Gespannt wartete die Welt der Genforscher am Mittwoch auf den Auftritt des Mannes, der die Geburt der ersten genetisch veränderten Zwillinge ermöglicht haben soll: Am zweiten Gipfel für genetisches Engineering in Hongkong stellte er, trotz vorangegangenen Protesten in der Fachwelt, seine Arbeit vor. Professor Jiankui He inszenierte den Auftritt: Waren alle Vorredner unauffällig von der nahen Seite zum Rednerpult geschlichen, liess er sich 30 Sekunden Zeit, ehe er nach dem Namensaufruf von der anderen, weiter entfernten Seite – für alle gut sichtbar – über die ganze Bühne marschierte. Nach der Sensationsmeldung vom Montag war er der – sehr umstrittene – Star unter den Forschern. Das Programm wurde extra umgestellt und Redezeiten seiner Vorredner gekürzt, damit er nach der Vorstellung seiner Arbeit noch einzeln interviewt werden konnte.

He hat mit seiner Forschung an Mäuseembryos begonnen, das CCR5-Gen aus ihrem Erbgut herausgeschnitten und die entstandenen Mäuse über drei Generationen gezüchtet. Als Untersuchungen keine lebensbedrohlichen Veränderungen zutage brachten, habe er das Gleiche mit Affen gemacht und war laut eigener Schilderung ebenfalls erfolgreich. Dann wagte er sich an den Menschen. Er suchte Paare mit Kinderwunsch, bei denen der männliche Part mit HIV infiziert und die Frau gesund war. Insgesamt hat er für seine Studie mit acht Paaren gearbeitet, von denen am Schluss nur eines tatsächlich Zwillinge bekommen haben soll.

Sperma gewaschen

Die Eizellen der Frauen wurden mit dem gewaschenen Sperma (Spermien ohne Samenflüssigkeit, weil in dieser die HI-Viren sind) befruchtet. Dies, um die Infektion des Kindes mit den Viren auf jeden Fall zu verhindern. He hat nun aber die CRISPR/Cas9-Genschere angewandt und das CCR5-Gen, das ein Protein bildet, das von HI-Viren als Eingang zur Zelle genutzt wird, herausgeschnitten. Wenn in der DNA das Gen fehlt und dieses Protein nicht erzeugt wird, können die Viren nicht in die Zellen des Immunsystems gelangen.

Das Problem ist, dass die Genschere nicht nur am gewünschten Ort ein Stück DNA herausschneidet, sondern auch überall dort, wo die in der Schere programmierte Sequenz vorhanden ist. So hat die hier verwendete Schere laut He möglicherweise an genau einem anderen, nicht erwünschten Ort (off target) einen Schnitt gemacht. Da dieser Ort aber als nichtcodierend gilt, müsse man davon ausgehen, dass im Erbgut der Kinder kein Schaden entstanden sei. Die Eltern seien über die Situation und das Risiko aufgeklärt worden und hätten einer Implantation der Eizellen trotzdem zugestimmt.

Eigenen Grundsätzen widersprochen

Mit der Implantation von genetisch veränderten menschlichen Embryonen überschritt He eine rote Linie. Die Forscherwelt war sich einig, dass das CRISPR/Cas-Verfahren zuerst besser erforscht werden muss. Dass He die Verantwortung den Eltern zugeschoben und zugelassen hat, dass Embryonen mit beschädigtem Genom einer Frau eingesetzt werden, zeugt nicht von Integrität. Dabei publiziert He auf seiner Website fünf Ethikgrundsätze, die er selber nicht einhält. Ein Grundsatz: «Jeder Mensch verdient es, von genetischen Krankheiten frei zu sein.» Doch er selber nahm in Kauf, dass durch das Einsetzen eines Embryos mit Off-Target-Fehler Kinder mit Erbgutfehlern geboren werden.

Es gibt DNA-Reparaturmechanismen, welche im vorliegenden Fall laut He gegriffen haben. Die beschädigte Gensequenz ist rausgefallen (ohne Zutun des Forschers) und im Genom der Neugeborenen nicht mehr nachweisbar.

Am Schluss der Fragerunde wurde He gefragt, ob er das Prozedere auch an seiner Familie ausprobiert hätte. He: «Falls ich HIV hätte, wäre ich der Erste gewesen.» Und er teilte mit, eine weitere Frau sei mit einem genmanipulierten Kind schwanger.