Iran

Das letzte grosse Abenteuer unserer Zeit? Unsere Autorin war auf Skitour im Iran

Nach einem Picknick mit Datteln, Frischkäse und Fladenbrot auf dem Berg Shah Karam folgt eine atemberaubende Abfahrt ins Tal von Taleghan.

Nach einem Picknick mit Datteln, Frischkäse und Fladenbrot auf dem Berg Shah Karam folgt eine atemberaubende Abfahrt ins Tal von Taleghan.

Wer mit Tourenski in den Iran reist, wird zuweilen schräg angeschaut. Dabei locken Hunderte spannende Gipfel. Die wahre Entdeckung aber sind die Begegnungen in den Dörfern am Fuss der Berge.

Der alte Mann lächelt. «Das wirst du nicht schaffen», sagt er zu unserem einheimischen Bergführer Mohammad Hajabolfath. Er lebe seit seiner Geburt in diesem Dorf zuhinterst im Tal von Taleghan. Im Winter steige keiner mit Ski auf die Berge. Mohammad Hajabolfath lächelt auch und zeigt ihm unsere Tourenski, die Schuhe, die Steigfelle. Der alte Mann schüttelt den Kopf und schmunzelt.

, sagt er zum Abschied,

Skitouren ist ein junger Sport im Iran. Dies obwohl der Bergsport weit verbreitet ist. Denn der Iran ist ein Land der Berge und der Bergbegeisterten. In über fünfzig Alpenclubs sind Iraner und Iranerinnen organisiert, Jugendliche trainieren in Kletterhallen, Ausflügler gehen am Wochenende wandern, und von der Millionenmetropole Teheran fährt eine Gondelbahn bis auf über 3700 Meter Höhe mitten ins Bergsportgebiet Tochal.

Doch das Skifahren war immer ein Luxussport für Privilegierte, und so fanden Tourenski ihren Weg lange Zeit nicht in die Bergcommunity – allein deswegen, weil die wenigsten iranischen Bergsteiger je Ski fahren gelernt haben.

So ist man im Winter auf Tourenski allein unterwegs zuhinterst im Tale­ghan-Tal. Die Dörfer scheinen im Dornröschenschlaf zu liegen. Nur ein paar gelangweilte Hirtenhunde ziehen bellend durch die Gassen, als wir aufbrechen, einen namenlosen Dreitausender zu besteigen. «Wahrscheinlich eine Ski-Erstbegehung», sagt unser Guide.

Allerdings kaum eine Winter-Erstbegehung, denn iranische Bergsteiger steigen seit Jahrzehnten auch winters auf ihre Berge: mit Gamaschen und Steigeisen, im knietiefen Schnee spurend.

«Doch irgendwann merkten Bergführer wie ich, wie praktisch Tourenski sind», sagt Mohammad Hajabolfath und lacht. Er selbst gehörte zu den ersten, die mit Skitouren begannen. Dann, als die Sanktionen vor einigen Jahren fielen, herrschte Aufbruchstimmung: Mit seinem Kleinstunternehmen begann er, Schweizer Tourenski und Tourenskibindungen zu importieren.

Im Haranaj im Taleghan-Tal eingeladen zu Hause bei unserem Guide Mohammed.

Im Haranaj im Taleghan-Tal eingeladen zu Hause bei unserem Guide Mohammed.

Hier gibt es nur Berge, keine festgelegten Routen

Dennoch wohnt Skitouren im Iran bis heute ein Zauber inne. Vielleicht weil die Flanken weiter und die Gipfel einsamer sind als in den Alpen. Aber allem voran, weil es keine bekannten Skitourenrouten gibt. So lässt sich das Bergsteigen der Pioniere entdecken: In einem Gebiet, in dem es keine «Routen», sondern nur Berge gibt.

Auch an diesem Tag, als wir das Dorf mit seinen bunten Häusern verlassen, an kahlen Pappelhainen vorbeiziehen und einem verschneiten Flusslauf folgen, um dann durch weite Mulden, Buckel und Hänge bergwärts zu steigen.

Im Aufstieg zum Berg Eivaneh passieren wir das Dorf Khochireh.

Im Aufstieg zum Berg Eivaneh passieren wir das Dorf Khochireh.

Drei Stunden dauert es, dann stehen wir auf dem Gipfel. Stellen die Rucksäcke ab, rasten, essen Datteln, Frischkäse und Fladenbrot und blicken um uns. Auf Gipfel, hinter denen sich immer weitere Gipfel erheben, während sich südlich von uns die karge Weite des Flachlands und Städte wie Teheran oder Karaj ausbreiten.

Wir stehen auf der südlichsten Kette des Alborz. Jenes Gebirges, das sich zwischen Kaspischem Meer und Wüste über mehrere hundert Kilometer von Ost nach West zieht. Und aus dem sich auch der höchste Berg des Landes erhebt: Der Damavand, der mit seinen 5610 Meter Höhe alle anderen Gipfel überragt. Ein schlafender Vulkan, tief verankert in der iranischen Mythologie. Der mutige Bogenschütze Arash, der sagenumwobene Vogel Simurgh, das Land der Wahrheit jenseits des Kosmos – sie alle finden sich laut persischen Sagen rund um den Damavand.

In Khochireh im Taleghan-Tal werden wir im Aufstieg zum Berg Eivaneh zum Tee eingeladen.

In Khochireh im Taleghan-Tal werden wir im Aufstieg zum Berg Eivaneh zum Tee eingeladen.

Doch so eindrücklich die Skitouren sind – für uns Westler beginnt das eigentliche Erlebnis immer wieder vor und nach den Touren. In den Dörfern, in denen wir losziehen und ankommen. Etwa wenn wie im Dorf Khochireh eine Tür aufgeht und uns eine Familie in ihre Stube bittet, um mit Kindern und Grossmutter Tee zu trinken. Oder wenn uns auf der Strasse ein Lehrer mitsamt Schulklasse

zuruft oder wir auf dem lokalen Polizeiposten nach der Passkontrolle mit dem Kommandanten für ein privates Erinnerungsfoto posieren. Der Iran, das ist jeden Tag Staunen. Nicht zuletzt darüber, dass man eine indogermanische Sprache – das Persische – mit arabischen Schriftzeichen schreibt. Dass in der islamischen Republik sesshafte Armenier in Kirchen beten und Wein produzieren und in den Tempeln der Zoroaster – der Religion des Gebiets in vor-islamischer Zeit – immer noch heilige Feuer brennen.

Politik, Inflation, Sanktionen liegen weit unter uns

Selbst auf der letzten Skitour der Reise überraschen uns das Land und seine Leute: Wir sind im Gebiet von Dena unterwegs, weit südlich im Zagrosgebirge, das sich über 1500 Kilometer lang vom Norden des Iran bis zum Persischen Golf zieht. Gipfel und Felszacken türmen sich rund um uns auf, alle über 4000 Meter hoch. Steil und weit sind die Schneeflanken.

Acht Stunden lang steigen wir an diesem Tag auf, stemmen uns gegen den peitschenden Wind, über uns ein tiefblauer Himmel, weit unter uns die scheinbar endlose Wüste. Bis wir auf dem Gipfel stehen, umgeben von weiss gleissenden Gipfeln, die zwischen Himmel und Erde zu schweben scheinen.

Teheran mit dem Damavand im Hintergrund, dem grössten iranischen Berg (5610 m ü. M.).

Teheran mit dem Damavand im Hintergrund, dem grössten iranischen Berg (5610 m ü. M.).

Es sind Momente wie diese, in denen wir und die iranischen Bergkameraden den Alltag vergessen. Politik, Inflation, die erneuten Sanktionen, die das Land wirtschaftlich zugrunde richten – sie sind weit weg, verborgen irgendwo im Dunst hinter der Wüste. Die grösste Überraschung des Tages aber folgt in der Abenddämmerung, als der Mond bereits als Sichel im smaragdblauen Himmel hängt und die Gipfel wie schwarze Scherenschnitte aufragen.

Wir sind noch einige hundert Meter über dem Dorf in der Abfahrt, als wir im Schnee eine Fussspur entdecken und einen Holzstock, der als Markierung bei einem Stein steht. Unter dem Stein finden wir einen Plastiksack, darin eingewickelt drei Fladenbrote und sechs Datteln, daneben auf Persisch im Schnee geschrieben: «Auf dass euch die Kraft nicht verlässt.»

Später erfahren wir, dass der ältere Herr Qhassem zu Fuss aufgestiegen ist, um für uns Proviant zu deponieren. Er, der Mann mit dem traurigen Lächeln und dem sanften Blick, den wir tags zuvor im Dorf am Fuss des Berges getroffen haben. Der uns beim Nachtessen zeigte, wie man Walnüsse mit einem Messer öffnet, und uns bat, den Leuten im Westen auszurichten, sie alle seien in seinem Dorf willkommen. «Egal, welcher Hautfarbe und Religion.»

Am Tag nach der Skitour treffen wir Qhassem nicht mehr. Doch wir deponieren einige Tafeln Schokolade für ihn und lassen ihm ausrichten, dass wir uns an seine Bitte erinnern werden. Dann laden wir Rucksäcke und Tourenski in den iranischen Jeep und fahren zurück Richtung Isfahan und Teheran.

Hinweis
Im Alpinen Museum der Schweiz ist noch bis zum 12. April 2020 die kleine, feine Ausstellung «Iran Winter – abseits der Piste» zu sehen. Darin kommen Iranerinnen und Iraner zu Wort, die von ihrer Bergverbundenheit erzählen. Caroline Fink ist Co-Kuratorin der Ausstellung.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1