Älter als 64 Jahre und 9 Monate kann der Mensch nicht werden – davon war Louis Dublin noch Ende der 1920er-Jahre überzeugt. Der US-amerikanische Demograf hatte die vorhandenen Bevölkerungsstatistiken analysiert und nach seiner Einschätzung die bestmögliche Prognose aufgestellt.

Wie falsch er mit seinen Schätzungen lag, erfuhr Dublin noch aus erster Hand: Als er 1969 im Alter von 86 Jahren starb, hatte er seine eigenen Erwartungen um gut zwei Jahrzehnte übertroffen.

«In den letzten 170 Jahren ist die durchschnittliche Lebensdauer in den hoch entwickelten Ländern jedes Jahrzehnt um 2,5 Jahre gestiegen», sagt Demograf James Vaupel.

Am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock haben der US-Forscher und sein Team globale Bevölkerungsdaten gesammelt und die Alterung der Menschheit analysiert.

«Wurden die Menschen im Jahr 1840 fast nirgendwo auf der Welt im Schnitt älter als 40», so Vaupel, «liegt die durchschnittliche Lebensdauer in der Schweiz heute bei über 80.»

Die Verdopplung sei auf bessere Hygienestandards, den Ausbau der medizinischen Versorgung, das steigende Bildungsniveau und den wachsenden Wohlstand zurückzuführen.

100 ist keine Traumgrenze mehr

Tatsächlich hat sich seit Louis Dublin auch die oberste Grenze des Alters fast verdoppelt. 122 Jahre und 164 Tage alt wurde die Französin Jeanne Louise Calment. Sie gilt als die älteste jemals registrierte Person – ein Rekord, den sie seit fast 20 Jahren hält.

Doch die Konkurrenz wächst. Denn die Anzahl der Hundertjährigen, sagt Altersforscher Vaupel, verdopple sich etwa alle acht Jahre: «Die meisten Kinder, die heute in der Schweiz geboren werden, werden wahrscheinlich ihren 100. Geburtstag erleben.»

Im Vergleich zu anderen demografischen Analysen ist Vaupels Schätzung sehr optimistisch. Doch selbst den konservativeren Berechnungen des Bundesamts für Statistik zufolge wird rund ein Fünftel der heute Geborenen wahrscheinlich über 100 Jahre alt.

Kein Tod aus Altersschwäche

Warum wir überhaupt älter werden, ist für die Wissenschaft immer noch ein Mysterium. Es gibt verschiedene Theorien des Alterns, von denen keine allgemein anerkannt ist. Mit der Zeit verlieren unsere Zellen und Organe ihre Funktionsfähigkeit.

Während sich die meisten Zellen im Laufe des Lebens immer wieder erneuern, können andere, etwa die Vielzahl unserer Nervenzellen oder die Sinneszellen im Ohr, sich nicht regenerieren. Ausserdem beschädigen äussere Einflüsse wie Sonneneinstrahlung oder Nikotin unsere Zellen dauerhaft.

Und so stirbt der Mensch letztlich nicht an seinem Alter, sondern an den mit dem Alter assoziierten Krankheiten. Herz-Kreislauf-Störungen, Krebs und Demenz sind – in dieser Reihenfolge – die häufigsten Todesursachen in der Schweiz. Sie treffen vor allem den betagten Teil unserer Gesellschaft.

Die medizinische Altersforschung hat sich daher zum Ziel gesetzt, vor allem den gesundheitlichen Gefahren des Alters entgegenzuwirken. Potenzial sehen Altersforscher etwa in der Genetik. Denn die Kenntnis über unsere einzigartige genetische Zusammensetzung könnte im Kampf gegen die Symptome des Älterwerdens von entscheidendem Vorteil sein.

Schon heute kann theoretisch jeder seine DNA sequenzieren lassen und somit Details über die individuelle biologische Bauweise erfahren. Auf diesem Prinzip basiert auch die sogenannte Präzisionsmedizin: Kennen Ärzte die individuellen biologischen Marker der Patienten, können sie früher und gezielter ihre gesundheitlichen Risiken reagieren.

Die US-Regierung fördert die Entwicklung einer individualisierten medizinischen Betreuung. Unter anderem plant sie für das Jahr 2016, die Entwicklung DNA-basierter diagnostischer Tests zu subventionieren.

Ist ein ewiges Leben möglich?

Zwar verändern technologische Errungenschaften wie die DNA-Sequenzierung unsere Lebensdauer nur schleichend. Doch bisher, sagt Vaupel, gebe es keine Anzeichen dafür, dass sich der Trend zu einer alternden Bevölkerung verlangsamen wird.

So kann sich in einem Zeitraum von 40, 50 Jahren einiges tun. Es sei zum Beispiel zu erwarten, dass der Demenzforschung bald ein Durchbruch gelingt: «50 Jahre hört sich für uns vielleicht viel an. Aber für die heute Geborenen ist das nicht so lange hin.»

Wer nicht so viel Zeit zum Warten hat, aber fest an den wissenschaftlichen Fortschritt glaubt, kann schon heute Vorkehrungen für die entfernte Zukunft treffen. Eine Möglichkeit bietet die Kryonik. Dabei wird der Körper eines Menschen unmittelbar nach seinem Ableben bei minus 196 Grad Celsius in Stickstoff eingefroren.

Irgendwann, hoffen die Kryoniker, werden die medizinischen und technologischen Möglichkeiten so weit fortgeschritten sein, dass sich nicht nur die Todesursache heilen, sondern auch der Tod selbst umkehren lässt.

Rund 140 «Patienten» sind bereits im gigantischen Kühlhaus mitten in der Wüste eingelagert, über 1000 weitere haben sich registriert. Mindestens 200 000 US-Dollar kostet es, seinen tiefgefrorenen Körper bei der Firma Alcor im US-Bundesstaat Arizona einzulagern – fachkompetente Konservierung, Transport und etwaiges Wiederbeleben inklusive.

Wer nur seinen Kopf einfrieren möchte, zahlt 80'000 Dollar. Diese Variante ist beliebt, denn es gelte vor allem, das Gehirn in die Zukunft überzusiedeln.

Bewusstsein auslagern

Die Überzeugung, dass nur unser Gehirn überdauern muss, damit wir unsterblich werden, steckt auch hinter der Idee des sogenannten Mind Uploading. Angeführt von dem US-amerikanischen Futuristen Ray Kurzweil gehen ihre Verfechter davon aus, dass sich in Zukunft der gesamte Inhalt unseres Bewusstseins auf einen digitalen Speicher ziehen lassen wird.

Kurzweil, der den Synthesizer und eine frühe Texterkennungssoftware entwickelte und heute als leitender Ingenieur bei Google tätig ist, glaubt fest daran, dass wir schon im Jahr 2045 virtuelle Kopien unserer gesamten geistigen Inhalte erstellen werden.

Um das noch zu erleben, sorgt der 67-jährige Futurist vor: Er hält sich an einen strengen Ernährungsplan, schluckt täglich 150 Tabletten und ist auch für eine etwaige Konservierung bei Alcor angemeldet. Transhumanisten wie er sind überzeugt: Das ewige Leben kommt bestimmt. Es ist eben nur eine Frage der Zeit.