Familieninterview

«Dann muss ich eben auf der Kuhwiese landen» - Ein Segelflieger erzählt

Ein Treffen auf neutralem Terrain: Der passionierte Segelflieger empfängt seinen Neffen ohne Vorliebe für luftige Höhe im 12. Stock des Basler Markthallen-Turms. Stefan Bohrer

Ein Treffen auf neutralem Terrain: Der passionierte Segelflieger empfängt seinen Neffen ohne Vorliebe für luftige Höhe im 12. Stock des Basler Markthallen-Turms. Stefan Bohrer

Thomas Mosberger, der Onkel von «Nordwestschweiz»-Sportredaktor Etienne Wuillemin, spricht im Interview über Grenzerfahrungen beim Segelfliegen und das Glück, mit 55 Jahren in Pension gehen zu können.

Es ist Sonntag vor Heiligabend. Soeben ist mein Onkel von Namibia zurückgekommen. Wie jedes Jahr genoss er in der Segelflug-Lodge «Bitterwasser» zwei Monate beste Flugbedingungen. Zurück in der Schweiz erzählt er mir von seiner Faszination fürs Fliegen, waghalsigen Landungen und eifersüchtigen Deutschen.

Lieber Thomas, stimmt es, dass du so fasziniert bist vom Fliegen, weil der Liebhaber eurer Nachbarin seinen Sportflieger jeweils direkt neben eurem Garten abstellte?

Thomas Mosberger: Ja! Stell dir vor, in einer Zeit, in der bei uns im Dorf nur der Käser ein Auto hatte – da kommt einer mit dem Flugzeug. Das war ein Wahnsinns-Ereignis für uns Jungs, wie eine Mondlandung. Das ist aber nur der eine Teil der Geschichte.

Und der andere?

Als kleiner Bub entwickelte ich wegen Erzählungen der Nachkriegszeit eine Angst vor Fliegern. Als ich in der Nähe des Hüttwilersees einmal der Familie Kartoffeln sammeln half und dringend auf die Toilette musste, schickte mich meine Mutter an den See. Dort probte ein Militärflieger direkt über meinem Kopf einen Bombenabwurf. Ich habe fast in die Hose gemacht. Aus dieser Angst ist später aber eine Leidenschaft geworden.

Wann hast du begonnen mit dem Segelfliegen?

1976, in Basel. Bis ich meinen ersten Flug alleine starten durfte, vergingen zwei Jahre. Durch Zufall traf ich am Flugplatz Herrmann Fuhrer wieder – jenen Liebhaber unserer Nachbarin, der mich mit seinem Flugzeug als Kind so fasziniert hatte. Er war es auch, der mich bei meinem ersten Solo-Segelflug hochzog.

Im Gegensatz zu dir bin ich viel zu ängstlich für die Fliegerei. Aber einmal, als Jugendlicher, sass ich bei dir als Co-Pilot im Segelflieger – und musste mich bald übergeben.

Das kommt selbst bei den besten Piloten vor (lacht).

Bei dir auch?

Mittlerweile nicht mehr. Aber am Anfang der Flugsaison kann es jeden erwischen. Weil der Körper nicht mehr an das Gefühl in der Luft gewohnt ist. Dann muss man entweder wieder landen – oder sich kurz übergeben.

Seit 25 Jahren fliegst du jedes Jahr auch in Namibia. Warum dort?

Die Bedingungen zum Segeln sind perfekt. Es gibt nur eine Stunde Zeitverschiebung zu Europa und keinen Jetlag. Ich konnte abends um 17 Uhr aus dem Geschäft laufen, am nächsten Mittag sass ich in Namibia im Segelflieger.

In der Nähe von Windhoek hast du mit drei Schweizer Freunden die Lodge «Bitterwasser» aufgebaut. Am Anfang stand eine Blechhütte mit zwei Pritschen, um zu übernachten. Wie wurde daraus eine Lodge für 100 Leute?

Am Anfang stand ein Todesfall. Der frühere Eigentümer verlor seine Frau, die herzkrank war. Und mit ihr von einem Tag auf den anderen die Lust. Er wollte den ganzen Karsumpel verkaufen. Wir dachten nur: «Um Gottes willen, nein! Dieses gewaltige Refugium für Segelflieger darf unmöglich untergehen und muss
der fliegerischen Nachwelt erhalten bleiben.»

Also habt ihr euch zusammengesetzt …

… und die Lodge per Handschlag gekauft. Die notarielle Übergabe fand erst ein Jahr später statt. Danach suchten wir möglichst viele Leute in ganz Europa, die Interesse hatten, mitzumachen und in ihren Ländern für «Bitterwasser» zu werben. An der Gründerversammlung waren wir bereits 14 Aktionäre, eine Aktie kostete 30 000 Franken. Die Deutschen – heute in der Mehrheit – sind übrigens immer noch eifersüchtig, dass das Überleben der Lodge Schweizern zu verdanken ist (lacht).

Sind die Reisen nach Namibia eine Flucht vor der Schweiz?

So krass ist es nicht. Aber manchmal tut es gut, in einer anderen Zivilisation zu leben. Ich fand und finde es toll, der Informationsflut zu entfliehen. Zwei Monate lang kein Telefon, keine Nachrichten, einfach nur Ferien und Segelfliegen, da komme ich als ganz anderer Mensch nach Hause.

Letztes Jahr wurdest du zum ersten Mal Schweizer Segelflug-Meister. Was bedeutet dir dieser Titel?

Wir waren zu zweit. Mein Partner in Namibia fragte mich, ob ich Lust hätte. Ich habe zugesagt, obwohl ich eigentlich keine Wettbewerbe mehr fliegen will. Der grösste Erfolg war aber nicht dieser Titel, sondern der dritte Rang im «Online Contest». Jeder Pilot der Welt kann seine (realen) Flüge hochladen. 12 000 und 13 000 nehmen teil, die sechs besten Flüge zählen. Es geht darum, möglichst weit zu fliegen, mein weitester war 1368 Kilometer. Mit 62 noch vorne mitmischen können und den Jungen Paroli bieten, das war schön.

Wie lange dauert so ein Flug?

Acht bis neun Stunden.

So lange in einem engen Segelflieger, das ist ja nicht auszuhalten!

Doch, doch! Und das, obwohl ich mich zwischendurch kaum ausruhen kann (lacht). Alle dreissig Sekunden muss ich eine wegweisende Entscheidung treffen. Es ist so, als würdest du im Auto neun Stunden lang mit 120 km/h durch eine Stadt brettern – ohne Pause. Energieriegel und viel Wasser helfen.

Muss ein Segelflieger nie aufs WC während eines Flugs?

Dafür gibt es kleine Plastiksäcke. Und die Frauen benutzen Pampers.

Wie stehst du zum Wettbewerbsfliegen?

Früher war das ein Kick. Fliegen ist das eine, sich messen mit Kollegen das andere. Gleiche Zeit, gleicher Ort, gleiche Aufgabe – und die Frage: Wer ist schneller, wer ist cleverer? Das ist fast wie eine Droge. Aber Wettbewerbsflüge gehen immer auch ein wenig auf Kosten der Sicherheit. Häufig stürzen die allerbesten Piloten ab, weil sie sich auf einmal überschätzen. Es gibt Piloten, die haben das Glück, dass sie eine Situation überleben, in der sie hinterher merken: «Ui, das war knapp – und eigentlich schon über der Grenze.» Andere stürzen dann eben schon bei der ersten Grenzerfahrung ab.

Gibt es einen konkreten Tag, an dem du deine Grenzerfahrung gemacht hast?

Nein, aber ich hatte wohl einige Male Glück, wenn ich daran denke, dass ich etwa 60- bis 70-mal unterwegs landen musste, in einem Acker, in einem Feld, auf einer Wiese, einfach irgendwo im Kraut. Und nie ist etwas kaputt gegangen. Doch, jetzt kommt mir eine Situation in den Sinn …

… Erzähl!

In Österreich musste ich an einem Wettbewerb eine Aussenlandung fliegen. Den ganzen Tag herrschte Westwind, doch kurz vor der Landung drehte der Wind plötzlich. Ich sollte auf einem Feld landen. Zuhinterst war eine Baumreihe. Weil ich vom Wind plötzlich so angeschoben wurde, wäre ich in diese Bäume gekracht. Im letzten Moment sah ich einen Acker, konnte den Flieger über die anliegende Strasse reissen, unter der Hochspannungsleitung durch, direkt in eine Kuhwiese. Dann stieg ich aus, mit Puls 180, schlotternden Knien und nebendran rief ein Autofahrer begeistert: «Mensch war das ’ne tolle Landung!» Wenn der wüsste …

Denkst du als Segelflieger häufig über den Tod nach?

Nein. Überhaupt nicht. Segelfliegen ist trotz allem eher sicherer als Autofahren, es hat viel weniger Verkehr in der Luft. Und die Vorbereitungen sind viel seriöser als beim Autofahren. Es käme einem Segelflieger nie in den Sinn, einen Schluck Alkohol zu trinken vor dem Einsteigen in den Flieger, nie.

Ein befreundeter Basejumper hat mir einmal gesagt: «Wenn ich von einem betrunkenen Autofahrer überfahren würde, wäre meine Seele zerstört. Wenn ich beim Basejumpen sterbe, dann waren die letzten Sekunden vor dem Tod wunderschön.»

Ich finde, jeder Sprung respektive jeder Flug wäre einer zu früh. Ich möchte nicht beim Segelfliegen sterben. Segelfliegen ist zu schön, um dabei umzukommen. Aber wenn es so ist, dann ist es so. Es wäre sicher nicht die schlimmste Art zu sterben.

Apropos Alter, du konntest dich mit 55 Jahren frühpensionieren. Was muss ich machen, damit ich das auch kann?

Dann musst du irgendwann im Leben einmal bereit sein, ein Risiko einzugehen. Sonst geht es wahrscheinlich nicht. Dich vielleicht selbstständig machen, ein Business auf die Beine stellen. Bei mir lag die Gastronomie auf der Hand, ich habe ja nie etwas anderes gemacht. Um Erfolg zu haben, musst du viel «krampfen», immer ein bisschen mehr als die anderen. Und fairerweise muss ich auch sagen: Ohne Glück geht es nicht.

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