Wenn einen das Gefühl plagt, man führe ein fremdbestimmtes Leben, oder wenn man bei zentralen Lebenswünschen scheitert, sollte man sich vielleicht über seine Beziehung zu seinen Grosseltern Gedanken machen.

Denn laut Wolfgang Krüger, seit 30 Jahren Psychotherapeut in Berlin, hängt die Zufriedenheit mit sich und dem Leben damit zusammen, ob man sich für seine Vorfahren interessiert. Dies beschreibt er in seinem Buch «Die Geheimnisse der Grosseltern».

Besser lieben

So fand Krüger anhand von 100 befragten Frauen und Männern und anhand von Beobachtungen in seiner Praxis heraus, dass die Menschen, die ein grosses Interesse an ihren Grosseltern haben, glücklicher sind und erheblich längere Beziehungen haben. Leute, die sich mit dem Leben ihrer Grosseltern auseinandersetzen, fühlen sich als Teil einer Generationenkette. Sie fühlen sich dazugehörig und verankert, sind ein Segment einer Tradition. Durch das bewusste Auseinandersetzen mit der Familiengeschichte werden Menschen bindungsstärker. Das ist deshalb der Fall, so Krüger, weil man sich der Familie mehr bewusst ist. Und das wiederum beeinflusst eine Partnerschaft.

Bindungsstarke Menschen suchen in Krisensituationen mit ihrem Partner eine Lösung statt aufzugeben und die Beziehung zu beenden.

Ein zweiter Einflussfaktor auf die Liebesfähigkeit hat laut Krüger die seelische Stabilität. Die wird bereits in der Kindheit von den Grosseltern geprägt. Bei ihnen hat man meistens weniger strenge Regeln als zu Hause. Sie sind gelassener und gehen ruhiger mit Kindern um. Bei der Grossmutter durfte man schon mal die Kuchenform ausschlecken, oder man durfte ein Guetzli mehr essen als zu Hause, und Grossvater ging mit den Enkeln in den Streichelzoo. «Die Zeit bei den Grosseltern ist meist eine sehr sinnliche und sie geben einem die seelische Ausgeglichenheit», sagt Krüger.

Auch die Sozialkompetenz ist wichtig, um eine glückliche Partnerschaft zu führen. Wie man auf andere zugeht, wie man Nähe herstellt, auch das wird einem von den Grosseltern vermittelt.

Besser leben

«Forscht man über seine Vorahnen, beginnt man sein eigenes Leben zu begreifen», erklärt Krüger. Man überlegt, woran man im Leben scheitert und warum. Um die Ursache des Scheiterns herauszufinden, muss man tief graben in der Vergangenheit. Krüger erklärt das anhand eines Beispiels:

Man findet beispielsweise heraus, dass das mangelnde Durchsetzungsvermögen daher rührt, dass es im Dorf der Grosseltern früher einen Mord gab, bei welchem ein ganzes Dorf einen Mann erfrieren liess. Das führte zu unbewussten Schuldgefühlen und der Überzeugung, dass jede Auseinandersetzung zu einem Mord führen könne. Deshalb lernten Kinder und Enkel, nicht aufmüpfig zu sein. Unbewusst wurden diese Werte weitergegeben, bis zu David, der heute 45 Jahre alt ist und in einer unglücklichen Beziehung lebt, weil er sich nicht durchzusetzen weiss. Beschäftigt sich David mit den Grosseltern, beginnt er zu verstehen, warum er jeweils scheitert.

Wer sich entschliesst, mehr über die Vorfahren herauszufinden, muss aber auch auf unangenehme Tatsachen gefasst sein. Es ist möglich, dass man auf unschöne Familien-Geheimnisse stösst. Vielleicht waren die Grosseltern Opfer von Kriegen, oder sympathisierten mit den Nazis. Solch negative Geschehnisse aus der Vergangenheit können einen verunsichern. Doch man soll sich trotzdem an diese dunklen Geheimnisse wagen, sagt Krüger. Denn obwohl sie dazu führen können, dass man sich auch heute noch für seine Vorfahren schuldig fühlt, so helfen sie trotzdem, das eigene Leben besser zu verstehen.

Buchhinweis: Die Geheimnisse der Grosseltern: Unsere Wurzeln kennen, um fliegen zu lernen, Norderstedt, 2015, Fr. 14.20.