Familieninterview

«Dadurch wurde Adolf Hitler automatisch mein zweiter Patenonkel»

Silvia Schaub mit ihrer Tante Gerta Kollmann in ihrer Küche im österreichischen Södingberg.harald klemm

Silvia Schaub mit ihrer Tante Gerta Kollmann in ihrer Küche im österreichischen Södingberg.harald klemm

Gerta Kollmann aus Österreich hätte eigentlich Stefanie heissen sollen. Warum sie trotzdem Gerta heisst und wieso Adolf Hitler ihr Patenonkel ist, verrät sie im Familieninterview mit der «Leben & Wissen"-Redaktorin Silvia Schaub.

Es ist Adventszeit, als ich meine Tante im steirischen Dorf Södingberg besuche, wo auch meine Mutter aufgewachsen ist. Es riecht schon köstlich nach «Backhendl», das mir Gerti später auftischt.

Ich bin zum ersten Mal während der Adventszeit bei dir zu Gast. Es ist alles so schön geschmückt.

Gerta Kollmann: Das ist bei uns immer so. Vor allem meine Tochter Maria schaut für die schöne Dekoration. Ich machte das früher auch, aber viel einfacher, weil ich mir das nicht leisten konnte. Damals legte man einfach ein paar Tannenäste auf.

Wie verbringt ihr die Vorweihnachtszeit?

Mit viel Hektik und vielen Vorbereitungen.

Zum Beispiel für deinen 75. Geburtstag, den du bald feiern wirst.

Das verschieben wir in den Januar. Jetzt hat doch niemand Zeit. Ich bin auch nicht für grosse Feiern. Ich weiss nicht, ob ich das von Haus aus bin oder ob ich dazu erzogen wurde. Mein Vater sagte immer: Der Charakter ist ein eisernes Hemd, das man nicht einfach ablegen kann.

Du wurdest in eine unruhige Zeit hineingeboren.

Ja, das stimmt. Am 17. Dezember 1938 gab es zwar noch keinen Krieg, aber Österreich war bereits an Deutschland angeschlossen. Die NSDAP von Adolf Hitler war hier bereits sehr präsent.

Das hat sich sogar auf deinen Namen ausgewirkt, nicht wahr?

Genau. Meine Eltern wollten mich Stefanie nennen. Aber die Ortsparteileitung war mit diesem Namen nicht einverstanden, weil er ihnen zu christlich war.

Darum mussten deine Eltern einen neuen Namen suchen?

Ich weiss nur, was mir später erzählt wurde. Jedenfalls zeigte sich die Ortsparteileitung dann mit dem deutschen Namen Gerta einverstanden. Dadurch wurde Adolf Hitler automatisch mein zweiter Patenonkel.

Das musst du mir genauer erklären, weshalb du zu diesem besonderen Patenonkel gekommen bist.

Einen Moment, ich hole das Mutterkreuz. Siehst du, da stehts drauf: 16.12.1938. Man sieht es nicht mehr gut, es ist ja auch schon 75 Jahre alt.

Aber du bist doch einen Tag später geboren?

Ja. Es ist auch nicht mein Geburtsdatum, sondern das Datum, an dem Adolf Hitler per Verordnung das Ehrenkreuz der Deutschen Mutter, kurz Mutterkreuz, ins Leben gerufen hat. Weil ich am nächsten Tag als 14. Kind unserer Familie geboren wurde, bekam es meine Mutter als eine der Ersten verliehen. Es gab drei verschiedene Ausführungen davon: für 4 und 5 Kinder in Bronze, für 6 und 7 Kinder in Silber und ab 8 Kindern in Gold. Ab dem 7. Kind übernahm Adolf Hitler automatisch die Patenschaft mit allen Pflichten.

Aber wohl nur auf dem Papier. Gesehen hast du ihn nie, oder?

Nein. Dafür haben wir etwas Geld erhalten. Jedenfalls theoretisch. 50 Deutsche Mark. Das Geld wurde von der Ortsparteileitung Geistthal eingelegt, damit ich es bei Volljährigkeit ausbezahlt bekomme. Und Silvia, stellt dir vor, als ich 21 Jahre alt war und es abheben wollte, hiess es bei der Sparkasse, das Geld sei ihnen zwar in dunkler Erinnerung, es wäre aber nicht mehr da.

Also war es verschwunden?

Alles war weg. Es wurde meinen Eltern auch nichts ausgehändigt, kein Formular oder Ähnliches. Ich denke, dass die Ortspartei das einfach hat verschwinden lassen.

Hat deine Mutter das Kreuz getragen?

Wenn meine Mutter den amtlichen Weg gehen oder einkaufen musste, hat sie das Kreuz getragen. So wurde sie bevorzugt behandelt. Ansonsten weiss ich wenig aus dieser Zeit. Damals hat man nicht so darüber gesprochen, weisst du.

War es denn eine Ehre, das Mutterkreuz zu bekommen oder wurde man dafür geächtet?

Eine zwiespältige Sache. Ich denke, die treuen Anhänger haben das sicher bewundert, die anderen haben sich nicht dazu geäussert, schliesslich war ja das Hakenkreuz drauf, was sowieso verpönt war.

Wie war das für dich, einen solchen Patenonkel zu haben?

Hitler war eine Schreckensperson. Es werden immer wieder Hitler-Filme gezeigt im Fernsehen, da muss ich wegschalten. Das ist für mich ein Gräuel. Stolz bin ich nicht darauf. Aber meine Eltern hatten wohl gar keine andere Wahl in jenen Zeiten.

Du hast auch einen deiner Brüder im Krieg verloren.

Ja, und ich kann mich auch noch daran erinnern, wie Graz bombardiert wurde, obwohl ich damals noch ein Kind war. Die Flieger sind fast über unser Hausdach geflogen, es war ein Riesenlärm und wir mussten immer die Fenster verdunkeln.

Es muss ja ganz viele solche Paten-Kinder wie dich gegeben haben?

Zur damaligen Zeit gab es ja überall viele Kinder. Ich habe nie jemanden getroffen, der Hitler auch als Patenonkel hatte. Ob die anderen das Kreuz weggeworfen haben, weiss ich nicht.

Dein Bruder hat das Kreuz aber aufbewahrt.

Als meine Mutter mit 60 Jahren starb, hat mir mein Bruder das Mutterkreuz gegeben. Er sagte mir, ich solle es in Ehre halten. Und das werde ich auch.

Es ist schliesslich ein Teil deiner Lebensgeschichte. Von deiner Jugend weiss ich fast gar nichts. Wo bist du aufgewachsen und welchen Beruf hast du erlernt?

Aufgewachsen bin ich auf einem Bauernhof in Geistthal bei meinen Eltern. Damals war das nicht selbstverständlich, weil bei Grossfamilien oft Kinder von Verwandten aufgezogen wurden. Ich bekam noch zwei Schwestern, also waren wir dann 16 Kinder. Eine Ausbildung konnte ich aus finanziellen Gründen nicht machen. So habe ich in jungen Jahren als Haus- und Kindermädchen gearbeitet.

Mit 31 Jahren hast du meinen Onkel geheiratet. Es war ein Glück von kurzer Dauer. 1973 verstarb er bei einem Autounfall. Gelenkt wurde das Auto von seinem Sohn aus erster Ehe, der den Unfall überlebte.

Es war ein grosser Schock für mich. Wir waren nur fünf Jahre zusammen, davon zwei Jahre verheiratet.

Du standest plötzlich alleine da mit deiner kleinen Tochter Maria. Dazu hast du auch meinen Cousin Ewald aufgezogen, der damals 12 Jahre alt war und von der ersten Frau meines Onkels stammte. Das Haus, welches ihr immer noch bewohnt, stand erst im Rohbau. Keine einfache Aufgabe. Wie hast du das alles nur geschafft?

Mit viel Arbeit und ebenso viel Verzicht. Ich denke, mein Glaube hat mir dabei geholfen.

Welche Gefühle bleiben da zurück? War da auch Wut zu spüren?

Wut nicht, aber Trauer.

Für deinen Stiefsohn Hansi muss es unverzeihlich sein, seinen eigenen Vater in den Tod gebracht zu haben.

Ich kann es dir nicht sagen. Als Hansi seinen 50. Geburtstag feierte, waren auch wir eingeladen. Es war eine angenehme Feier. Als wir uns verabschiedeten, bedankte ich mich und sagte zu ihm: Fange deine zweite Hälfte des Lebens gut an. Er antwortete: Hoffentlich besser wie die erste. Mir hat es einen Stich ins Herz gegeben und ich habe gedacht: Noch hat auch er es nicht überwunden. Zu Hause habe ich geweint. Denn ich habe das nicht mit der Absicht eines Vorwurfs gesagt. Die Zeit heilt zwar Wunden, doch nicht die Seele.

Trotzdem hast du deinen Lebenswillen nicht verloren.

Ich hatte ja die Kinder. Wie hätte ich aufgeben können? Meine Geschwister haben mich immer unterstützt – nicht finanziell, aber moralisch.

Hast du wieder gearbeitet?

Nein, ich habe eine bescheidene Pension erhalten und halt auf vieles verzichtet. Doch beim Essen haben wir nie gespart. Das war mir sehr wichtig. Wir haben vieles selber angepflanzt, einander ausgeholfen. So bin ich irgendwie durchgekommen. Ich liebe meine Enkel über alles und habe sie mit aufgezogen, damit meine Tochter arbeiten gehen konnte. Ich hätte nie gewollt, dass sie sie ausser Haus geben müsste.

Wenn du auf dein Leben zurückblickst: Es war schon sehr hart?

Wenn ich schlaflose Nächte habe, dann geht jeweils das gesamte Leben nochmals an mir vorbei. Aber ich versuche immer wieder auf andere Gedanken zu kommen, denn sonst rege ich mich auf und finde überhaupt keinen Schlaf mehr.

Was sind deine kleinen Freuden im Alltag?

Meine Tochter und die Enkelkinder vor allem. Und, vielleicht klingt es etwas komisch, aber eine innere Erfüllung und Ruhe finde ich, wenn alles sauber ist im Haus.

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