ein Bonsai für 75'000 Euro

«Die Leute haben eine grosse Sehnsucht nach der Natur und nach Rückzug», sagt Ausstellungsdirektor Christoph Kamber. In einer Zeit, in der alles immer schneller, globaler, virtueller, also wirklichkeitsferner werde, sei der Garten an Unmittelbarkeit nicht zu übertreffen. Diese Unmittelbarkeit funktioniert aber in einer Messehalle ohne Tageslicht nur, wenn man mit Bagger, Sattelschlepper und tonnenweise Pflanzen einfährt. Wie etwa der deutsche Gartenbauer Reinhold Borsch. Der mit 18 Lastwagen von Düsseldorf anfährt, um einen japanisch inspirierten Garten mit riesigem Koi-Teich aufzubauen. «Nur etwas für Liebhaber», sagt Borsch. Allein der 180 Jahre alte Bonsai, der sich im perfekten Winkel über den Teich neigt, kostet 75'000 Euro. Aber über Geld wird an der Giardina nicht gerne geredet. Wie sagte einst der legendäre Schweizer Landschaftsarchitekt Dieter Kienast: «Ein Garten ist der letzte Luxus unserer Tage, denn er fordert das, was in unserer Gesellschaft am kostbarsten geworden ist: Zeit, Zuwendung und Raum.»

Vielleicht darum gibt es bei den Showgärten an der Giardina keine Preisschilder. Auf Nachfrage heisst es meist, die Kosten seien sehr individuell. Anders in den oberen Etagen der Messehalle, wo sich Gartenstühle an Sonnenschirme und Whirlpools reihen. Die Natur und die Kontemplation sind da plötzlich sehr weit weg. Einen Bonsai kann sich nicht jeder leisten, einen neuen Liegestuhl, um sich darin an den Koi-Teich zu träumen, schon.

Als «die grösste Erfrischung für die menschliche Seele» beschrieb der englische Philosoph Francis Bacon den Garten schon 1625 und beschwor einen Idealgarten, der neben einem geometrischen Teil auch eine «naturbelassene Wildnis» besass, die allerdings subtil geordnet werden müsse. «Das ist exakt, was sich heute viele Gartenbesitzer wünschen», sagt Joel Kunz von der Gartist GmbH in Bubikon. «Die Leute wollen den Garten nicht mehr beackern, sie wollen die Natur beobachten wie ein Gemälde.» Die Pflanzen bilden den Rahmen, sollen gerne von März bis November blühen und möglichst wenig Arbeit machen.

Darum kümmern sich heute in der Schweiz 4200 Gartenbaubetriebe. «Jedes Jahr kommen 50 neue dazu», sagt Jardin-Suisse-Geschäftsführer Carlo Vercelli. Die Branche blüht seit Jahren. Herr und Frau Schweizer lassen im Garten gerne die Profis ran. Und verzichten dafür auch mal auf ein neues Auto. Denn für Projekte unter 50'000 Franken machen sich viele Gartenbauer die Hände gar nicht erst schmutzig. Wo früher der Gemüsegarten stand, wird heute für 160'000 Franken auch mal eine schwimmende Gartenbibliothek geplant. Für den Traum vom alpinen Felsengarten werden Findlinge aus dem Bündnerland ins Zürcher Unterland gekarrt oder Hunderte Meter Kabel verlegt für den ferngesteuerten Hightech-Garten – in dem man dann endlich ein Buch lesen kann.

Vor allem aber heil soll er sein, der Garten daheim zwischen den Buchshecken. Weit ab von der Unbill da draussen liegen wir dann erschöpft unter unserem eigenen Bio-Apfelbaum und erkennen, dass wir die Welt nicht verändern können, aber unseren Garten schon.

Die Giardina dauert bis Sonntag, 17. März. www.giardina.ch