Genf

Corona-Virus-Expertin warnt: «Immer mehr Infizierte werden sich verstecken!»

Suerie Moon.

Suerie Moon.

Suerie Moon ist Co-Direktorin des Global Health Centre in Genf. Im Interview sagt sie, wie wichtig die Rolle der Schweiz im Kampf gegen das Corona-Virus ist, was sie von der chinesischen Kommunikation hält – und weshalb sie sich um ihren Sohn sorgen macht.

Die renommierte US-Politologin Suerie Moon untersucht das Zusammenspiel von Politik und Gesundheitswesen. Sie ist Co-Direktorin am Global Health Centre des Graduate Institute in Genf, hat an den Universitäten Yale, Princeton und Harvard studiert und ist derzeit eine gefragte Expertin bei internationalen Medien zu Fragen rund um das Corona-Virus. Sie empfängt CH Media in ihrem Büro, unweit des Hauptsitzes der Weltgesundheitsorganisation WHO, mit Blick auf die Zuggleise und die Spitze des Jet d’Eau, dem Springbrunnen des Genfersees.

Was hat Sie beim Ausbruch des Corona-Virus am meisten überrascht?

Sueri Moon: Ich bin nicht überrascht, dass er ausgebrochen ist, denn die Wissenschaft rechnet vermehrt mit solchen Viren. Aber wenn es dann soweit ist, wird man immer auf dem falschen Fuss erwischt. Die Welt hat Anfang Januar davon erfahren und es hat sich daraus eine Krise entwickelt.

Inwiefern ist Corona mit anderen Viren vergleichbar?

In Bezug auf die Geschwindigkeit breiten sich Grippeviren ähnlich rasch aus. Masern sind noch schneller. Aber da man sich über die Luft mit dem Corona-Virus ansteckt, verbreitet er sich deutlich schneller als zum Beispiel Ebola, wo gewöhnlich ein Körperkontakt nötig ist. Die Todesrate, die bei 2 bis 3 Prozent liegt, ist bisher durchschnittlich. Bei Ebola beträgt sie 50 bis 80 Prozent, je nach Region. Aber es bleibt dabei: Es handelt sich um eine Gesundheitskrise.

Sie sagen, dass künftig vermehrt mit solchen Viren gerechnet werden muss. Weshalb?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Meistens entstehen solche Krankheitserreger beim der Übertragung von Tieren auf den Menschen. Es gab schliesslich auch schon die Vogelgrippe und die Schweinegrippe. Dieser Mechanismus dürfte auch beim Corona-Virus der Auslöser gewesen sein. Die Natur und die Städte wachsen immer mehr zusammen, Tiere verbreiten sich in urbanen Regionen. Die Tierhaltung wird industrialisierter. Die Umwelt verschlechtert sich und wir wissen nicht, welchen Einfluss die Klimaveränderung hat. Und die Reisetätigkeit nimmt stetig zu.

Welche politischen Folgen hat das Corona-Virus?

In den letzten fünfzig Jahren gab es keinen Fall, der in einer derart angespannten Politlage geschehen ist. Vor allem auch, weil er in China ausgebrochen ist. Das Land befindet sich in einem Handelskrieg mit den USA. Und das Land geschehen Umwälzungen, politisch und wirtschaftlich. Gleichzeitig gibt es nach wie vor Mängel in Bezug auf das Mediensystem, die Freiheit der Zivilgesellschaft.

Inwiefern erschwert die politische Situation die internationale Kooperation?

Idealerweise verbessert der Ausbruch die internationale Zusammenarbeit. Die chinesische Regierung ist sehr besorgt um ihr Image, wie es von seinem Volk und von aussen betrachtet wird. Sie will als verantwortungsvoll und kooperativ wahrgenommen werden.

Aber?

Die Spannungen, die bereits existieren, wurden durch den Virus-Ausbruch verstärkt. Ein Beispiel: Die USA haben rigide Reisebeschränkungen eingeführt und ihren Bürgern empfohlen, überhaupt nicht nach China zu reisen. Viele US-Airlines haben die Flüge nach China eingestellt. Alle Reisenden aus China werden untersucht und Nicht-US-Bürger werden nicht ins Land gelassen.

Sie finden das übertrieben?

Diese Massnahmen gehen auf jeden Fall über die Empfehlungen der WHO hinaus. Es ist schwierig herauszufinden, ob diese Restriktionen gerechtfertigt sind, oder ob sie politisch motiviert sind. Die chinesische Regierung hat sie auf jeden Fall kritisiert.

Schweizer Hotelier in Peking: «Alles wurde annulliert»

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Dany Lützel wandelt derzeit durch sein gähnend leeres Hotel in Peking. Wegen der Angst vor dem in China ausgebrochenen Corona-Virus sind fast alle Buchungen storniert worden. (Video am 5. Februar 2020 erstmals veröffentlicht) 

China hat anfangs nicht transparent kommuniziert. Es brauchte einen Whistleblower, der vor dem Virus gewarnt hat. Wie beurteilen Sie die bisherige Rolle Chinas?

Der freie Fluss an Informationen ist bei einer Epidemie am wichtigsten. Und dieser ist in China nun mal nicht gegeben. Medien, auch die sozialen Medien, werden kontrolliert. Die Nachrichten zum Corona-Virus hätten bereits Anfangs Dezember rausgehen müssen. Schon damals gab es erste Anzeichen. In einer freieren Gesellschaft wäre dies wohl geschehen. Aber es kam zu Verspätungen in der Kommunikation, die es dem Virus erlaubten, sich schneller zu verbreiten.

Hätte der Ausbruch vermieden werden können?

Schwer zu sagen, vor allem, weil wir die Ausbreitungsweise noch nicht verstehen. Wir wissen auch noch nicht, wie lange man ansteckend ist, wie man die Symptome vorbeugen kann, wie man sie heilen kann.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Medien? Wird das Virus zu sehr dramatisiert oder werden die Menschen zurecht auf die Gefahren hingewiesen?

Die Medien spielen eine vitale Rolle, indem sie die neuen Informationen öffentlich machen. Das ist essenziell. Und sie stellen den Regierungen und Organisationen wie der WHO die nötigen, kritischen Fragen. Aber klar, es gibt auch negative Seiten. Die Verbreitung von Spekulationen, Panik bis hin zum Schüren von Fremdenfeindlichkeit. In Krisen gibt es immer Chancen für Menschen, um zusammenzukommen. Krisen bringen immer die besten Seiten der Menschheit hervor – aber auch die schlimmsten.

Auch in der Schweiz lassen manche Restaurants chinesische Touristen nicht mehr rein.

In vielen Ländern ist die Migration ein politisch heisses Thema. Und in so einem Kontext ist ein Virus, den man mit einem Land verbindet, alles andere als förderlich. Ich habe koreanische Wurzeln, bin in den USA aufgewachsen und lebe nun in Genf. Mein Sohn geht hier in die Schule. Ich mache mir Sorgen, ob er schlecht behandelt wird, weil er für manche chinesisch aussehen mag. Bis jetzt ging aber alles gut.

Der WHO-Direktor traf zuerst Präsident Xi, bevor die WHO den Notstand ausgerufen hat. War das gut?

Es war ein Drahtseilakt. Die WHO wurde für diesen Schritt gelobt, aber auch kritisiert. Einerseits war es wichtig, dass China kooperiert. Insofern machte das Treffen Sinn. Aber es gibt auch das Risiko, dass die WHO unter den Verdacht geraten könnte, sich von China – dem zweitgrössten Geldgeber der Organisation – beeinflussen zu lassen. Es ist ein Balanceakt, zwischen wissenschaftlichen Fakten und politischen Beziehungen mit einer Supermacht.

Einem Virus sind Ländergrenzen egal. Inwiefern spielt die nationale Souveränität dennoch eine Rolle beim Umgang mit dem Virus?

Es ist eine internationale Krise. Aber Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit nehmen in unserer Welt zu. Nicht überall, aber zum Beispiel in den USA, wie die aktuelle Regierung mehrfach klargemacht hat. Das ist die grosse Herausforderung für die WHO. Denn manche Länder möchten ihre Daten der WHO nicht sofort preisgeben. Am Schluss bleiben die nationalen Regierungen nun mal für die Gesundheit ihrer Bevölkerung verantwortlich, insofern ist es logisch, dass manche Länder Quarantänen erstellen oder ihre Bürger aus dem Ausland nach Hause transportieren. Auch wenn nicht alle Massnahmen von der WHO empfohlen werden.

Hat die WHO also an Bedeutung verloren in den vergangenen Jahren?

Die WHO war nie wichtiger. Ich will mir gar nicht vorstellen, wo wir heute wären mit dem Corona-Virus ohne die WHO. Die Organisation bringt die besten Experten an einen Tisch, informiert ständig über Fortschritte und koordiniert die Prävention.

Noch gibt es keinen Verdachtsfall in Afrika. Rechnen Sie bald damit?

Ja, die Wahrscheinlichkeit ist leider gross, dass es auch in Afrika Fälle geben wird. Das Problem ist, dass dort die Diagnose-Ressourcen grösstenteils fehlen. Die WHO ist daran, dies zu ändern, damit Laboruntersuchungen schneller durchgeführt werden können. Man weiss auch noch nicht, wie sich das Virus in wärmeren Regionen der Welt verhält. Möglicherweise weniger rasch als in kalten Regionen. Hoffentlich.

Kürzlich gab es Meldungen, dass bereits Babys in Wuhan das Virus in sich tragen. Wie beunruhigend ist das?

Es ist beunruhigend, dass das Virus sich von der Mutter auf den Säugling überträgt, aber das ist bei vielen Viren der Fall. Wir wissen auch noch nicht, welche Altersgruppen besonders anfällig sind. China sagt, es seien vor allem ältere Menschen betroffen. Aber Fakt ist, dass auch viele jüngere Menschen sich angesteckt haben – so wie auch der Whistleblower-Arzt, der kürzlich am Virus gestorben ist.

Was ist die grösste Gefahr in den nächsten Wochen, Monaten?

Die internationale Verbreitung scheint limitiert zu sein. Bis jetzt gibt es etwa 200 bestätige Fälle ausserhalb Chinas. Dort sind es 31‘000. Am drängendsten ist die Frage, was mit den Menschen in Wuhan geschieht. Denn das Gesundheitssystem ist völlig überlastet. Alle haben zwar das eindrückliche Video gesehen von den beiden Spitälern, die in gerade mal zehn Tagen gebaut wurden mit 1000 Betten.

Aber?

Das Gesundheitswesen besteht nicht nur aus Spitalgebäuden, sondern aus Ärzten, Pflegepersonal, medizinischem Material, und so weiter. 50 Millionen Menschen befinden sich in China quasi unter Hausarrest, bald seit drei Wochen. Wie erhalten sie genügend zu essen, genügend Medizin? Die Leute werden rasch das Vertrauen in die Regierung verlieren. Und immer mehr infizierte Menschen werden sich mit ihrer Krankheit verstecken, da sie nicht unter Quarantäne gestellt werden wollen.

Mit welchen Folgen?

Das wird Auswirkungen auf das ganze Land haben, und auf die Welt. Nicht unbedingt im Sinne von mehr Krankheitsfällen. Ich spreche von einer schrumpfenden Wirtschaft, sinkenden Börsenkursen bis hin zu einer destabilisierten Regierung. Es ist eine riesige Politkrise für die chinesische Regierung. Die Situation scheint ausser Kontrolle.

Wann ist mit einer medizinischen Lösung zu rechnen?

Die wissenschaftliche Gemeinde arbeitet mit Hochdruck daran. Aber auch wenn eine Lösung existiert, heisst das noch nicht, dass das Problem gelöst ist. Im Kongo gibt es auch einen Impfstoff gegen das Ebola-Virus, aber die Leute vertrauen der Regierung nicht, und deshalb verbreitet sich Ebola nach wie vor. Und was, wenn ein anderes Land einen Impfstoff vor China entwickelt, und es zuerst seiner eigenen Bevölkerung zur Verfügung stellen will? Wann soll es an andere Länder verkauft werden und zu welchem Preis? Zu diesen Fragen gibt es heute keine internationale Regelungen.

Wie wichtig ist Genf im Kampf gegen das Corona-Virus?

In Genf sind alle wichtigen Institutionen, die klügsten Köpfe vereint. Genf ist der beste Ort, um alle Leute zusammen zu bringen. Hier sind die WHO, die anderen UNO-Organisationen, das Rote Kreuz, und so weiter. Dass die Schweiz neutral ist, hilft ebenfalls. Wissenschaftler aus China kommen demnächst für eine Konferenz hier her. Würden sie sich gleich wohl fühlen, wenn die Konferenz in den USA stattfinden würde? Wohl kaum. Man spürt auch die Unterstützung vom Kanton und der nationalen Regierung, dass Genf seine Rolle als internationale Hauptstadt bewahren soll.

Wie beunruhigt sind Sie heute was das Corona-Virus anbelangt, auf einer Sorgen-Skala von 1-10?

9. Insbesondere was die Bevölkerung in China anbelangt. Bezüglich der internationalen Ausbreitung war ich vor einigen Tagen ebenfalls noch sehr beunruhigt, aber inzwischen bin ich etwas beruhigter.

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