Sexismus-Debatte

Blöde Anmache: fünf Szenarien und wie Sie am besten reagieren

Nicht ganz eindeutig schätzen die Experten die Situation ein, wenn ein Arbeitskollege den Arm um die Schulter seines Kollegen legt, während er etwas erklärt.

Nicht ganz eindeutig schätzen die Experten die Situation ein, wenn ein Arbeitskollege den Arm um die Schulter seines Kollegen legt, während er etwas erklärt.

Donald Trumps Video hat eine Debatte über Sexismus losgetreten. Auch in der Schweiz. Doch die Vorfälle sind selten eindeutig. Wir haben Fachleute mit konkreten Situationen konfrontiert.

Seit einer Woche berichten Frauen (und auch Männer) auf Twitter unter dem Hashtag #SchweizerAufschrei wie sie Opfer von Sexismus geworden sind. Inspiriert wurden sie von Amerikanerinnen, die nach Trumps sexistischen Äusserungen im aufgetauchten Video aus dem Jahr 2005 unter dem #NotOkay ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung im Internet teilten.

Doch wann ist etwas okay und wann nicht? Es kommt stark auf die Situation an. Wie stehen die Personen zueinander? Kennen sie sich, ist man sich fremd? Gibt es einen grossen Altersunterschied und vor allem: Besteht ein Machtgefälle? Deshalb ist es schwierig, eine Grenze zu ziehen, die immer gilt. Diskutieren müssen wir trotzdem. Wir haben Fachleute zu fünf konkreten Situationen befragt: Susanne Abplanalp, Knigge-Expertin, Laura Eigenmann, Geschlechterforscherin Uni Basel, Nora Scheidegger, Juristin Uni Bern und Yannick Staubli, Gleichstellungsbeauftragter Kanton Zürich.

Wo beginnt sexuelle Belästigung?

Wo beginnt sexuelle Belästigung?

Er hätte sie ans Bein gefasst: So der Sexismus-Vorwurf der Grünen Aline Trede an Berns Stapi Tschäppät. Wo beginnt sexuelle Belästigung und wo hört sie auf?

Situation 1: Ein Paar liegt im Bett, sie sind kurz vor dem Einschlafen. Er will Sex. Sie sagt Nein. Er versucht trotzdem, weiterzumachen.

Knigge-Expertin: Das geht nicht! Spätestens beim zweiten klaren «Ich will nicht» sollte er stoppen.
Juristin: Es ist eindeutig nicht erlaubt, dass ein Mann in dieser Situation vorsätzlich den Willen seiner Freundin missachtet.
Geschlechterforscherin: eindeutig ein Übergriff. «Ich will nicht» ist eine klare Antwort. Bei weniger klaren Antworten kann nachgefragt werden.
Gleichstellungsbeauftragter: Diese Situation stellt als solche nicht automatisch sexuelle Belästigung dar. Falls der Partner sich aber gegen ihren Willen körperlich durchsetzt und den Sex erzwingt, reden wir von Vergewaltigung.

Situation 2: Im Büro sagt der Chef zur Praktikantin: «Diese Jeans stehen dir super!» Dabei zwinkert er.

Knigge-Expertin: Der Chef darf sagen, dass mir die Jeans super stehen. Wenn er aber dabei zwinkert und vielleicht noch auf den Po schaut, ist dies eine Grenzüberschreitung.
Juristin: Aus strafrechtlicher Sicht stellt das wohl noch keine sexuelle Belästigung dar. Verbale Belästigungen sind gemäss Art. 198 StGB nur strafbar, wenn sie in grober Weise erfolgen, etwa bei sexuellen Aufforderungen oder Äusserungen zu Geschlechtsteilen oder Sexualleben. Aber es existieren neben der strafrechtlichen Regel auch öffentlich- oder zivilrechtliche Regelungen zum Thema sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Diese Regelungen umfassen teilweise Verhaltensweisen, die strafrechtlich nicht relevant sind.
Geschlechterforscherin: Komplimente zur Kleidung sind in einem professionellen Umfeld immer etwas heikel, weil dadurch signalisiert wird, dass der Körper stärker im Mittelpunkt steht als die Arbeit, um die es ja eigentlich gehen soll. Hier macht das Augenzwinkern die Situation eindeutig unangebracht. Hinzu kommt das Machtgefälle zwischen Chef und Praktikantin.
Gleichstellungsbeauftragter: Die Situation stellt noch keine sexuelle Belästigung dar, allerdings wissen wir nicht, wie die Praktikantin dabei empfindet. Trifft das zu, muss der Chef sofort damit aufhören. Sexuelle Belästigung spriesst nämlich zumeist in hierarchischen Beziehungen; in diesen Situationen befinden sich die hierarchisch tiefer gestellten Personen in einer Abhängigkeitsbeziehung und sind deshalb besonders ausgeliefert bei Übergriffen.

Video des Anstosses: Donald Trumps sexistische Äusserungen:

Video von Donald Trump mit vulgären Äusserungen

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Situation 3: Zwei gleichaltrige Bekannte diskutieren. Er sagt zu ihr: «Hast du deine Tage, dass du so zickig bist?»

Knigge-Expertin: Dieser Spruch geht gar nicht! Entweder würde ich gar nicht darauf eingehen oder entgegnen, ob er nicht auch schon festgestellt hat, dass auch Männer launisch oder zickig sein können.
Geschlechterforscherin: Das ist nicht nur unangebracht, sondern auch ziemlich geschmacklos. Die Frau wird hier als hysterisch, irrational und von ihren Hormonen gesteuert dargestellt. «Zickig» ist auch ein Wort, das in der Regel nur für Frauen gebraucht wird. Bei Männern wird dasselbe Verhalten eher als «durchsetzungsfähig» beschrieben.
Gleichstellungsbeauftragter: Man kann die Aussage als sexistisch auffassen, da sie auf das Geschlecht der Frau reduziert ist. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es gleich eine Belästigung ist, die Frau ist in ihrer sexuellen Integrität nicht angegriffen.

Situation 4: Im Zug sagt ein fremder Mann (40) zu einem Teenie: «Machst du Sport?» Sie: «Ja.» Er: «Das sieht man.»

Knigge-Expertin: Es kommt darauf an, wohin sein Blick fällt. Mustert er den ganzen Körper, geht der Spruch zu weit.
Juristin: Dieses angesichts des Altersunterschieds etwas zweifelhafte Kompliment stellt meines Erachtens noch keine strafbare verbale sexuelle Belästigung dar. Selbst Bemerkungen wie «geile Figur» sind gemäss Gerichtspraxis nicht für sich alleine tatbestandsmässig.
Geschlechterforscherin: Fremde Menschen in alltäglichen Situationen auf ihren Körper anzusprechen, in denen dieser eigentlich komplett irrelevant ist, ist immer eine schlechte Idee. Hinzu kommt auch hier wieder das Machtgefälle.
Gleichstellungsbeauftragter: Diese Aussage ist klar anzüglich und ohne weiteren Kontext nicht angebracht, vor allem falls das Mädchen noch nicht volljährig ist. Es könnte zwar sein, dass die junge Frau bereits 19 Jahre alt ist und das Ganze als willkommenen Flirt ansieht; in diesem Falle wäre es nach Gesetzesdefinition keine sexuelle Belästigung.

Situation 5: Ein Arbeitskollege legt oft den Arm um die Schulter, wenn er einem Kollegen am PC etwas erklärt oder zeigt. Er tut dies bei Männern und bei Frauen – auch bei deutlich jüngeren Kolleginnen.

Knigge-Expertin: Es gibt Männer und Frauen, die das Bedürfnis haben, andere zu berühren, ohne dass sie dabei Absichten haben. Ich würde dieser Person mitteilen, dass ich etwas mehr körperliche Distanz benötige und ihm zeigen, dass ich diese Person trotzdem sympathisch finde bzw. nicht ablehne.
Juristin: Die «Halbumarmung» würde unter diesen Umständen wohl nicht als strafbare sexuelle Belästigung gelten. In diesem Beispiel wäre ohnehin fraglich, ob dem Arbeitnehmer bewusst ist, dass sich seine Kollegen belästigt fühlen und ob er dies in Kauf genommen hat. Sexuelle Belästigungen nach Strafgesetzbuch können nämlich nur vorsätzlich begangen werden.
Geschlechterforscherin: Hier ist die Situation von aussen nicht ganz eindeutig zu beurteilen. Entscheidend ist, wie die beteiligten Personen die Situation erleben: Empfinden sie den Körperkontakt als angenehm? Menschen haben hier unterschiedliche Grenzen. Beim geringsten Zeichen von Widerstand sollte darauf verzichtet werden.
Gleichstellungsbeauftragter: Hier muss zuerst eruiert werden, ob sich die Kollegen oder Kolleginnen unwohl fühlen, wenn der Kollege dies macht. Falls dies der Fall ist, muss der Kollege sofort damit aufhören; falls dies nicht der Fall ist, ist es keine sexuelle Belästigung. Gemäss dem Gleichstellungsgesetz beginnt sexuelle Belästigung dann, wenn der Mann oder die Frau, der oder die betroffen ist, eine Situation als belästigend empfindet. Das führt dazu, dass jede Situation stets individuell eingeschätzt werden muss.

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