Es hätte die nächste Revolution werden sollen in der Erfolgsgeschichte von Wikipedia: An der Wikimania-Konferenz 2012 stellte Wikipedias Chefdesigner Brandon Harris sein «Projekt Athena» vor. Harris wollte Wikipedia wieder auf den Stand der Zeit bringen: Sein Entwurf sah ein völlig neues Aussehen vor. Mit attraktiven Benutzerprofilen und einer verstärkten Einbindung in Social-Media-Plattformen hätten neue Autoren auf den Geschmack kommen sollen.

Doch der Widerstand der alteingesessenen Wikipedianer war gross. Man sei nun mal eine textbasierte Plattform und wolle nicht zu einem zweiten Facebook verkommen, hiess es. Das «Projekt Athena» verlief im Sand. Die Autorenzahl sank weiter.

40 Prozent Autoren weniger

Einer Statistik der Wikimedia-Stiftung zufolge hat sich die Zahl aktiver Autoren, die pro Monat fünf oder mehr Beiträge auf der deutschsprachigen Wikipedia bearbeiten, von Anfang 2007 bis Ende 2015 um mehr als 40 Prozent verringert: von über 9000 auf 5000.

Unter den aktiven Autoren sind zudem immer mehr PR-Spezialisten, die gegen Lohn die Wikipedia-Seiten von Firmen unterhalten oder auch Bundesbeamte, die Einträge zur Luftwaffe schönfärben. Sie alle kommen mit dem Bearbeiten von Wikipedia-Artikeln gut zurecht. Anders sieht es bei vielen Personen aus, die neu einsteigen wollen.

So lautet der erste Satz des Wikipedia-Eintrags zur Schweiz, wenn man ihn bearbeiten will. Dieser Quelltext lässt die Herzen von Computerfreaks höher schlagen und schreckt Neulinge ab. Illustration: PAT/Wikipedia

Beim Editieren ist man auf «Wikitext» angewiesen (siehe Bild). Das schreckt Laien ab. So sahen es mehrere Wikipedianer, die das «Projekt Athena» befürworteten. Registrierten Benutzern steht als Alternative ein einfacherer visueller Editor zur Verfügung, der sich allerdings tief in den Einstellungen versteckt. Bei modernen Blog-Plattformen wie Wordpress sind visuelle Editoren hingegen Standard, Kenntnisse in Computersprachen sind kaum nötig.

«Simple visuelle Editoren sind für Normalbürger viel einfacher zu bedienen. Deshalb ziehen sie mehr Leute an», sagt Michael Renner, Leiter des Instituts für Visuelle Kommunikation an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Basel und Experte der digitalen Entwicklung. Seinen ersten Lohn verdiente er 1986 als Grafikdesigner bei Apple in Kalifornien.

Für die Leser hat sich das Erscheinungsbild von Wikipedia seit 2004 kaum verändert. «Das Design von Wikipedia ist uralt», sagt Claudia Mareis, Professorin für Designtheorie am Institut für experimentelle Design- und Medienkulturen der FHNW. Das alte Design sei mit ein Grund dafür, dass immer weniger Menschen bei Wikipedia mitschreiben wollen, ist Mareis überzeugt: «Jede Website lässt sich verbessern. Auch Wikipedia könnte noch vieles optimieren.» Mareis nennt ein Beispiel dafür: «Leser sollten stärker zur Mitarbeit eingeladen werden. Dafür müsste die Bearbeitungsmöglichkeit offensiver sichtbar gemacht werden. Ein moderneres, zugänglicheres Design würde dabei sicher helfen.»

Alte Helfer schliessen Neue aus

Selber hat Claudia Mareis schon versucht, bei Wikipedia mitzuwirken, das Experiment aber schnell wieder abgebrochen. «Es gibt gewisse Hierarchien und soziale Ausschlussmechanismen, die Neulingen schnell die Freude an der Mitarbeit nehmen. Sie werden ständig auf ihre Fehler hingewiesen und der Einstieg in die Diskussion ist schwierig. Das wirkt nicht gerade motivierend.» Darin sieht Mareis den Hauptgrund dafür, dass Wikipedia die Helfer ausgehen. Und darin liegt auch der Grund für das Klischee des durchschnittlichen Wikipedianers, das dem Klischee von Beamten erstaunlich ähnlich ist: kleinlich und pingelig.

Für Leser sieht Mareis im veralteten Aussehen von Wikipedia aber Vorteile: «Ähnlich wie viele wissenschaftliche Arbeiten zeichnet sich der Look von Wikipedia dadurch aus, dass er wenig gestaltet ist. Diese simple Ästhetik vermittelt den Anschein von Funktionalität und Seriosität», so Mareis. «Mit diesem Eindruck der Neutralität unterscheidet sich Wikipedia von Facebook», sagt zudem Michael Renner.

Weil die Wikipedia an diesem Unterschied festhält und eingefleischte Wikipedianer nicht vergraulen will, läuft sie Gefahr, in der Zeit zurückgeworfen zu werden: Anno 2003 hiess es in ersten Medienberichten zu Wikipedia noch, sie beende das Zeitalter des Einbahnstrassen-Internets, weil jeder mitarbeiten kann und immer mehr das auch tun. Heute tun das nur noch wenige.