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«Das Handy auf dem Tisch ist ein No-Go»

Susanne Abplanalp: «Es gibt doch oft gar keinen Grund, sich in guter Gesellschaft mit dem Handy zu beschäftigen!»Thinkstock

Susanne Abplanalp: «Es gibt doch oft gar keinen Grund, sich in guter Gesellschaft mit dem Handy zu beschäftigen!»Thinkstock

Was tun, wenn man im Zug sitzt und der Chef anruft? Wann darf man auf die Smartwatch schauen und wann nicht? Die Knigge-Fachfrau Susanne Abplanalp weiss Rat im Umgang mit den digitalen Alltagsherausforderungen

Frau Abplanalp, darf man im Restaurant das Handy auf den Tisch legen?

Susanne Ablanalp: Nein! Das Handy auf den Esstisch zu legen, und dann noch im Restaurant, ist ein absolutes No-Go. Schliesslich sollte das Gegenüber immer das Wichtigste sein. Das Handy auf dem Tisch vermittelt aber genau das Gegenteil: Nämlich «ich interessiere mich nicht wirklich für dich», beziehungsweise «etwas anderes ist mir wichtiger».

Ist das nicht etwas altmodisch? Sollten die Knigge-Regeln nicht einfach angepasst werden?

Nein, überhaupt nicht, meines Erachtens ist der Peak erreicht und der Trend geht in eine andere Richtung. Inzwischen haben die meisten, auch Jugendliche, realisiert, dass man sich mit den Geräten nichts Gutes tut und dass Beziehungen darunter leiden. Es gibt doch oft gar keinen Grund, sich in guter Gesellschaft mit dem Handy zu beschäftigen! Man ist durch die eintreffenden Informationen abgelenkt und kann sich gar nicht richtig auf das Gegenüber konzentrieren.

Jetzt könnte es sein, dass ein wichtiger Anruf erwartet wird. Was dann?

Dann sollte das Gegenüber darüber informiert werden, dass ein wichtiger Anruf erwartet wird. Noch besser ist eine rhetorische Frage wie «Darf ich das Handy eingeschaltet lassen, denn ich erwarte noch einen wichtigen Anruf?» Damit stösst man eher auf Verständnis. In der Regel handelt es sich um persönliche oder geschäftliche Notfälle. Was mit Sicherheit nicht gut ankommt, ist nichts zu sagen, und das Handy auf den Tisch zu legen.

Das mit dem geschäftlichen Notfall kann nach zehn Jahren Ehe langsam stören.

Leider ist es nun mal so, dass dadurch, wie wir sagen, «quality time» verloren geht. Es ist nicht möglich im Hier und Jetzt beim Partner zu sein und gleichzeitig mit den Gedanken beim letzten Mail oder SMS. Paare sollten sich Inseln schaffen. Also Zeit miteinander verbringen, in der bewusst auf das Handy verzichtet wird. Das sollte möglich sein, auch in den Ferien.

Was, wenn der Partner nicht will?

Dann wird es zum Problem, der Gebrauch von Medien kann zur Sucht werden. Oftmals ist es aber auch einfach die Angst, etwas Dringendes zu verpassen. Deshalb sollte man unbedingt erklären, weshalb man erreichbar sein muss. Es ist es wichtig, einander zu verstehen und zu versuchen, Kompromisse zu finden. Gleich verhält es sich übrigens mit der Uhr.

Man tappt also auch mit der Smart-Watch in eine Anstands-Falle?

Genau, es verhält sich gleich, wie mit dem Handy. Wer dauernd darauf schaut, zeigt, dass er eigentlich woanders sein sollte.

Heute hat ja keiner mehr Zeit – auch der Zug verwandelt sich zur Telefonkabine. Das ist nervig.

Das ist ein grosses Problem – es ist nicht mehr möglich, sich im Zug zu entspannen. Schade, dass die SBB die Ruhe-Abteile vor sieben Jahren abgeschafft hat. Stört jemand sehr, darf man diese Person auch höflich darauf hinweisen, dass es unangenehm ist und dass man froh wäre, wenn es etwas ruhiger wäre. Geht die Person nicht darauf ein, wechselt man am besten den Platz.

Und umgekehrt: Was, wenn mich mein Chef in einer dringenden Sache anrufen sollte?

Erklären Sie ihm, dass Sie im Zug sind, hören Sie ihm zu und bieten Sie einen Rückruf an. Halten Sie sich diskret, sprechen Sie leise und nennen Sie niemals Namen oder Zahlen.

Stichwort Chef und soziale Medien: Wie verhalte ich mich als treuer Angestellter gegenüber meinem Vorgesetzten auf Facebook?

Ein Chef muss verstehen, wenn ein Angestellter nicht mit ihm auf Facebook befreundet sein will. Sollte eine Freundschaft bestehen: Wenn ich etwas toll finde, kann ich auch mal etwas liken. Aber sicher nicht alles liken, nur, um um die Gunst des Chefs zu kämpfen.

Was halten Sie von Selfies?

Ich würde sie dosiert einsetzen – bei einer speziellen Situation ist ein Selfie noch lustig. Heute kommuniziert man halt so – zum Beispiel vor dem Kolosseum in Rom.

Darf man dazu einen Selfie-Stick nutzen?

Der Stick ist für alleinreisende Touristen in Ordnung, aber sonst, naja (lacht). Als erwachsene Person in einer Gruppe würde ich einen Selfie-Stick nie verwenden.

Welche drei Handy-Faustregeln würden Sie einem 12-Jährigen mit auf den Weg geben?

Erstens: Schreibe nie etwas, das du der Person nicht direkt ins Gesicht sagen würdest. Zweitens: Schicke keine Fotos, die du im Nachhinein bereuen könntest. Und drittens: Mach Handy-Pausen und trete mit den Personen direkt in Kontakt.

Und was hat das mit Anstand zu tun?

Der Punkt ist, dass man eher dazu neigt, unanständig zu werden, wenn man die Person nicht direkt vor sich hat. Es ist einfach, sich hinter dem Handy zu verstecken, und jemanden verbal zu beleidigen oder Fotos zu verschicken, die je nachdem zum grossen Problem werden können.

Ein grosses Problem für viele Eltern ist es, diese Regeln durchzusetzen.

In erster Linie sollten Eltern ihre Vorbildfunktion wahrnehmen. Wenn sie selber immer und überall online sind, dann haben sie eine schlechte Ausgangslage. Ich rate, Familienregeln zu vereinbaren, zum Beispiel, dass die Handys beim Essen in den Taschen bleiben und dass die Geräte vor dem Schlafengehen auf dem Stubentisch deponiert werden.

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