SIM-Karte

Das Auto als Spion: Wie Autobauer bald unsere Daten abschöpfen können

Die SIM-Karte kann den Autobauern mitteilen, welche Musik ein Autofahrer hört und wie lange er wo unterwegs ist.Thinkstock

Die SIM-Karte kann den Autobauern mitteilen, welche Musik ein Autofahrer hört und wie lange er wo unterwegs ist.Thinkstock

Ab April ist jedes neue Automodell mit einem automatischen Notrufsystem ausgestattet. Dazu gehört eine SIM-Karte, mit der Autobauer Daten abschöpfen können. Wie privat ist das eigene Fahrzeug noch?

Ihr Auto empfinden wohl die meisten Menschen als privaten Raum, fühlen sich darin unbeobachtet. Doch diese Privatsphäre löst sich mehr und mehr auf: «Längst sind moderne Autos nicht mehr nur Fahrzeuge, sondern leistungsfähige Computer, die aufzeichnen, was um sie herum und in ihrem Inneren geschieht», sagt Bernhard Gerster, Professor für Automobiltechnik an der Berner Fachhochschule. So enthalten neuere Modelle bis zu 200 Sensoren, welche die Technik überwachen und das Fahren sicherer machen sollen. Daneben werden aber auch Daten aufgenommen, die weniger mit dem Betrieb des Autos zu tun haben als mit dem Verhalten der Fahrer – etwa solche zum Fahrstil oder wann und wie lange jemand im Auto unterwegs ist. Und: Viele neuere Automodelle übermitteln die gesammelten Daten an die Hersteller.

Das hat letztes Jahr auf eindrückliche Weise ein Test demonstriert, den der «Kassensturz» zusammen mit dem deutschen Automobil-Club ADAC durchgeführt hat. In dem Test haben Ingenieure vier Automodelle unter die Lupe genommen: einen Renault Zoé, einen Mercedes der B-Klasse und zwei BMW-Modelle, einen 320 und das Elektromobil i3. Zur Überraschung der Ingenieure haben drei der Modelle – Ausnahme war der Mercedes – an die Hersteller beispielsweise weitergegeben, wie oft der Gurtstraffer aktiviert wurde, wie häufig die Lenker den Fahrersitz neu einstellten oder welche Adressen das Navigationsgerät suchte. Beim Renault wurden ausserdem Kontaktdaten aus dem Handy versendet, das mit dem Entertainment-System synchronisiert war, und beim BMW 320 konnten die Hersteller erfahren, welche Musik im Auto lief. Für Bernhard Gerster ist das unverständlich: «Solche Daten haben mit der Verbesserung des Betriebs oder der Sicherheit überhaupt nichts zu tun.»

Technologie soll Leben retten

Möglich ist die Übermittlung der Daten über in den Fahrzeugen eingebaute SIM-Karten, welche Datenpakete über das Mobilfunknetz verschicken. Dass immer mehr Autos mit eigenen SIM-Karten ausgerüstet sind, hat unter anderem mit der EU-weiten Einführung eines automatischen Notrufsystems namens eCall112 zu tun. Auch in der Schweiz müssen ab April alle neu zugelassenen Automodelle mit eCall112 ausgerüstet sein. Dabei handelt es sich um ein kleines Kästchen mit Sensoren, GPS-Empfänger und SIM-Karte, das im Armaturenbrett eingebaut ist.

Das System erkennt, wenn ein Unfall passiert, und sendet sofort automatisch einen Notruf an eine der rund 60 dafür vorgesehenen Notrufzentralen der Polizei in der Schweiz. Damit will man erreichen, dass Rettungskräfte noch schneller am Unfallort eintreffen und helfen können. EU-weites Ziel ist es, die Zahl der Verkehrstoten um die Hälfte zu reduzieren, sagt Guido Bielmann, Mediensprecher des Bundesamts für Strassen (Astra). Das automatische Notrufsystem ist streng geregelt: eCall112 zeichnet keine Daten auf, sondern wird erst aktiv, wenn es mit seinen Sensoren feststellt, dass ein Unfall geschehen ist.

Ein guter Tausch

Weit weniger strikt geregelt ist indessen die Einflussnahme der Autohersteller. Diese haben sich auf die EU-weite Einführung von eCall112 vorbereitet und nutzen die SIM-Karte im Auto, um sogenannte Zusatzdienste anzubieten. Ob Fahrzeugortung, die Festlegung des eigenen Fahrerprofils mit gespeicherter Sitzeinstellung sowie dem Lieblings-Radiosender oder die Synchronisierung des Entertainment-Systems mit dem Handy: Wer die Dienste nutzt, stimmt auch der Sammlung von Daten zu.

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Aus Sicht der Autokonzerne sind solche Zusatzdienste notwendig, um nicht in einer Sackgasse zu landen. Denn in Europa ist der Automobilmarkt gesättigt, mit dem Verkauf von Fahrzeugen allein lässt sich auf absehbare Zeit nicht mehr viel Geld verdienen. Deshalb überlegen sich VW und Co. andere Geschäftsmodelle, mit denen sich Gewinn machen lässt. «Gerade die Informationen von den Autofahrern können sehr lukrativ sein», sagt Bernhard Gerster. Sie lassen sich für kostenpflichtige Dienstleistungen verwenden oder verkaufen, zum Beispiel an Werbefirmen. So sei laut Gerster vorstellbar, dass in Zukunft das Navi selbst entscheide, ob es einen Autofahrer an einer Migros oder einem Coop vorbeilotst – je nachdem, welcher Anbieter den Autohersteller dafür bezahlt hat.

Immerhin: Gemäss Datenschutzgesetz müssen die Autohersteller ihren Kunden mitteilen, welche Daten sie sammeln und was mit diesen geschieht, zumindest was personenbezogene Daten angeht. Und mit einer neuen Gesetzesänderung auf EU-Ebene muss der Konsument seine Zustimmung für die Datensammlung geben. Doch es ist zu einem guten Teil den Autokonzernen überlassen, wie direkt und offen sie die Kunden informieren – ob öffentlich im Internet oder verklausuliert im Kleingedruckten des Kaufvertrags. Zudem gelten diese Bestimmungen nur für personenbezogene Daten. Wenn die Hersteller die Informationen anonymisiert weiterverarbeiten, müssen sie die Einwilligung der Kunden nicht einholen.

Autobauer brauchen Vertrauen

Doch gerade auf das Vertrauen ihrer Kunden sind die Autokonzerne in Zukunft angewiesen. Denn je autonomer das Autofahren wird – und in diese Richtung geht die Entwicklung –, desto stärker vernetzt müssen die Fahrzeuge sein. Schon heute besitzen viele Neuwagen Fahrassistenzsysteme, die mittels Kameras, Radar und anderen Sensoren beobachten, was um das Auto herum geschieht. «Um zukünftig ganz autonom zu fahren, müssen die Fahrzeuge aber 200 bis 300 Meter nach vorne schauen können», sagt der Berner Professor Bernhard Gerster. Zum Beispiel, damit Autos weiter vorne den nachfolgenden mitteilen können, wenn sie auf einen Stau zufahren. Das setzt voraus, dass die Autos untereinander vernetzt sind. «Dabei wird es für die Autobesitzer umso wichtiger zu wissen, welche Daten im Auto bleiben, welche versendet werden und wie die Autokonzerne übermittelte Daten weiterverwenden.» Gerster wünscht sich deshalb von den Autoherstellern mehr Transparenz – nur so sichern sie sich in der Bevölkerung das nötige Vertrauen in die Zukunft des Autofahrens.

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