«Nature»-Studie

Daten aus sechs Ländern zeigen: Kinder sind in Sachen Coronavirus wirklich weniger ansteckend

© Abdesslam Mirdass/.imago

Laut der «Nature»-Studie sind Kinder nicht nur weniger anfällig für das neue Coronavirus, sie sind auch weniger beteiligt an der Verbreitung.

Kinder bekommen es praktisch nicht. Und fast gar nie schwer. Das waren die ersten Erkenntnisse, die bei Covid-19 schon schnell als ziemlich sicher galten. «Kinder sind keine Treiber der Pandemie,» sagte Daniel Koch denn auch einigermassen früh. Und später versprach er dann den Grosseltern, sie dürften ihre Enkel getrost wieder umarmen. Obwohl die Kitas und Kindergärten noch geschlossen waren.

Wenn er sich nur auf die oben geschilderten Erkenntnisse stützte, beging er einen Fehlschluss. Denn man weiss, dass auch Träger von Sars-CoV-2 sein kann, wer keine Symptome hat. Und vor allem weiss man nicht, wie ansteckend Kinder sind. Denn – auch das war im Epidemieverlauf ziemlich früh klar − man ist auch ansteckend, wenn man keine Symptome hat.

Also herrschte grosse Verunsicherung unter den Eltern. Was durfte man noch tolerieren, auf dem Spielplatz oder im Spiel mit den Gspänli?

Was kann man aus den Daten herauskitzeln?

Den Umstand erklären, dass es unter Kindern weniger Fälle gibt, können zwei Ursachen: Kinder sind entweder weniger anfällig für den Erreger als Erwachsene oder sie neigen weniger dazu, Symptome auszubilden. Dass Kinder sich weniger anstecken, könnte man darauf zurückführen, dass sie sich eine gewisse Cross-Immunität erworben haben, weil sie öfter in Kontakt kommen mit anderen Coronaviren oder anderen Erregern, welche die Atemwege befallen, als Erwachsene.

Dass Kinder weniger Symptome und vor allem weniger schwere Krankheitsverläufe entwickeln als Erwachsene, könne damit zusammenhängen, dass der Rezeptor, den das Virus benützt, um die Zelle zu entern, bei Kindern weniger häufig vorkommt als bei Erwachsenen.

Eine Studie, die am Dienstag in der Zeitschrift «Nature» erschien, fragte nach der Rolle des Alters bei Covid-19. Sie untersuchte, ob ein altersstrukturiertes mathematisches Modell mit Pandemiedaten aus China, Italien, Japan, Singapur, Kanada und Südkorea in Einklang gebracht werden kann.

Die Ergebnisse bestätigten die Annahmen: Die Infektionsanfälligkeit von Personen unter 20 Jahren ist nur etwa halb so gross als bei älteren. Und die Wahrscheinlichkeit, klinisch relevante Symptome (also solche, mit denen man ins Spital eingeliefert werden muss) zu entwickeln, steigt von rund 21 Prozent bei 10- bis 19-Jährigen auf 69 Prozent bei Patienten über 70 Jahre.

Ein ähnliches Ergebnis zeigte eine Studie, die im Auftrag des Bundeslandes Baden-Württemberg angefertigt wurde. Von 5000 Tests auf Antikörper waren 64 positiv. Davon entfielen 49 auf Eltern und nur 19 auf Kinder. Und der Fall, dass sich die Eltern bei den Kindern angesteckt hatten, kam nicht vor.

Weniger anfällig, aber auch weniger ansteckend?

Eine grosse Rolle für die Entwicklung der Pandemie spielt die Zahl der Kontakte. Kinder haben eine höhere Kontaktrate als Erwachsene. Also müssten sie auch überproportional beitragen zur Verbreitung der Pandemie. Und das würde heissen, dass Länder mit einer durchschnittlich älteren Bevölkerung andere Entwicklungsprofile aufweisen als Länder mit einer anderen Altersverteilung.

Natürlich muss man hier berücksichtigen, dass unterschiedliche Massnahmen gegen die Ausbreitung verhängt wurden. Aber das Bild ist in sich konsistent. Regionen mit einer vorwiegend älteren Bevölkerung hatten entgegen den Erwartungen überproportional mehr Fälle. Dass vorwiegend ältere Patienten schwere Verläufe entwickeln, war allerdings auch bei der Sars-Epidemie von 2003 so.

Andere Dinge bleiben diffuser. Sind Infizierte ohne Symptome oder solche mit nur leichten Symptomen weniger ansteckend? Aber auch hier zeigten die Daten Korrelationen. Leicht Erkrankte husten nicht so häufig. Und der Ausreisser lieferte auch eine Bestätigung. Der Ausbruch in einer Freikirche in Südkorea, wo sich überproportional viele von 20- bis 29-Jährigen angesteckt hatten.

Welchen Effekt haben die Schliessungen von Schulen und Kitas auf den Pandemieverlauf? Das versuchte die Studie mit einer Simulation der drei Städte Mailand (Median 43 Jahre), Birmingham (30) und Bulavayo, Zimbabwe (15) zu beantworten. Bei Influenza-ähnlichen Verläufen zeigten die Schliessungen eine Dämpfung der Ansteckungen um 17 bis 35 Prozent und eine Verzögerung der Ansteckungsspitze um 10 bis 89 Tage. Für die Covid-19-Daten waren die Werte markant tiefer: eine um 10 bis 19 Prozent tiefere Spitze und eine Verzögerung von ein bis sechs Tagen.

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