Tiere

Das Leben ist ungerecht: Fliegen leben kaum einen Tag, Schildkröten über 100 Jahre – warum eigentlich?

Langsam essen, langsam bewegen: So wird man über 100 Jahre alt wie diese Galapagos-Schildkröte.

Langsam essen, langsam bewegen: So wird man über 100 Jahre alt wie diese Galapagos-Schildkröte.

Ihr Leben führen Tierarten sehr unterschiedlich – von extrem lang bis zu wenigen, aber umso intensiveren Tagen.

Das Leben könnte kaum unterschiedlicher sein: Während der Türkise Prachtgrundkärpfling im Südosten Afrikas sein ganzes Leben in gerade einmal zwei Wochen quetscht, nimmt sich der Grönlandhai dafür bis 500 Jahre Zeit. Manche Eintagsfliegen wiederum spulen ihr gesamtes Erwachsenen-Programm von der Partnersuche bis zum Eierlegen ohne einen einzigen Happen zu fressen sogar in weniger als einer Stunde ab.

Da geht es Menschen und Orcas doch erheblich besser, auf die ein Rentenalter wartet. Doch warum gibt es diese Vielfalt der Lebenszyklen? Biologen kennen die Antwort: Damit nutzen die Tiere die ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen möglichst gut aus. So liegt die Heimat des Türkisen Prachtgrundkärpflings in Erdlöchern in Simbabwe und Mosambik, die sich erst dann mit Wasser füllen, wenn nach einer langen Trockenzeit die lang ersehnten, heftigen Regenfälle niedergehen.

Ein Häuflein von Zellen wartet ab

In der Tropensonne trocknen diese Stellen nach zwei Wochen aus und die nicht einmal fingerlangen Fischlein müssen sich sputen. Ihre Eier verbuddeln sie im schlammigen Grund ihres Wasserlochs. Mangels Sauerstoff entwickelt sich der Nachwuchs dort zu einem winzigen Häuflein von Zellen, dann wartet er erst einmal ab.

Sobald der Tümpel ausgetrocknet ist, kommt wieder frische Luft zu den Eiern und die Entwicklung geht weiter. Ist der Embryo fertig, beginnt die nächste Wartezeit auf den grossen Regen, der das Wasserloch flutet und so einen neuen Startschuss gibt.

Irgendwann in der kurzen Lebenszeit des Fisches kommt vielleicht ein durstiges Elefanten-Baby am Wasserloch vorbei, das froh um die Grossmutter ist. Denn deren in vielen Jahrzehnten angesammeltes Wissen kann das Überleben der gesamten Gruppe retten. Wo findet sich in der Dürreperiode noch ein Wasserloch? Die Oma erinnert sich. Welche Pflanzen kann man fressen, wenn Blätter, Wurzeln und Gräser knapp werden?

Manchmal führen die alten Elefantenkühe in Tansania ihre Gruppe aus den Savannen bis auf 3000 Meter Höhe ins Gebirge, um dort ein Heidekrautgewächs zu mampfen, in dem gleich noch Wirkstoffe gegen Parasiten stecken. «Diese für die Gruppe so wichtige Erfahrung dürfte einer der Gründe sein, aus denen Elefanten so alt werden», erklärt Alexander Scheuerlein, Evolutionsforscher am Max-Planck-Institut in Rostock.

Die Chance für einen kleinen Elefanten, das Erwachsenenalter zu erreichen, ist in Gruppen mit Grossmüttern zehnmal grösser als in einer Herde ohne.

Aus dem gleichen Grund werden auch andere Säugetiere sehr alt, die grossen Wert auf ein intaktes Sozialleben legen: Die Orca-Seniorinnen bringen den jungen Schwertwalen zum Beispiel bei, wie sie einen ähnlich grossen Hai mit einem Karateschlag mit der Schwanzflosse erbeuten können. Und wenn ein kleiner Orca geboren wird, bilden zwei Senioren eine Art lebende Wiege, in der sie den Youngster an die Wasseroberfläche tragen, wo er seinen ersten Atemzug macht.

Welcher Lebensstil für ein Tier am besten ist, hängt von einer ganzen Reihe von Faktoren ab. «Entscheidend ist die Geschwindigkeit, mit der die Lebensprozesse ablaufen, sowie die Chancen, sich erfolgreich fortzupflanzen, und das Todesrisiko», schliesst Kevin Healy von National University of Ireland in Galway aus einer Untersuchung an 121 Arten vom Menschen bis zu Schwämmen.

Flink und sexuell aktiv, aber nur kurzlebig

So pflegt eine Maus einen flinken Lebensstil, ihr Herz schlägt 600 Mal in der Minute und sie hat viele Feinde. Prompt werden diese 30 Gramm schweren Tiere nur zwei oder drei Jahre alt, bringen in dieser Zeit aber möglichst viele Junge zur Welt. Genau wie wir Menschen haben Elefanten dagegen kaum Feinde und einen weniger hektischen Lebensstil. Da lohnt es sich, in die Ausbildung der wenigen Nachkommen zu investieren.

Noch einmal anders sieht es bei Krokodilen und Schildkröten aus, die ein Leben lang weiter wachsen. Je älter und grösser die Tiere werden, umso mehr Energie können sie in ihren Nachwuchs stecken. Deshalb legen sie im Alter oft mehr Eier. 256 Jahre soll eine Aldabra-Riesenschildkröte von den Seychellen auf dem Rückenpanzer gehabt haben, als sie im Jahr 2006 im biblischen Alter von 256 Jahren im Zoo von Kalkutta starb.

Den Altersrekord hält ein Grönlandhai, den Julius Nielsen von der Universität von Kopenhagen 2016 untersucht hat. Das Tier hatte wohl im frühen 17. Jahrhundert das spärliche Licht der Tiefsee erblickt und war bereits 392 Jahre alt. Das Geheimnis seines Alters verbirgt sich in der Kälte der arktischen Gewässer.

Dort läuft der Organismus auf Sparflamme und ein fünf Meter langer Grönlandhai schwimmt in einer Stunde gerade einmal 1220 Meter weit, 2,6 km/h Spitze. Kein Wunder, wenn die grossen Haie so nur wenig Beute machen. «So haben sie relativ wenig Energie zur Verfügung und wachsen daher langsam», erklärt Kevin Healy.

Aber auch Winzlinge mit einem sehr agilen Leben können ein Methusalem-Alter erreichen. Eine zehn Gramm schwere Grosse Bartfledermaus in Sibirien hatte mindestens 42 Jahre auf dem Buckel. Zum einen haben diese Art nur wenige Feinde. Und zum anderen läuft ihr Organismus nur in der warmen Jahreszeit auf Hochtouren.

Wenn es im Herbst kalt wird, fällt die Bechstein-Fledermaus in den Winterschlaf. Ein ähnlicher Rhythmus wird auch vielen Menschen nachgesagt, die auf Kreta in der Tourismus-Branche ihr Geld verdienen. Und dort sehr alt werden.

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