Man würde nicht denken, dass der weibliche Orgasmus so ein Mysterium ist. Was wurde nicht alles berichtet! Über Frauen, die den Höhepunkt eiskalt vortäuschen. Oder über solche, die ihn immer wieder erleben – dürfen. Nicht zu vergessen die Einzelschicksale von Frauen, die den Gipfel der Lust noch gar nie erstürmt haben. All das ist längst kein Tabu mehr. Trotzdem weiss man kaum etwas darüber, wie weibliche Orgasmen entstehen.

In der Forschung streiten sich derzeit zwei Lager darum, ob es einen vaginalen Orgasmus überhaupt gibt. Er soll nämlich plötzlich ein Mythos sein. Jedenfalls, wenn es nach dem Biologen Daniel Haag-Wackernagel geht. Er schreibt derzeit ein Buch über den weiblichen Orgasmus und sagte kürzlich im Interview mit der «NZZ»: «Den vaginalen Orgasmus gibt es nicht, das ist wissenschaftlich erwiesen.» Die Erklärung liefert er ein paar Zeilen weiter: «Die Vagina hat praktisch keine Nervenversorgung. Ihr Inneres ist weitgehend unempfindlich.»

Alles bloss Einbildung?

Frau staunt. Das rhythmische Zucken der Muskeln in der Vagina, das pulsierende Beben im Becken, das in Wellen kommt, und das anschliessende ekstatische Glücksgefühl, das über das Rückenmark aufsteigt und sich im ganzen Körper ausbreitet – diese Palette von Empfindungen, die beim Sex ausgelöst werden, soll bloss Einbildung sein?

Wo entsteht ihr Orgasmus? Und warum wissen wir das nicht längst ganz genau?

Wo entsteht ihr Orgasmus? Und warum wissen wir das nicht längst ganz genau?

Auf Nachfrage räumt Haag-Wackernagel ein: «Vielleicht gibt es eine indirekte Erregung.» Der Bereich um die Vagina herum sei voller Genitalkörperchen, die einen Orgasmus auslösen können. In der Vagina selbst gibt es sie nicht, sagt er.

Ganz anders sehen es Sexualexpertinnen. «Frauen können in der Vagina sehr wohl etwas spüren», sagt Karoline Bischof. Sie ist Frauenärztin und Sexualtherapeutin am Zürcher Institut für klinische Sexologie & Sexualtherapie. Ein Beispiel aus ihrer Praxis: Eine ihrer Patientinnen litt unter einem Krebs, bei dem nur die Entfernung der Klitoris Heilung versprach.

Diese Frau akzeptierte schnell, dass der Sex dadurch nur noch halb so viel Spass machen würde. Zu schnell. Zwei Jahre nach der Operation erwachte sie eines Nachts wegen eines spontanen Orgasmus. Für die Patientin war das ein Wunder, für Bischof nicht: «Es gibt zahlreiche Studien. Unter anderem solche mit beschnittenen Frauen aus Afrika, die genau das belegen.»

Da sind sie wieder, die Studien. Auch Haag-Wackernagel bezieht sich darauf. Wer hat also recht? Bischof lässt nicht locker und verweist auf eine Untersuchung des Orgasmus-Forschergurus Barry Komisaruk: Eine Untersuchung mit rückenmarksverletzten Frauen. Frauen, die ihre Klitoris nicht mehr spüren. Aber immer noch ihren Gebärmutterhals, wie der Amerikaner durch Tests herausfand. Einige von ihnen erlebten durch die Reizung dieser Gegend sogar einen Orgasmus. Das war eine neue Erkenntnis in der Forschung der weiblichen Sexualität.

Komisaruk fand heraus, dass nicht nur die Klitoris-Nerven Empfindungen ans Hirn weiterleiten. Sondern auch solche, die beim Gebärmutterhals liegen. Der BBC sagte der US-Forscher vor zwei Jahren: «Die Ergebnisse sind wahrscheinlich der beste Beweis dafür, dass der vaginale Orgasmus existiert.» Das sieht der Basler Biologe Haag-Wackernagel anders. Er kenne die Forschungsarbeit. Er bezeichnet das, was die Frauen erlebt haben, als «Hirnorgasmus». «Es gibt ja auch Orgasmen ohne jegliche Berührung, durch den Anblick von erotischen Bildern.»

Schieben wir alle Zweifel beiseite. Gehen wir davon aus, dass Frauen theoretisch auf beide Arten, vaginal und klitoral, kommen können. Dann bleibt immer noch eine Frage: Weshalb zeigen Befragungen immer wieder, dass Frauen nirgends hinkommen, wenn sie die Klitoris nicht einbeziehen? Bis zu 75 Prozent geben an, dass sie entweder ausschliesslich über die Stimulation der Lusterbse der Klitoris einen Höhepunkt erleben. Oder ihn zumindest besser macht.

Die Gynäkologin Karoline Bischof hat dafür eine Erklärung: Die Frauen kennen es nicht anders. Das Hirn speichert die immer gleiche Art, zum Höhepunkt zu kommen, als Muster ab. Auch deshalb ist es für viele Frauen schwierig, einen vaginalen Orgasmus zu bekommen. Sie sind festgefahren. Sobald sie mit einem Mann im Bett liegen, läuft das für sie typische Erregungsprogramm ab. Die Klitoris ist der Startknopf, der sie auf Touren bringt. Ihr Hirn hat die Option vaginaler Orgasmus gar nicht abgelegt.

Eine Frage der Technik

Gehts nach Bischof, lässt sich das ändern. Frau kann sich aus der Orgasmuseintönigkeit befreien. Und zwar so: Sie kann lernen, wie sie vaginal kommen kann. Im Rahmen von Kursen. Dort vermitteln Sexualtherapeuten zum Beispiel, dass sie «beim Liebesspiel das Becken schaukelnd bewegen muss». So spannten sich die Muskeln rund um die Vagina sachte an. Und so würden die Nervenenden, die in diesen Muskeln liegen, aktiviert.

Konkreter: Die Frau wird erregt und hat die Chance, dann zu kommen. «In der Erregung spannt sich die Vagina auf. Das ist oft der Moment, in dem bei manchen das Verlangen entsteht, den Penis des Mannes in der Vagina zu haben», sagt Bischof.

Esther Schütz, die Leiterin des Instituts für Sexualpädagogik und Sexualtherapie (ISP) in Uster, fügt hinzu, dass die Klitoris ein Bestandteil auf dem Weg zum vaginalen Orgasmus ist. Eine Frau kann lernen, «durch die Stimulation der Klitoris, der darunter liegenden Schwellkörper, des Scheideneingangs und der Vagina» einen vaginalen Orgasmus auszulösen.

Schlechte Chancen hat die Frau, wenn sie während der Steigerung der sexuellen Erregung ihre Beckenbodenmuskulatur stark anspannt und ihr Becken eben nicht bewegt. Dann kann die Vagina weniger gut reagieren. «Das ist für einen vaginalen Orgasmus kontraproduktiv», sagt Schütz.

Die Diskussion über den vaginalen und klitoralen Höhepunkt hat im Übrigen Tradition. Schon Sigmund Freud befasste sich damit. Er hatte den Einfall, den selbst gemachten klitoralen Orgasmus als unreif abzustempeln. Und postulierte: Erst wenn der Penis in die Vagina eindringt, sei ein reifer Höhepunkt möglich.

Die grosse Mehrheit der heutigen Frauen sind demnach nur halbe Frauen. «Ein solcher Druck auf die Frau wäre falsch», sagt die Gynäkologin Bischof. Sie betont aber: «Viele meiner Patientinnen wollen, dass der Geschlechtsverkehr erregend ist – und das ist lernbar. Es wäre gemein, ihnen diese Möglichkeit vorzuenthalten.»