150 Grindwale an der Küste Australiens, 49 Delfine an einem Strand in Argentinien: In den vergangenen Tagen sind Dutzende Meeressäuger an Land gespült worden, die meisten von ihnen sind gestorben.

Dass in wenigen Tagen gleich zwei Tiergruppen gestrandet sind, dürfte Zufall sein. Allerdings verenden immer wieder grössere Gruppen von angeschwemmten Meeressäugern an den Küsten. Die Gründe dafür sind noch nicht geklärt. Doch die Wissenschaft hat verschiedene Erklärungsansätze. Wir stellen sechs davon vor.

■ Sonnenstürme stören die Orientierung 

Eigentlich haben Zahnwale, zu denen etwa Delfine, Schwertwale, Pottwale und Grindwale zählen, eine gute Orientierung. Diese kann aber leicht gestört werden. Zum Beispiel durch Sonnenstürme. Wissenschafter vom Forschungs- und Technologiezentrum in Büsum, Deutschland, haben herausgefunden, dass 90 Prozent der Pottwale zwischen 1712 und 2003 dann an den Nordseeküsten strandeten, wenn es auf der Sonne heftig zuging.

Zahnwale tragen in ihrer vorgewölbten Stirnpartie die sogenannte Melone. Das ist ein schwammiges Gewebe, das mit Magnetkristallen angereichert ist. Diese benötigen die Tiere neben ihrem körpereigenen Sonarsystem zur Navigation. Vermutlich stört eine hohe Sonnenaktivität aber ihre Magnetfelder. In sonnenstürmischen Zeiten verirren sich wohl deshalb mehr Wale.

■ Unwetter bringen die Tiere von ihrer Route ab 

Viele Meeressäuger unternehmen lange Wanderungen zwischen ihren Jagdgründen und ihren Heimatgewässern. Eine Gruppe von Pottwalen, die 2016 an der Nordseeküste angeschwemmt wurde, kam gerade aus Norwegen. «Dort hatten sie sich mit einer Tintenfischart sattgefressen, die es in der Nordsee nicht gibt», sagt der Meeresbiologe Uwe Piatkowski vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Er hatte damals die Wale untersucht.

Sie waren auf dem Rückweg ins Paarungsgebiet vor den Azoren. In diesen Tagen war das Wetter stürmisch. Die wilde See drängte die Tiere von ihrer Route bis in die Nordsee. Die Wale, darauf gepolt die Azoren zu erreichen, schwammen weiter und weiter nach Süden, bis sie an die deutsche Nordseeküste gelangten.

■ Signale funktionieren im flachen Wasser nicht mehr 

Man mag sich fragen: Wenn die Tiere an der Küste ankommen, warum drehen sie nicht einfach wieder um? Wale scannen ihre Umgebung mithilfe eines Echolot-Systems. Sie geben Töne von sich, die von der Umgebung reflektiert und dann wieder von den Meeressäugern registriert werden. So weiss ein Wal, ob er zum Beispiel auf eine Felswand oder ein Schiff zusteuert.

Im flachen Wasser funktioniert das allerdings nicht. Die Tiere senden die Signale nach vorne aus. Kommt nichts zurück, schwimmen sie weiter und merken zu spät, dass das Wasser flach ist. Zusammen mit starken Gezeiten wird die Küste dadurch zur Todesfalle. Denn ein Pottwal auf Land wird von seinem eigenen Gewicht erdrückt.

■ Lärm verwirrt die Tiere oder lässt sie fliehen 

In Regionen, in denen Sonargeräte bei Schiffen oder U-Booten zum Einsatz kommen, verhalten sich Wale untypisch. Eine bestimmte Art von Schnabelwalen bleibt zum Beispiel länger unter Wasser, wenn sie Sonargeräuschen ausgesetzt ist. Ihr verändertes Tauchverhalten wiesen Biologen der Non-Profit-Organisation Foundation for Marine Ecology and Telemetry Research nach. Andere Wale fliehen vor dem Lärm. Ob das dazu führt, dass die Tiere letztendlich stranden, ist jedoch nicht gänzlich geklärt.

■ Niemand wird zurückgelassen 

Wale sind hochsoziale Tiere. Verliert das Leittier die Orientierung, schwimmen die anderen vertrauensvoll hinterher. Geht es einem Mitglied der Gruppe schlecht, bleiben die anderen bei ihm – auch wenn das den Tod aller bedeutet. Das geht so weit, dass einige Säuger zum Strand zurückkehren, nachdem Helfer sie zurück ins Wasser gezogen haben.

■ Plastik im Magen erschwert den Weg 

Häufig ist der Mensch schuld, wenn es den Meeressäugern körperlich schlecht geht. Uwe Piatkowski und seine Kollegen haben in den Mägen einiger Walkadaver am Nordseestrand grosse Mengen Plastik gefunden: Fischernetze, Autoteile, Plastiktüten oder gar zerdrückte Abfalleimer. Mit solch unverdaulicher Kost im Magen fällt den Tieren die Wanderung schwerer. Viele sterben an dem Müll.