Ein Bericht aus dem Kanton St. Gallen zeigt: Obwohl der Schweizer Botschafter in den 1980er-Jahren vor Babyhandel in Sri Lanka warnte, stoppten die Behörden die Adoptionen nicht. Psychologin Irmela Wiemann erklärt, weshalb das Wissen über die eigenen Wurzeln derart wichtig ist – und was es für Betroffene einer illegalen Adoption heisst, wenn sie ihre Angehörigen nicht finden können.

Frau Wiemann, der Adoptionsskandal in Sri Lanka holt die Schweiz fast vierzig Jahre später ein. Weshalb erst jetzt?

Irmela Wiemann: Weil erwachsene Adoptierte bei ihrer Suche auf Widersprüche stossen. Viele machen sich erst mit weit über 30 Jahren auf den Weg, die leiblichen Angehörigen ausfindig zu machen. Denn das ist ein enorm anstrengender und psychisch schmerzhafter Prozess. Vorgängig müssen viele Ängste und Unsicherheiten überwunden werden. Adoptierte sind oftmals schon ein grösseres Stück ihres Lebensweges gegangen, bevor sie sich auf die Suche nach ihren Wurzeln machen. Bei Frauen löst nicht selten auch die Geburt eigener Kinder das tiefe Bedürfnis aus, die leibliche Mutter kennen zu lernen.

Sind die Dokumente gefälscht, lassen sich die Angehörigen nicht finden. Was löst das aus?

Eine unglaublich tiefe Verzweiflung. Wir kennen das auch von Kindern, die in Babyklappen gelegt oder anonym geboren worden sind. Ist die Suche zusätzlich mit langen Reisen und dem Erfassen einer neuen Kultur verbunden, braucht es sehr viel Kraft, einen solchen Rückschlag zu verarbeiten. Viele geben aber nicht auf. Ich kenne erwachsene Adoptierte, die fanatisch weitersuchen, im Internet Millionen von Hinweisen nachgehen – und nichts anderes mehr machen. So schwierig die Situation ist, müssen sie lernen, irgendwann einen Schlussstrich zu ziehen.

Wie schaffen es Betroffene, loszulassen?

Diejenigen, die selbst eine Familie gründen, können die Situation besser akzeptieren. Mit ihren Kindern bekommen sie leibliche Angehörige und wissen, wie sich diese Verbundenheit anfühlt. Doch damit ist es nicht getan; auch in ihrer neuen Rolle müssen sie Frieden mit dem eigenen Schicksal schliessen. Das schaffen die Betroffenen nur, wenn sie der Trauer einen ständigen Platz im Leben einrichten. Also jener Grundtrauer Raum geben, die leiblichen Eltern niemals finden zu können.

Obwohl viele Adoptierte betonen, bei ihren Adoptiveltern Fürsorge und Liebe bekommen zu haben, suchen sie ihre leiblichen Angehörigen. Weshalb ist das Wissen über die biologische Herkunft derart wichtig?

Die Gründe dafür sind vielfältig. Für viele Adoptierte fühlt es sich an, als ob sie durch den Verlust ihrer ersten Eltern einen Teil von sich verloren haben. Einige wollen herausfinden, wem sie körperlich ähnlich sind oder was für Konstitutionen sie haben. Jene, die ihre Eltern gefunden haben, sagen, dass sie ab diesem Moment Boden unter den Füssen spürten – und wüssten, wer sie sind. Es ist irrational, aber ganz tief in uns Menschen verankert, dass wir die biologische Verwandtschaft als derart bedeutungsvoll erleben.

Wurde das unterschätzt?

Das Leiden von Adoptierten wird bis heute unterschätzt. Adoptiveltern sind sich oft nicht der Tragweite des Kummers und der Zerrissenheit ihrer Kinder bewusst. Wer den Schmerz wahrnimmt, weiss, dass eine Adoption nicht die beste Lösung ist. Dennoch kann es nach wie vor sinnvoll sein, Kindern hierzulande eine Chance auf Ausbildung und gute ökonomische Sicherheit zu geben. Wenn dies denn in ihrer Heimat nicht möglich ist. Ich spreche nicht für eine Art Ethnozentrismus, dass jeder dort bleiben soll, wo er geboren wurde. Das finde ich falsch. Aber wir dürfen nicht übersehen, dass Adoptierte verschiedene Identitäten in sich tragen. Und dass es ein langwieriger Prozess ist, bis sich die unterschiedlichen Welten in ihnen bestmöglich verbunden haben.

Adoptierte berichten auch von einem «Trauma des Weggegebenseins». Wie zeigt sich das?

Von den eigenen Eltern getrennt worden zu sein, ist die tiefste Verletzung, die einem Menschen widerfahren kann. Und die steckt in jedem Adoptivkind. Ihren Schmerz verwalten sie ganz unterschiedlich. Es gibt Adoptierte, die tun so, als ob nichts gewesen wäre. Das sind oft jene, die erst sehr spät mit der Herkunftssuche beginnen. Andere weinen von klein auf und trauern. Geben die Adoptiveltern dem Schmerz ihrer Kinder Platz, helfen sie ihnen langfristig, damit zurechtzukommen. Heute fahren Adoptiveltern oftmals mit den Kindern in die Herkunftsländer und suchen die Angehörigen. Das ist zwar ein psychisch enorm anstrengender und aufwühlender Prozess. Aber die Kinder können die Trennung dadurch besser in ihr Leben integrieren. Sie kommen meistens gefestigt zurück.

In welchem Alter stellen adoptierte Kinder Fragen zu ihren Wurzeln?

Das ist unterschiedlich. Sind die Kinder von ihren Adoptiveltern gut aufgeklärt, fragen teilweise schon Vierjährige: Weshalb hat mich meine erste Mama nicht gewollt? Liegt das an mir? Ich kenne aber auch Kinder, die halten sich die Ohren zu, wenn ihre Adoptiveltern ihnen die Herkunft erklären wollen. Sie haben Angst und noch nicht die Kraft, die beiden Welten innerlich zu verbinden. Eine Reise ins Herkunftsland ist in diesen Fällen zu früh.

Wann raten Sie Adoptiveltern, mit dem Kind über seine Herkunft zu sprechen?

So früh wie möglich – damit das Kind sein Herkunftsland innerlich gar nicht von sich wegschieben muss. Adoptierte Kinder aus fernen Ländern sehen ja, dass sie in ihrem Äusseren nicht der Mehrheitsgesellschaft entsprechen. Gleichzeitig identifizieren sie sich mit ihren hellhäutigen Adoptiveltern und finden ihr Aussehen problematisch. Es braucht viel Unterstützung und Empowerment, damit die Kinder sich selbst annehmen können. In früheren Jahren gab es jedoch ein stillschweigendes Übereinkommen zwischen Adoptierten und Adoptiveltern, dass jeder Schmerz und jedes Anderssein ausgeklammert wird.

Weshalb gibt es dieses Tabu nicht mehr?

Erwachsene Adoptierte sind in den 90er-Jahren laut geworden und haben auf ihren Schmerz und ihre extreme Entwurzelung hingewiesen. Fachleute begannen, sich mit ihren Biografien auseinanderzusetzen. Als eine der ersten Psychologinnen habe ich darauf hingewiesen, wie wichtig die Herkunftsfamilie für die Adoptierten bleibt. Das löste anfänglich viel Gegnerschaft aus. Denn lange wollte man nicht erkennen, welche Trauer in diesen Kindern steckt.

Es gibt aber auch Adoptierte, die nicht nach ihren Wurzeln suchen wollen.

Es gibt unterschiedliche Bewältigungsstrategien, wie Betroffene auf die Trennung von der ersten Familie reagieren. Eine ganze Reihe von Adoptierten sagt: Ich weiss auch so, wer ich bin; ich habe ein sicheres Zuhause bei meinen Adoptiveltern gehabt und möchte mich nicht mit den existenziellen Fragen einer Herkunftssuche beschäftigen. Das ist legitim. Jeder Mensch muss für sich klären, wie er mit seiner Geschichte am besten leben und dabei gesund bleiben kann.

Viele Adoptierte suchen explizit nach der Mutter. Wieso spielen die Väter eine untergeordnete Rolle?

Wegen der gesellschaftlichen Rollenverteilungen. Frauen wird bei einer Schwangerschaft und Geburt mehr Verantwortung zugeschrieben. Gleichzeitig lokalisieren Adoptierte ihren Schmerz bei der Mutter, weil sie in ihrem Bauch herangewachsen sind: Weshalb hat sie mich weggegeben, wenn sie mich neun Monate lang in sich trug? Kaum ein Kind fragt hingegen, weshalb der Vater es nicht aufgenommen hat, wenn der Mutter die Lebensbedingungen dazu fehlten. Die Väter interessieren erst zu einem späteren Zeitpunkt bei der Herkunftssuche.

In der Schweiz müssen Bund und Kantone nun das dunkle Kapitel der Sri-Lanka-Adoptionen aufarbeiten. Ist es damit getan?

Die Behörden, aber auch die Gesellschaft müssen von der Vergangenheit lernen. Auch wenn es heute viel mehr Kontrollen und Kinderrechtskonventionen gibt: Es ist nie auszuschliessen, dass Menschen künftig versuchen, sich durch Adoptionen zu bereichern. Insbesondere internationale Adoptionsvermittler müssen höchste Vorsicht walten lassen und ganz genau hinschauen, was vor Ort geschieht.