Letztes Jahr ist Tinkerbell gestorben. Paris Hiltons Hündchen wurde 14 Jahre alt und hat die Rasse Chihuahua berühmt gemacht. Doch Tinkerbell alleine ist nicht der Grund, warum Chihuahuas seit drei Jahren den 3. Platz der häufigsten Rassen in der Schweiz belegen. 24'801 Exemplare gibt es hierzulande (Stand Oktober).

Nur Mischlinge und Labradore sind noch zahlreicher, das zeigt die Schweizer Datenbank Anis für gechipte Haustiere. Die einstigen Klassiker Golden Retriever, Schäferhund, Border Collie und Berner Sennenhund wurden abgedrängt auf den Plätzen 6 bis 10. Den Appenzeller Sennenhund hat die Entwicklung noch härter getroffen, er ist vom Platz 11 (2006) auf Platz 17 zurückgefallen.

Denn heute muss ein Hund praktisch sein. Unpraktisch ist: Im Zug ein Hundebillett lösen müssen, im Kofferraum eine grosse Hundebox haben, lange Haare, viel Futter kaufen müssen, lange Spaziergänge, den Hund nicht im Flugzeug mitnehmen können oder ein Hund, vor dem man sich fürchten könnte.

Auf die Trendhunde trifft das alles nicht zu. Sie sind klein und handlich. Doch auch die Grösse erklärt den Boom der Chihuahuas nicht alleine. Denn die Zahl der Yorkshire und Jack Russel Terrier (heute Plätze 4 und 5) hat sich in den letzten zehn Jahren nur etwas mehr als verdoppelt. Chihuahuas aber gibt es fast acht Mal mehr. Ebenfalls beeindruckend ist der Boom der Möpse (Platz 14): Gegenüber 2006 leben fast vier Mal mehr in der Schweiz. Warum?

Geht auch fürs Büro

Augenschein an der Generalversammlung des Schweizerischen Mopsclubs in Zürich am vergangenen Sonntag. Auf dem Parkplatz vor dem Restaurant Schützenhaus Albisgüetli wuseln die kleinen Hunde mit dem kompakten Körper durchs feuchte Laub. Ihre Besitzer kommen daher wie durchschnittliche Schweizer Hundebesitzer: wetterfest gekleidet.

Wir wollen von der Mopsclub-Präsidentin wissen, warum der Boom seit zehn Jahren anhält, ohne dass es wie bei den Chihuahuas eine prominente Werbeträgerin gibt. Alice Skriver sagt: «Ich denke, kleine Hunde passen in unsere Zeit, wo mittlerweile auch die Frauen viel arbeiten.»

Die anhänglichen Hunde seien manchmal ein Kinderersatz und dennoch kompatibel mit dem Berufsleben. «Und Möpse sind gut gegen Stress und Burnout», sagt Skriver, «setzt man sich, so springen sie sofort auf den Schoss. So wird man ruhig.» Für Familien wie auch fürs Büro geeignet, das findet auch Karin Griesshaber, langjährige Züchterin in Bäretswil ZH.

Die Club-Mitglieder gehen vor der Versammlung noch schnell Gassi. Im Wald springen die Hunde auf Baumstrunke und Ruhebänklein und schauen keck umher, ob das auch jemand würdigt. «Jeder muss lächeln, wenn er einen Mops sieht. Es sind lustige Hunde mit einem guten Charakter. Niemand fürchtet sich», sagt die Präsidentin.

Mehr Anfragen ohne Kurs-Zwang

Ein guter Charakter – das kann man von den Chihuahuas nicht durchweg behaupten. Anhänglich sind auch sie, doch die Kleinen erschrecken schnell und werden nicht selten zu Kläffern.

«Zuerst werden Chihuahuas in der Hundeschule oft ausgelacht», sagt Sabine Schweingruber, Züchterin im Thurgau, «bis die anderen sehen: Es ist ein intelligenter Hund.» Aber kein einfacher, das bestätigt sie, also «kein Spielzeug für die Handtasche», betonen viele Züchter. «Bei jungen Frauen frage ich deshalb genauer, warum sie einen Chihuahua wollen», sagt Züchterin Carole Mudadu aus Stallikon ZH.

Sie spürt die immer noch steigende Nachfrage und hat soeben einen Wurf mit sieben Welpen innerhalb von vier Tagen verkauft. Seit kurzem hat sie zehn statt fünf Anfragen pro Tag. Das habe damit zutun, dass der Hundeerziehungskurs nun nicht mehr obligatorisch sei, vermutet sie. «Dabei sollte auch ein Chihuahua ‹Sitz› und ‹Platz› machen können.»

Gezüchtete Beschwerden

Die Kritik, gerade Möpse und Chihuahuas seien stark überzüchtet und würden unter Missbildungen leiden, hat der Beliebtheit der kleinen Exoten nicht geschadet. Immerhin sagen viele Züchter heute, sie schauten speziell auf einen gesunden Körperbau: Dass keine Chihuahuas entstehen, denen die Kniescheiben rausfallen. Oder Möpse mit so engen Nasengängen, dass die Hunde selbst bei kühlem Wetter hecheln, weil sie durch die Nase nicht genug Luft bekommen. Bei importierten Hunden ist das öfter der Fall. Über
40 Prozent der Chihuahuas werden in der Schweiz laut der Datenbank Anis importiert, bei den Möpsen sind es gar 70 Prozent.

Auch am Mopstreffen ist das Schnaufen der Tiere zu hören, aber hecheln müssen sie nicht. Eine Frau sagt, sie lasse ihre Tiere röntgen, bevor sie mit ihnen züchte. Immer gefragter wird auch der altdeutsche Typ des Mops, bei dem die Schnauze wieder etwas länger ist und die Nasenlöcher nie von Hautfalten überdeckt sind.

Warum genügen den Schweizern eigentlich bewährte, robuste Rassen wie der Appenzeller Sennenhund nicht mehr? Ein solcher geht am Mopstreffen wie ein Exot neben den anderen Hunden her. Er gehört einer 72-jährigen ehemaligen Appenzeller-Sennenhund-Züchterin. Ihr zweiter Appenzeller ist gestorben, nun hat sie sich stattdessen einen Mops angeschafft. «Ich werde älter und der Mops zieht weniger», sagt sie, «aber ich wollte trotzdem einen Hund mit Ringelschwänzchen.» Hätte sie noch die Kraft von früher, so wäre sie bei den Appenzellern geblieben. Sie seien einfacher zu erziehen. «Die Schweizer aber wollen exotische Hunde. Für meine gezüchteten Appenzeller fand ich vor allem Abnehmer in Deutschland.»