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«Das ist einfach Gymnastik mit Geschlechtsteilen»: Brigitte Obrist über Trauma, Schmerz und Sexarbeit

«Prostitution ist nicht mehr als Gymnastik mit Geschlechtsteilen»: Brigitte Obrist blickt auf ihr Leben zurück

«Ich habe mich nicht gross für Jungs interessiert»

Brigitte Obrist über ihre Jugendjahre, ihr Trauma, ihre Arbeit als Prostituierte und die momentane Situation als IV-Bezügerin.

Mit 13 vergewaltigt, mit 20 Prostituierte, zuletzt mit eigenem Salon. Als Aushängeschild der Aids-Hilfe wurde die Aargauerin Brigitte Obrist zur bekanntesten Sexarbeiterin der Schweiz. Heute ist die 55-Jährige arbeitsunfähig und steht als kritisierte IV-Bezügerin wieder im Rampenlicht. Im «SommerTalk» blickt sie auf ein bewegtes Leben zurück.

25 bis 35 Anfälle in 24 Stunden. Es ist der Kopfschmerz, der jetzt Brigitte Obrists Leben bestimmt. «Wenn ein Anfall vorüber ist, probiere ich diesen zu vergessen», sagt die 55-Jährige in der Sendung «SommerTalk» auf Tele Züri zu Moderatorin Patty Boser.

Eine Strategie, die die Aargauerin im Laufe ihres Lebens immer wieder anwendet. Die Geschichte beginnt an der Laufenburger Fasnacht Anfang der 60er Jahre. Mit 13 wird Brigitte Obrist vergewaltigt.

Das Mädchen aus konservativem Hause, aufgewachsen auf einem Bauernhof im Fricktal. «Zuhause bin ich dann geschlagen worden, die Mutter hat mich als Hure betitelt», erzählt Obrist.

Mit 20 wird sie genau das: Prostituierte. Einige Jahre später betreibt sie bereits einen eigenen Salon. Bis sie ihr Trauma überwunden zu haben glaubt, durch das Gefühl der Macht: «Durch ihre Lust waren mir die Männer ausgeliefert.» Vieles habe sie zu dieser Zeit aber auch einfach verdrängt.

«Geheult wie ein Schlosshund»

Später amtet Brigitte Obrist als Projektleiterin bei der Aids-Hilfe Schweiz, setzt sich für die Rechte der Prostituierten ein. In diesem Zusammenhang wird sie zu einer Ausstellung über Kindsmissbrauch nach Graz eingeladen – da bricht der Damm. «Ich bin nachhause gefahren und habe geheult wie ein Schlosshund.» Zusammen mit einer Therapeutin arbeitet sie endlich auf, was sie so lange verdrängt hat.

Heute ist Obrist aufgrund ihrer Kopfschmerzattacken arbeitsunfähig, bezieht schon seit Ende der 90er-Jahre eine IV-Rente. «Cluster-Kopfschmerz» nennt man die Form von Kopfschmerz, an der Obrist leidet. Plötzliche, starke Schmerzattacken, die sie nur durch das Spritzen eines gefässverengenden Mittels lindern kann.

Sehen Sie hier die Sendung «SommerTalk» mit Brigitte Obrist in voller Länge:

Brigitte Obrist

Still ist sie nicht geworden. 2014 erhebt die Auensteinerin gegen ein SVP-Plakat Strafanzeige, zudem wird ihr ihre Aktivität in den Sozialen Medien zum Verhängnis: Aufgrund anonymer Beschwerden wird ihre Situation neu beurteilt, 2017 dann die IV-Rente gekürzt. Sie wird bedroht.

Es gibt sie, die Momente der Verzweiflung, manchmal auch der Unsicherheit, sagt Brigitte Obrist. Und da kommt sie wieder zum Einsatz: die Fähigkeit der Brigitte Obrist, sich emotional zu distanzieren. (smo)

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