Um mich herum spielt sich alles ab wie in einem Film. Zum ersten Mal betrete ich den Boden meines Heimatlandes. 23 Jahre habe ich auf diesen Moment gewartet. Die Stimmen der Mitreisenden und die Lautsprecherdurchsagen des Flughafens scheinen kilometerweit entfernt, ich nehme sie nicht wahr. Ich rücke mein Kopftuch zurecht, sodass kein Haar rausblitzt – es sitzt unbequem und engt mich ein – und zeige der Frau bei der Passkontrolle meine Dokumente. Ihr Kopftuch hängt locker vom hinteren Ende des Kopfs, ihr glänzend braunes Haar ist gut sichtbar.

Wir holen unser Gepäck, ein Porträt Chomeinis beobachtet uns dabei von der Wand neben dem Gepäckband. Mein Herz rast, als ich den ersten Schritt aus dem Flughafengebäude mache und die warme Mitternachtsluft der Grossstadt einatme.

Ich bin nicht sportlich. War ich noch nie. Hätte mir vor einem Jahr jemand erzählt, dass ich einen Fünftausender besteigen würde, hätte ich wahrscheinlich laut losgelacht. Und doch stehe ich nun hier, am Fuss des höchsten Bergs des Irans und höchsten Vulkans in ganz Asien, des 5761 Meter hohen Mount Damavand.

Majestätisch ragt der Berg über dem Bergdorf Nandal empor, wo wir unsere Trekkingreise starten. Ein Blick zum Gipfel zeigt Eisfelder, karge Landschaften und eine Schwefelwolke, die langsam zum Himmel aufsteigt. Während auf den 2300 Höhenmetern, auf denen wir uns in Nandal befinden, noch einige Mohnblumen für Farbtupfer in den trockenen Wiesen sorgen, wirkt unser Ziel, der Gipfel, angsteinflössend. Weshalb tue ich mir so etwas an?

Angelockt hat mich denn auch nicht dieses Monster von einem Berg. Eigentlich suche ich als Enkelin eines Iraners etwas anderes: einen Teil meiner Wurzeln. In der Schweiz aufgewachsen, hatte ich diesen Wunsch schon immer. Trotzdem habe ich den Iran noch nie besucht.

Deshalb macht mich die Reise doppelt nervös: Seit einigen Tagen entdecke ich den Ort, an dem meine Vorfahren lebten. Nun startet auch noch die grösste sportliche Herausforderung meines Lebens. Die letzten Monate waren hart, das Fitnesscenter und die Jurahügel rund um Olten wurden zu meinem zweiten Zuhause, das persische Wörterbuch zur Alltagslektüre. Fast tägliches Training und viel Disziplin haben mich auf diesen Moment vorbereitet.

Frischfleisch und Dorfparty

In Nandal wandern wir auf einem der umliegenden Hügel einige hundert Meter in die Höhe, um uns an die dünner werdende Luft zu gewöhnen. Von dort aus können wir unser Ziel sehen. Monströs und mächtig drückt sich der Gipfel des Damavand durch eine Nebeldecke. In drei Tagen sollen wir dort oben stehen.

Wieder unten angekommen, schlendern wir durch das Dorf. Junge Einheimische wollen Selfies mit uns schiessen, alte Frauen grüssen freundlich, sprechen mich auf Farsi an. Schon in den Tagen zuvor in Teheran geschah dies immer wieder, und erneut erkläre ich mit den wenigen Brocken Persisch, die ich gelernt habe, dass ich die Sprache kaum beherrsche.

Wir kommen wieder im Haus an, in welchem wir die Nacht verbringen werden. Das Huhn, das ich vor einigen Stunden noch zu streicheln versucht habe, ist verschwunden. Ebenso das Lamm. Koch Ali ruft zum Abendessen – vor uns auf dem Tisch stehen ein Lamm- und ein Hühnereintopf.

Die erste Nacht verläuft unruhig. Im Wohnzimmer der Familie schlafen wir sieben Frauen mit unseren Campingmatten und Schlafsäcken auf den persischen Teppichen, die den Raum schmücken. Die vier Männer haben es sich im Esszimmer bequem gemacht, die Guides und der Koch schlafen auf der Veranda im Freien. Durch das undichte Fenster im Zimmer hören wir in einiger Entfernung die Bewohner des Dorfes. Es scheint eine Party zu steigen. Klatschende Hände, singende Frauen und jubelnde Kinder sind bis tief in die Nacht zu hören. An Schlaf ist nicht zu denken, zu stark ist die Aufregung vor meiner ersten grossen Trekkingreise, die in einigen Stunden beginnt.

Kopftuchlose Freiheit

Während wir am nächsten Morgen im Esszimmer Fladenbrot mit iranischem Honig geniessen, werden draussen die Geländewagen beladen, die uns später auf 2900 Höhenmeter bringen. Wir füllen unsere Flaschen mit Wasser, packen die Tagesrucksäcke, binden Kopftücher um und verteilen uns auf die Autos.

Mohammad, einer der Guides von Iran Mountain Zone, lässt im Auto persische Musik laufen – seine Lieblingssängerin. Sie sei nach Paris ausgewandert, erklärt er uns. Denn im Iran ist es Frauen verboten, eine Solokarriere zu führen. Während die melancholische Musik durch den Wagen klingt und sich aus den geöffneten Fenstern drängt, fahren wir an Schafhirten und kahlen Wiesenlandschaften vorbei bergauf.

Am Ausgangspunkt auf 2900 Meter Höhe wird umgepackt: Maultiere und Pferde warten schon auf unsere Ankunft und werden mit Gepäck, Wasser und Nahrung für die nächsten vier Tage beladen. Wir ziehen unsere Kopftücher aus – auf dem Berg sind alle Iraner etwas ungezwungener – und zum ersten Mal seit der Ankunft im Iran fühle ich mich komplett frei.

Ich starte langsam den Aufstieg, Schritt für Schritt dem Wanderweg entlang. «Yawosh, yawosh» – langsam, langsam, wie Bergführer Milad mir erklärt. Wir besteigen den Berg über die anspruchsvollere Nordostroute, denn die Südroute ist zu begehrt. «Einmal habe ich auf einem Campingplatz über 200 Zelte gezählt», sagt Milad. Auf unserem Weg treffen wir jedoch keine Menschenseele an.

Der Körper spielt nicht mit

Ich erreiche das Ziel – ein Campingplatz auf 3500 Höhenmetern – als Letzte. Damit habe ich gerechnet, und trotzdem bin ich zufrieden mit meiner Leistung. Lediglich meine Appetitlosigkeit und die Kopfschmerzen machen mir etwas zu schaffen. Vom Reisgericht mit Lamm, das Ali uns in seinem Küchenzelt kocht und ins Essenszelt bringt, kann ich nur wenig essen.

600 Höhenmeter hinter uns zu lassen, ist das Ziel des zweiten Tages. Auf 4100 Metern wird das nächste Camp aufgeschlagen, von dort aus wollen wir den Gipfel einen Tag später erklimmen. Doch bereits kurz nach Aufbruch merke ich, dass es mir schlechter geht. Aus Appetitlosigkeit wird Übelkeit. Die Kopfschmerzen von gestern haben sich in einen enormen Druck verwandelt, der jede Bewegung erschwert.

Der Rest der Gruppe entfernt sich immer schneller, bald ist niemand mehr sichtbar. Der 68-jährige Koch Ali, der noch beim Packen geholfen hat und erst später losgewandert ist, zieht mühelos an mir vorbei. Die Maultierhalter überholen mich bald, jeder mit einer Zigarette im Mundwinkel. André Lüthy, unser Reiseführer, bleibt bei mir, gibt das Tempo vor und wirft ständig Kontrollblicke nach hinten.

«Das sind alles Anzeichen von Höhenkrankheit», sagt er seufzend. Ich beginne, Schritte zu zählen, um mich abzulenken. Jeder Schritt ist schwerer, schmerzhafter. Ständig brauche ich Pausen. Auf einem Stein setzen André und ich uns hin, er versucht, mich zum Essen zu animieren. «Was ist, wenn ich es nicht nach oben schaffe?», frage ich André zwischen zwei qualvollen Bissen eines Proteinriegels. «Dann bist du ein ganz normaler Mensch», antwortet er und lächelt.

Ich schaffe es zum zweiten Camp. Aber gut geht es mir dabei nicht. Die ganze Welt dreht sich, sodass ich mich kurz nach Ankunft in die iranische Bergwelt auf 4100 Höhenmetern übergeben muss. Der Kopf pocht, das Herz rast, der Magen spielt verrückt. Vom Versuch, am Gipfeltag mitzuwandern, wird mir abgeraten. Ich bin dankbar.

Das letzte Puzzlestück

Um vier Uhr morgens klingelt der Wecker meiner Zeltpartnerin. Ich öffne kurz die Augen, doch der Schwindel überfällt mich sofort, und ich drücke sie wieder zu. Draussen auf dem Campingareal reden die anderen miteinander und sind bereit für den Gipfelsturm. «Wir haben doch alle etwas Kopfschmerzen und Appetit haben wir auch nicht, aber deshalb gleich aufgeben?», höre ich jemanden murmeln. Zum Glück kann ich die Stimme im Halbschlaf nicht zuordnen. Habe ich zu früh aufgegeben?

Um sieben Uhr wache ich erneut in eine sich drehende Bergwelt auf. Langsam versuche ich, mich aufzusetzen, doch schon bald muss ich losrennen, denn die Höhe macht sich schon wieder im Magen bemerkbar. Ich habe aufgehört, mitzuzählen, wie oft dies in den letzten Stunden passiert ist. Nein, ich habe nicht zu früh aufgegeben. Ich habe alles gegeben, bin an mein Limit gegangen und darüber hinaus.

Zurück im Zelt, bringt mir Ali einen frischen Thymiantee und einen Lunchbeutel. Er bleibt, bis ich einige Bissen hinuntergezwungen habe. «Du wirst dich besser fühlen, glaub mir», spricht er mir aufmunternd zu. Und fügt an, ich solle in Bewegung bleiben. Mit einigen Nüssen und der Tasse Tee mache ich mich also auf zu einem Felsen am Abgrund der Wiese, auf der wir campen. Schon der Weg hierhin fühlt sich an wie ein kleiner Gipfelsturm.

Ich schaue mich um und atme die frische Bergluft und den Thymianduft ein. Das Bergdorf Nandal mit seinen farbigen Dächern sieht von hier oben winzig aus. Ich blicke in die Ferne und denke an die letzten Tage in Teheran und auf dem Berg. Es ist viel geschehen, ich habe viele neue Eindrücke erlebt, doch ich hatte keine Sekunde, um darüber nachzudenken.

Fremd und doch vertraut

Noch nie war mir ein Land so fremd und doch so vertraut. So verlogen und doch so ehrlich. So eingeschlossen und doch so lebendig. Ich denke an den Taxifahrer, der mich zu einem Treffen mit meinen Halbonkeln brachte. Zu lauter Technomusik im Auto fuhren wir durch die Stadt, die verbotenen, westlichen Beats gut durch geschlossene Fenster eingesperrt. Plötzlich blickte er auf seine Uhr und entschuldigte sich – es sei nun Gebetszeit. Den Rest der Fahrt verbrachten wir mit den Gebetsgesängen aus dem Radio, die Fenster runtergekurbelt.

Ich kann mich mit den Regeln und Vorschriften des Landes nicht anfreunden, aber trotzdem fühlt es sich richtig an, hier zu sein. Ich fühle mich wohl hier, obwohl meine Einstellungen zum Leben nicht mit denjenigen übereinstimmen, die hier gelten. Die Menschen geben mir das Gefühl, eine von ihnen zu sein.

Die Strassen der Stadt fühlen sich mit ihren Farben und Formen wie ein Zuhause an. Die saftigen Kebabs schmecken gleich, wie sie dies im Haus meiner Kindheit in Olten tun – und doch besser, weil ich sie im Schneidersitz auf einem Teppich über einem der Flüsse der Hauptstadt esse.

Ich blicke ins Tal und frage mich, ob mein Grossvater diese Wege auch schon unter die Füsse genommen hat. Ob er dieselbe Bergluft atmete, die ich jetzt atme. Ob er von denselben Pflanzen Tee trank. Und plötzlich verstehe ich es. Alles scheint in diesem einen Moment Sinn zu ergeben. Weshalb mein Grossvater in seiner Heimat Teheran blieb. Weshalb meine Grossmutter dies nicht konnte und sich für das Leben in ihrer eigenen Heimat, England, entschied. Weshalb ich mich bis jetzt nicht komplett gekannt habe. Wo das letzte Puzzlestück war, das gefehlt hat: hier. Ich habe es gefunden.

Um sieben Uhr kommen die ersten Gipfelstürmer erschöpft nach unten und erzählen von ihrem Tag. Ein kleines bisschen Enttäuschung über mich selber kommt auf. Die letzte Nacht im Zelt ist stürmisch und regnerisch, und wir sind alle froh, am nächsten Morgen talwärts zu wandern. Auf unserem Weg zurück in die Hauptstadt halten wir in einem Restaurant am Fluss an und setzen uns für ein Mittagessen auf Teppiche, neben denen das Wasser leise rauscht. Der Appetit ist zurück.

«Du bist eine wahre Iranerin», lacht Milad, als er sieht, wie viel Reis ich auf meinen Teller schöpfe. Vor einigen Tagen hatte ich mit solchen Aussagen noch Mühe, denn als echte Iranerin konnte ich mich nicht identifizieren. Doch nun lache ich mit und antworte mit einem weiteren Löffel Reis, der gelb von Safran auf meinen Teller rieselt.