Medienwandel

Dank Live-Videos: Facebook wird zum neuen CNN

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Facebook entwickelt sich mit seinen Live-Videos immer mehr von einem Social Medium zu einem Fernsehmedium. Doch die Kontrolle dessen, was auf Sendung geht, wird immer schwieriger.

Das persönliche Fernsehen beginnt, wenn man sich bei Facebook einloggt. Man braucht nur zu scrollen, schon sieht man Bilder von Freunden, Links zu lustigen Geschichten und Live-Videos. Man lässt sich berieseln wie vor der Glotze.

In der Nacht, in der ein Attentäter in Dallas fünf Polizisten auf einer Kundgebung gegen Rassismus und Polizeigewalt erschoss, twitterte der Tech-Reporter des «Wall Street Journal», Scott Austin: «CNN zeigt nur Facebook-Live-Videos.» CNN galt einst als Katalysator der Globalisierung, das seine oft lärmigen News aus aller Welt in die Wohnstuben trug. Gründer Ted Turner konzeptualisierte die Globalisierung als «Vorspultaste», die es in Zeitlupe zu analysieren gelte. Im CNN- Center in Atlanta waren die Mitarbeiter stolz darauf, binnen 24 Stunden TV-Teams mit komplettem Equipment an jeden Punkt der Erde schicken zu können.

Dan Rather, dem US-Publikum als Moderator von «The CBS Evening News» bekannt, ist inzwischen Anchorman von Facebook, wo er exklusiv für sein Publikum sendet. Als Lavish Reynolds, genannt «Diamond», die tödlichen Schüsse auf ihren Freund Philando Castile filmte und die Bilder über Facebook in die Welt sendete, verfolgten Millionen Menschen die Szene live auf ihrem Smartphone. Das Smartphone-Display ist zur Mattscheibe geworden. Es braucht heute keine Fernsehkameras und Übertragungswägen von CNN mehr, um den Schrecken zu dokumentieren. Es genügt eine Handy-Kamera und das Smartphone als TV-Apparat in der Hosentasche.

Seit kurzer Zeit pusht Facebook Live-Videos, damit sie in der Nachrichtenfülle nicht untergehen. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg schrieb in einem Posting: «Während ich hoffe, dass wir nie wieder ein Video wie das von Diamond sehen, erinnert es uns daran, warum das Zusammenkommen, eine offene und vernetzte Welt zu schaffen, so wichtig ist.» Lavish Reynolds wurde mit diesem Video zur Live-Reporterin, die die Szene als Beweismittel gegen die Polizeigewalt auf ihrem Handy festhielt.

Vom Essen bis zur Schiesserei

Das markiert auch einen Wandel der Informationsgesellschaft. Der Smartphone-Nutzer ist Sender und Empfänger zugleich. Facebook braucht keine Inhalte zu produzieren, die Nutzer liefern den Content selbst. «Die Welt wird zum Live-Stream, eine instantane Projektion von allem, was um uns herum passiert – vom Essen, das wir in einem Restaurant geniessen, bis zur Schiesserei in der Nachbarschaft», sagt Carlo Ratti, Direktor des SENSEable City Lab am MIT und einer der Vordenker der Digitalisierung, im Gespräch mit dieser Zeitung.

Auf Facebooks «Live Map» kann man auf einer Weltkarte wie in einem Kaleidoskop jeden Livestream einschalten und die Welt in Echtzeit sehen: ein Sambatänzchen in Rio, eine Messe in Nigeria oder ein Fussballspiel in Thailand. Es ist faszinierend, diese Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit anzuschauen. Man kann sich wie bei einem Fernsehgerät durch Millionen Live-Sender klicken. Veranstalter übertragen Podiumsdiskussionen live auf Facebook, Fussballklubs Pressekonferenzen und Städte den ersten Spatenstich von Bauprojekten. Und sogar das TV-Duell der US-Präsidentschafts-Kandidaten wurde vorgestern Nacht live übertragen.

Die US-Sendergruppe ABC News wird drei der vier TV-Duelle im US-Präsidentschaftswahlkampf live auf Facebook streamen. Zwei Stunden vor jeder Debatte werden die ABC-Moderatoren Matthew Dowd und Elzie Lee Granderson eine Vorberichterstattung («Strait Talk») exklusiv auf Facebook übertragen.

Facebook und ABC kooperierten bereits bei den Debatten im demokratischen und republikanischen Vorwahlkampf. Auch Konkurrent Twitter, der im Echtzeit-Rennen derzeit noch die Nase vorn hat, wird beim TV-Duell Bildmaterial des Senders CBS News ausstrahlen. Dass TV-Sender mit sozialen Netzwerken, die mit Live-Videos auf deren ureigenen Terrain wildern und ihren Markenkern angreifen, zusammenarbeiten, überrascht zunächst ein wenig.

TV-Stationen gewinnen Reichweite

Doch für die trägen TV-Flaggschiffe, die über ihre Zielgruppe meist nicht hinauskommen, lassen sich durch soziale Netzwerke beträchtliche Reichweitengewinne erzielen. Die Berichterstattung über den demokratischen und republikanischen Parteikonvent, die ABC auf Facebook live streamte, verzeichnete 28 Millionen Aufrufe. Während Twitter so etwas wie der Marktplatz der digitalen Welt ist, wo jeder seine Meinung kundtun kann, ist Facebook das neue Lagerfeuer, an dem sich die Internet-Gemeinde wärmen kann. Facebook ist zum Welt-TV avanciert, das 1,7 Milliarden Menschen auf dem Globus erreicht.

«Vor dem Hintergrund der Marktdurchdringung von Tablets und Smartphones und einer 24/7-Kultur werden Videos immer beliebter», erklärt die Trend-Analystin Susan Schreiner von C4 Trends im Gespräch mit dieser Zeitung. Facebook generiert täglich mehr als acht Milliarden Videoklicks. «Facebooks Live-Video-Funktion ist eine natürliche Erweiterung als neue Content-Form», konstatiert Schreiner. «Das langfristige Ziel ist es, die Nutzer länger auf der Plattform zu halten, damit sie wertvoller für Anzeigenkunden werden.»

Facebook könnte TV-Sendern Werbeeinnahmen streitig machen. Das Problem ist, dass bei Facebook keine Redakteure entscheiden, was auf Sendung geht, sondern Algorithmen. Und weil selbst die mächtigsten Maschinen mit dem Filtern der gigantischen Datenmengen überfordert sind, poppen zuweilen auch Videos auf, die potenzielle Werbekunden abschrecken könnten: Videos von Terroristen etwa wie des Attentäters Larossi Abballa, der den Dreifachmord in einem Polizeikommissariat bei Paris filmte und die von ihm kommentierten Aufnahmen dreizehn Minuten lang als Livestream ins Internet stellte.

Facebook tüftelt daher wie Konkurrent Youtube an einem System, mit dem gewaltverherrlichende Bilder, etwa Propagandamaterial des IS, automatisch blockiert oder sofort aus dem Netz genommen werden. Eine Art algorithmische Polizei. Wer entscheidet, was gezeigt wird, ist allerdings wichtiger als die Kontrolle von Bildern. Facebook als neues Internet-Fernsehen muss diese Schleusenwärterfunktion erfüllen. Sonst könnte sich die Macht der Bilder leicht in eine Ohnmacht der TV-Herren verwandeln.

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