Eine Frau schildert vor Gericht ihre Vergewaltigung. Sie klagt an – und fordert 100 Franken vom Täter. So viel hat das Kleid gekostet, das bei der Tat zerriss und schmutzig wurde. Die Frau berichtet zwar von der sexuellen Gewalt, die ihr angetan wurde. Sprachlos ist sie am Ende trotzdem: Der Richter erkundigt sich bei ihr, ob sich das Kleid denn nicht einfach waschen liesse.

Ebenfalls im Gerichtssaal sass Agota Lavoyer. Für die stellvertretende Leiterin von der Berner Opferberatungsstelle Lantana zeigt die Frage des Richters vor allem eines: «Es ist erschreckend, wie wenig Fachwissen über sexuelle Gewalt existiert.» Lavoyer weiss von Polizistinnen, die Frauen fragten, ob sie die Tat nicht hätten verhindern können.

Oder von Prozessen, in denen darüber debattiert wurde, wie hoch der Alkoholpegel der Frau war. Auch sei Opfern sexueller Gewalt schon vor Gericht vorgehalten worden, dass sie zu emotionslos über die Tat sprechen würden. Dabei schaffen es nur wenige, eine Vergewaltigung oder sexuelle Gewalt anzuzeigen.

Lediglich 8 Prozent der betroffenen Frauen erstatten Strafanzeige. Das zeigt eine Studie des Forschungsinstituts Gfs Bern, die Amnesty International Schweiz in Auftrag gegeben hat. Deren Geschäftsleiterin, Manon Schick, bezeichnete gestern gegenüber den Medien die Resultate als schockierend: «Die in der Kriminalstatistik erfassten Fälle sind nur die Spitze des Eisbergs.» Sexuelle Gewaltdelikte blieben in der Schweiz in den allermeisten Fällen unbestraft.

Übergriffe finden zu Hause statt

Rund 4500 Frauen ab 16 Jahren hatten an der Befragung teilgenommen. Jede fünfte gab dabei an, sexuelle Gewalt erlebt zu haben. Und: Mehr als jede zehnte Frau hatte schon Geschlechtsverkehr gegen ihren Willen. Hochgerechnet sind dies etwa 430'000 Frauen – also etwa so viele Menschen, wie in der Stadt Zürich wohnen.

Die Täter sind mehrheitlich keine Unbekannten: Mehr als jeder zweite Übergriff findet durch jemanden aus dem Bekanntenkreis statt. Etwa die Hälfte der Taten passieren denn auch in einer privaten Wohnung.

Anders ist dies bei sexuellen Belästigungen. Diese finden meistens im öffentlichen Raum statt: auf der Strasse, in Bars und Clubs oder im öffentlichen Verkehr. Wie bereits die MeToo-Debatte gezeigt hat, ist das Phänomen weitverbreitet.

Von den befragten Frauen wurden über alle Altersgruppen hinweg 59 Prozent schon einmal unerwünscht berührt, umarmt oder geküsst. Vor allem jüngere Frauen werden auch online sexuell belästigt. In den sozialen Medien wird etwa ihr Körper kommentiert oder sie bekommen eindeutige Fotos zugeschickt.

Amnesty hat die Präsentation der Studie gleichzeitig genutzt, um eine Petition zu lancieren. Sie verlangt von Justizministerin Karin Keller-Sutter (FDP), das Sexualstrafrecht zu reformieren. Geht es nach Amnesty, sollen sexuelle Handlungen ohne Einverständnis strafbar werden.

Das heisst: Es bräuchte für ein Sexualdelikt nicht mehr Gewalt, Drohungen oder psychischen Druck. Künftig würde ein Nein reichen. Unterstützung erhält Amnesty dabei von Strafrechtsexperten wie Nora Scheidegger (siehe Interview) oder Martino Mona. Damit dürfte in der Schweiz jene Diskussion lanciert sein, die bereits in Deutschland oder Schweden emotional geführt wurde.

Die Scham der Frauen

Agota Lavoyer, die regelmässig Opfer berät, begrüsst die Petition. Sexuelle Gewalt löse häufig einen Schock aus, der den Körper erstarren lässt, sagt sie. Obwohl Opfer deutlich Nein gesagt hätten, würden sie sich im Nachhinein oft selber vorwerfen, sich nicht gewehrt zu haben. Das ist ein Grund, weshalb sie sich niemandem anvertrauen.

Wie gross dieses Schweigen ist, zeigt die Gfs-Studie. Nur die Hälfte der Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt hatten, sprachen mit einer Vertrauensperson darüber. Das sei verheerend, sagt Lavoyer. «Je länger das Trauma nicht aufgearbeitet wird, umso gravierender können die Folgen sein.» Viele erlebten Albträume oder Flashbacks. Letztere können beispielsweise durch den Geruch von Alkohol ausgelöst werden, wenn der Täter danach gerochen hatte. In der Folge meiden die Betroffenen soziale Kontakte und ziehen sich zurück.

Weitaus seltener als einer Freundin (51 Prozent) vertrauen sich Opfer der Polizei (10 Prozent) an, wie die Studie zeigt. Als Gründe nannten die Befragten Scham, das Gefühl, chancenlos zu sein, oder Angst, dass ihnen nicht geglaubt würde. «Die Vergewaltigungsmythen sind auch in den Köpfen der Opfer verankert», sagt Lavoyer. Dazu gehören Fragen, wie: Weshalb bin ich nachts allein nach Hause gegangen? Wieso bin ich bei ihm ins Auto eingestiegen?

Mythen seien ebenfalls im Justizsystem verbreitet, sagt Lavoyer. Ein Fall, der ihr besonders geblieben ist: Ein Richter fordert ein Vergewaltigungsopfer auf, sich neben den Täter zu stellen. Die Frau sei grösser und etwas breiter als der Mann gewesen. Daraufhin fragte der Richter in den Saal: Wer kann sich vorstellen, dass dieser Mann diese Frau vergewaltigt hat?