Herr Cachelin, können wir uns überhaupt noch im Alltag bewegen, ohne digitale Spuren zu hinterlassen?

Joël Luc Cachelin: Das wird tatsächlich immer schwieriger. Nicht nur, weil wir stets mehr digitale Geräte besitzen und Apps nutzen, die Daten übermitteln. Sondern auch, weil die Apparate von anderen Leuten wiederum Spuren auf unseren Geräten hinterlassen.

Wie das?

Nehmen wir an, Sie besitzen einen Account bei Google-Mail und schreiben mir ein E-Mail. Dabei wird gespeichert, wer wem ein Mail schreibt und was geschrieben steht. Die Daten landen bei Google in Kalifornien – obwohl ich vielleicht eine Person bin, die darauf achtet, so wenig personenbezogene Daten wie möglich preiszugeben.

Wir fühlen uns ohnmächtig: Persönliche Daten gehen auf Weltreise, ob wir wollen oder nicht!

Ohnmächtig bis zu einem gewissen Grad. Denn wir können uns schützen. Etwa, indem wir sogenannte Ad‐Blocker und andere Programme auf unserem Internet-Browser installieren. Diese helfen uns, weniger Spuren zu hinterlassen. Zudem können wir frei entscheiden, ob wir Dateien auf Dropbox laden, Google als Suchmaschine benutzen und mit Kreditkarte bezahlen wollen.

Michaela macht beim Cumulus-Programm mit. Die Migros sagt, sie analysiere und sammle Daten, um Produkte und Dienstleistungen zu verbessern. Ist das wirklich so?

Aus Sicht des Unternehmens schon. Für Firmen sind Daten wertvoll. Einerseits, um den Konsumenten im richtigen Moment mit der richtigen Botschaft und dem richtigen Medium ansprechen zu können. Andererseits, um diejenigen Produkte zu bewerben, die den Kunden interessieren. Zudem sorgt die Datenauswertung dafür, dass jeder Konsument einen Preis vorgeschlagen bekommt, der zu seinem Portemonnaie passt – und der Firma möglichst viel Geld einbringt.

Geht es den Firmen beim Sammeln und Analysieren persönlicher Daten nicht auch darum, Geld zu sparen?

Sicher ist das auch ein Grund. Wenn beispielsweise die SBB dank Datenauswertungen wissen, welche Zugstrecken zu welchen Zeiten wie besetzt sind, können sie der Auslastung entsprechend Personal und Waggons einsetzen. Daten helfen Unternehmen, effizienter zu sein: also sparsamer mit Energie, Personalkosten und Rohstoffen umzugehen.

Sind personalisierte Werbung und individuelle Rabattaktionen ein Grund, warum die Leute ihre Daten zur Verfügung stellen?

Das ist einer, ja. Ein anderer Grund ist die Geiz-ist-geil-Mentalität. Legt man seine Daten gegenüber einem Unternehmen offen, so wird im Gegenzug ein Produkt, eine Dienstleistung billiger. Hinzu kommt, dass viele Leute aufgrund ihres kleiner werdenden Portemonnaies in Zukunft noch mehr auf diese Rabatte angewiesen sein werden.

Manchmal aber müssen wir Firmen Zugang zu gewissen Daten gewähren. Zum Beispiel, wenn Apple uns einlädt, die neue Betriebssoftware zu installieren.

Ja, ich nenne das Update-Zwänge. Auch auf gesellschaftlicher Ebene existieren sie. Beispielsweise sind jetzt alle Zug-Abonnemente der SBB auf einem Chip im Swisspass gespeichert. Auch werden wir in Zukunft nicht mehr zum Arzt gehen, ohne über eine digitale Krankenakte zu verfügen, vielleicht auch unter der Haut. Widersetzt man sich, wird man zu einem gewissen Grad aus der Gesellschaft, aus dem wirtschaftlichen Leben ausgeschlossen.

Das ist paradox: Von den Leuten wird erwartet, dass sie ihre Daten offenlegen. Bei den Unternehmen selber bleibt aber vieles verborgen.

Die sogenannten Offliner, die Update-Zwänge infrage stellen, verlangen genau diese gegenseitige Transparenz. In dieser Hinsicht gibt es ein steigendes Bedürfnis. Kunden möchten wissen, wie die Empfehlungen bei Google und Amazon berechnet werden. Auf politischer Ebene könnten Datenschützer neue Spielregeln definieren oder Alternativen zu Google und Facebook lancieren.

Trotzdem: Die globalen Player wachsen weiter. Google nach dem Grundsatz «10x», zehnmal besser
als die Vorgängerversion, zehnmal besser als die Konkurrenz. Dazu braucht der Konzern Daten, je mehr, desto besser. Ein Teufelskreis?

Ja, aber das ist negativ formuliert. Man kann alternativ auch von Lernprozessen sprechen: Unsere Daten sind die Grundlage für die technische, soziale und wirtschaftliche Innovation. Heikel wird es dann, wenn wir nicht wissen, wann welche Daten gesammelt, wie diese eingesetzt und ob sie verkauft werden. Zudem besteht die Gefahr, dass eine Elite die Daten sammelt, um die Masse zu kontrollieren und die Gewinne einzustreichen. Die Herausforderung wird sein, die negativen Auswirkungen des Datensammelns zu erkennen und gleichzeitig die Systeme intelligenter zu machen.

Die Autorin absolviert die Diplomausbildung Journalismus am Medien-Ausbildungszentrum (MAZ) in Luzern. Dieser und ein weiterer Text sind eine gekürzte Fassung ihrer Diplomarbeit.