Dieser Tage sorgt eine Schweizer Abstimmung für internationales Aufsehen. Und das, obwohl hierzulande fast niemand von den Vorlagen gehört hat, vermutlich weniger als 300 Personen ihre Stimme abgeben werden und das Resultat keinerlei politische Relevanz hat. Kommende Woche werden die Einwohner der Stadt Zug nämlich unter anderem darüber entscheiden, ob sie das Feuerwerk am Zuger Seefest gut finden oder nicht.

Wieso aber beschäftigt sich die internationale Presse mit einer solchen Volksbefragung? Ausnahmsweise interessiert nicht, worüber abgestimmt wird, sondern wie. Es ist nämlich eine der ersten öffentlichen Abstimmungen überhaupt, bei der die Blockchain-Technologie zum Einsatz kommen wird.

Dass die Stimmen elektronisch abgegeben werden, kennt man bereits von den E-Voting-Systemen, mit welchen immer mehr Schweizer Kantone experimentieren. Im Gegensatz zu diesen etablierten Lösungen werden die Stimmen bei einer Blockchain-Abstimmung jedoch nicht von einer einzigen Organisation ausgewertet, beispielsweise von der Stadtverwaltung oder von einer privaten Firma, sondern von vielen verschiedenen Computern auf der ganzen Welt. Dadurch sollen Abstimmungen weniger manipulierbar werden. Die Umfrage in Zug ist ein Pilotversuch, um das System zu testen.

Gewappnet gegen Hacker-Angriffe

Mit Blockchain-Systemen wird Macht dezentralisiert. Die erste und nach wie vor bekannteste Anwendung dieser Technologie ist die Kryptowährung Bitcoin. Dabei handelt es sich um digitale Münzen, die ganz ohne Beteiligung einer Bank erschaffen, verteilt und transferiert werden können. All diese Aufgaben werden von Computer-Programmen übernommen, die auf unzähligen Rechnern gleichzeitig ausgeführt werden und alle Transaktionen in einer Art Excel-Tabelle speichern, der sogenannten Blockchain. Diese Liste ist auf Tausenden Geräten im System gespeichert und kann deshalb im Idealfall weder gelöscht noch verändert werden.

Genau die gleiche Technologie will die Stadt Zug jetzt auch nutzen, um E-Voting sicherer zu machen. Wenn alle Abstimmungsteilnehmer ihre Stimmen an nur einen Server senden, wo diese zuerst auf ihre Gültigkeit überprüft und dann gezählt werden, bietet das viele Möglichkeiten für Manipulation: Erhalten Hacker nämlich Zugriff auf diesen einen zentralen Computer, können sie die Abstimmung fast nach Belieben verfälschen. Oder Regierungen helfen ein bisschen nach. Werden die Stimmen aber parallel von Tausenden Rechnern auf verschiedenen Kontinenten ausgewertet, die nach strengen mathematischen Prinzipien funktionieren, kann die Hacking-Gefahr minimiert werden.

Dolfi Müller der Stadtpräsident von Zug hofft, dass sich nach dieser Abstimmung bald mehr Zuger Bürger eine Blockchain-Identität zulegen werden.

«Wir haben den Köder ausgelegt, jetzt müssen die Leute nur noch zubeissen.»

Dolfi Müller der Stadtpräsident von Zug hofft, dass sich nach dieser Abstimmung bald mehr Zuger Bürger eine Blockchain-Identität zulegen werden.

Dass eine der weltweit ersten Blockchain-Abstimmungen ausgerechnet in Zug durchgeführt wird, ist kein Zufall. Die Region hat sich zum Biotop für Blockchain-Firmen entwickelt; der Kanton trägt in der Branche mittlerweile den Übernamen «Crypto Valley». Die digitale Abstimmung ist nur ein kleiner Teil des ambitionierten Plans der Stadt, grosse Teile ihrer Verwaltung auf die Blockchain auszulagern.

Seit dem Herbst kann jeder Einwohner eine digitale ID auf Blockchain-Basis beantragen, welche ihm auch die Abstimmungsteilnahme ermöglichen wird. Von den fast 30 000 Einwohnern der Stadt Zug haben sich bisher zwar erst etwa 200 Personen für eine digitale ID registriert, allerdings ist es auch das erste Mal, dass sich diese tatsächlich für etwas nutzen lässt: Bis Ende Jahr soll es möglich werden, mit der Zuger ID Bücher in der Stadtbibliothek auszuleihen und Mietvelos aufzuschliessen – irgendwann könnte man auf diese Weise sogar seine Steuern zahlen. Der Zuger Stadtpräsident Dolfi Müller hofft, dass sich dank der zusätzlichen Funktionen bald mehr Einwohner eine kostenlose Blockchain-ID anschaffen: «Wir haben den Köder ausgelegt, jetzt müssen die Leute nur noch zubeissen.»

Experten plädieren für ein Verbot

Diese Entwicklung gefällt nicht allen; derzeit plant eine Gruppe von Schweizer IT-Experten und Politikern eine Initiative für ein komplettes Verbot von E-Voting. Das System biete zu viele Risiken und bringe sogar die Demokratie in Gefahr. «Weil der Wahlteilnehmer seine Stimme zuerst im Klartext eingibt, bevor sie dann ins System geschrieben wird, ist das Stimmgeheimnis unmöglich zu garantieren», sagt Claudio Luck vom Chaos Computer Club – ein Verein, der an vorderster Front gegen E-Voting kämpft. An der mangelnden Sicherheit ändere auch die Blockchain nichts. Im Gegenteil: Bei zentralen Systemen sei immerhin klar, wer die Verantwortung für die Sicherheit trage, bei der Blockchain gebe es keine klaren Systemgrenzen mehr. «Man ersetzt ein halbwegs kontrollierbares Server-System durch unsichere Endgeräte», sagt Luck.

Verschlüsselung als Schwachpunkt

Blockchain-Anwendungen haben den Vorteil, dass jede Aktion in einer nicht veränderbaren Tabelle gespeichert wird. Beim E-Voting ist genau das aber auch der grosse Nachteil: Jede Stimme wird auf diese Weise für immer in die Blockchain eingraviert. Obwohl dabei komplexe Verschlüsselungs-Mechanismen zum Einsatz kommen, befürchten Experten, dass irgendwann Rückschlüsse auf die Identität eines Stimmbürgers und dessen politische Entscheide gezogen werden können.

Das Stimm- und Wahlgeheimnis wäre also nicht gewährleistet. Dies sei tatsächlich ein Problem, findet auch Alexander Denzler von der Hochschule Luzern, der technische Leiter des Projekts: «Das Verschlüsseln von Einträgen in der Blockchain ist sicher nicht die ideale Lösung – prinzipiell lässt sich nämlich jede Verschlüsselung knacken. Es ist momentan allerdings die beste Variante und trotzdem noch viel sicherer, als wenn man mit zentralen Computer-Systemen arbeitet.»

Wirklich dezentral organisiert ist allerdings auch die erste Blockchain-Abstimmung in Zug nicht. Statt Tausender Computersysteme auf der ganzen Welt, welche die Stimmen komplett unabhängig voneinander auswerten, werden beim Pilotprojekt nur drei Organisationen diese Verantwortung tragen. Für eine richtige Abstimmung wäre das nicht genug dezentral, gibt auch Denzler zu, aber beim Pilotprojekt gehe es in erster Linie darum, Erfahrungen zu sammeln. «In ein paar Monaten sollten wir dann technisch so weit sein, dass wir auch echte Blockchain-Abstimmungen durchführen können.»

Dass man in ein paar Monaten auch bei der Zuger Verwaltung schon genügend weit sein werde, um eine zählende Abstimmung durchzuführen, das sei eher unrealistisch, sagt Stadtpräsiden Müller: «Aber wenn wir bei uns in den nächsten Jahren ein E-Voting durchführen werden, gehe ich schwer davon aus, dass wir dafür die Blockchain nutzen werden.»