Narzissmus

«Blicken Sie in den Spiegel des Narziss, erblicken Sie das Gesicht der Gesellschaft»

Wo endet die gesunde Liebe zum Ich, wo beginnt die Sucht? Alamy

Wo endet die gesunde Liebe zum Ich, wo beginnt die Sucht? Alamy

Narzissmus, die Leitneurose unserer Zeit, kennt keine eindeutige Form. Reinhard Haller, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeut, nennt als Identifikationsmerkmale eines Narzissten die «fünf grossen E's».

Ein Themenpark im kleinen gesichtslosen Ort Wattens in der Nähe von Innsbruck (A) ist ebenso sonderbar wie aufschlussreich. Er heisst «Kristallwelten» und ist das Ausstellungsgelände von Swarovski. Also jener Firma, die von Wattens aus die Welt eroberte, indem sie einfaches Glas so zurechtschliff, dass sich jedermann im Funkeln spiegeln kann, als wäre es Geflirr von Edelsteinen.

In dieser wunderlich tiefenlosen Welt gibts ein begehbares «Kristalloskop»: eine Hohlkugel, ausgekleidet mit einer Vielzahl von Spiegelprismen. Wer sie betritt, sieht sich hundertfach, tausendfach gespiegelt. Die meisten jauchzen unwillkürlich auf. Und weil Fotografieren nicht verboten ist in diesen Welten, ja erwünscht, schiessen alle sofort ein sogenanntes Selfie. Ein Bild von sich selbst, tausendfach vervielfacht in den aufregend verwirrenden Spiegeln. Es ist augenscheinlich: Das «Kristalloskop» macht alle glücklich, vertausendfacht das Ich, als wär jedes ein bestirntes Universum.

«Selfie» kennzeichnet den modernen Menschen

Der Ort ist typisch für die Gegenwart und den modernen Menschen. Denn «Selfie» und Spiegel seien seine Kennzeichen. Merkmale für den dominierenden, phasenweise gar grassierenden Narzissmus. Das sagt ebenfalls ein Mann aus Österreich, der Psychotherapeut Reinhard Haller. Er hielt am Dienstagabend in Baden ein Referat zum Thema Narzissmus, im Rahmen des 15. «Talk im Trafo», durchgeführt von Binder Rechtsanwälte und den AZ Medien.

Haller sagte auch, was man gegen Narzissmus tun kann: sozusagen Vergnügen finden im «Kristalloskop» und sich gleichzeitig mässigen. Die Lust am Ich als Scheinfreude erkennen, dank dem Reflex im Spiegel. Dafür genügt ein einziger Spiegel, betrachtet man sich darin nüchtern, während tausend das Bild verstellen.

Nun bekommen die Leute aber nie genug Reflexe von sich selber. Das Fotografieren möglichst aller Momente zeigt erste Züge von Sucht. Es wird von einigen gar verlängert zum Rund-um-die-Uhr-Film von sich selbst, fast so, als verschwinde ihre ganze Existenz in nur einem undokumentierten Augenblick wie in einem schwarzen Loch.

Man sieht: Narzissmus spiegelt viel Selbstbewusstsein wider, bleibt aber zerbrechlich. Narzissmus ist eine starke treibende Kraft, um sich zu behaupten. Aber auch eine Gefahr, die einen zu verschlingen droht, wie die uralte mythologische Figur des Narziss selber, der im Brunnen ertrank, worin er sich selbstberauscht spiegelte. Auf solche Diskrepanzen legte Reinhard Haller beharrlich das Augenmerk in einem dichten, routinierten, temporeichen Referat.

Burnout, Ichsucht, Autismus

Ironie, auch in seiner elegantesten Form – als Selbstironie –, liess der Referent dabei nicht vermissen. «Ich bin Psychiater», sagte er etwa, «wofür ich mich entschuldige.» In der Tat ist es erklärungsbedürftig, weshalb grosso modo hundert Jahre Psychologie (Seelenkunde) und Psychiatrie nicht unbedingt dazu beigetragen haben, dass sich die Heilkräfte der Seele stärkten oder zumindest etwas klärten. Sondern Konfusionen scheinen eher zuzunehmen und haben zu neuen Krankheitsbegriffen geführt wie Burnout, Ichsucht, Autismus usw.

«Doch psychische Grundkonstellationen», sagte Professor Haller, «sind zeitlos», etwa nachzuweisen in jahrtausendealten Mythen wie dem Narziss, aber auch in der trockenen Weisheit des Volksmunds. Darauf würden Therapeuten durchaus achten. Heute träten solche Grundkonstellationen freilich häufiger zutage: «Blicken Sie hinein in den Spiegel des Narziss, erblicken Sie das Gesicht der modernen Gesellschaft.»

Vor kurzem noch, sagte Haller, seien als gesellschaftliche Ideale vorrangig Gesundheit, Beruf und Partnerschaft genannt worden. Seit zwei Jahren würden die Leute als Erstes sagen: «Mich selbst verwirklichen.» Was in früherer Zeit noch als Makel oder Sünde gegolten habe, der Narzissmus, habe sich demokratisiert – und der Psychotherapeut fuhr klar fort: «Das ist so nicht gut.»

Haller warnte davor, Narzissmus mit Selbstliebe zu übersetzen; der Narziss könne nicht lieben. Darum sei vor allem die Partnerschaft mit einem Narziss «die reinste Hölle». Ausserdem gehöre Narzissmus «zur Standardausstattung jeder Führungsetage». Wenn am Anfang einer Karriere ein akzentuiertes Ich-Interesse noch wie ein «Bollwerk» wirken könne, so richte sich diese Kraft später meist gegen den Träger. Da könne eigentlich die Empfehlung nur noch lauten: Eine solch unbelehrbare Type aus dem Kader zu entfernen.

Keine eindeutige Form

Narzissmus kennt überdies keine eindeutige Form. Wenn er Masken trage, dann eher mehrere in diversen Schichten: «Es gibt den beleidigten Narzissten, den demütigen, den fanatischen, den amourösen Narzissten» (der sich erotisch für unwiderstehlich hält). Der «betörende Duft» von Narzissten sei nicht zu verwechseln mit Charisma. Narzissmus dürste heute oft danach, «medial stattzufinden». Am heimtückischsten fuhr Haller fort, «ist Narzissmus dort, wo er sich ‹cool› gibt». Noch immer seien zum Beispiel Amokläufe von Jugendlichen wegen unentdeckter leiser Kränkungen nicht genügend erkannt – als ernste Gefahrenpotenziale.

Die fünf E's des Narzissten

Wie wäre bei so viel Uneindeutigkeit Narzissmus denn zu erkennen? Anhand von «fünf grossen E», sagte Haller: Egoismus, Entwertung anderer, Empfindlichkeit, Empathielosigkeit und Entwicklungsstörung. «Narzissten beurteilen alles mit dem Ich-Scanner», seien unglaublich rasch gekränkt, bekämen nie genug Lob, zeigen kaum Mitgefühl und würden im Lauf der Zeit zunehmend bösartig. «Gott verzeiht», zitierte Haller ein Bonmot, «ein Narziss niemals». Selbst wenn mal einer die Hand reiche zur Versöhnung, sage der Narziss bloss: «Jetzt will mich dieser Psychopath noch mit Frieden erpressen.»

Trotzdem: Man müsse Narzissmus gesellschaftlich zulassen, empfahl Haller, eingedenk der offenen Frage von Erich Fromm: «Ist Narzissmus eine Berufskrankheit oder ein Berufskapital?» Darauf witzelte mal ein Manager: «Als ich merkte, dass ich narzisstisch gestört bin, war ich bereits CEO.»

Natürlich würde es brennend interessieren, wo genau die Grenze liegt zwischen narzisstischem Energiegenerator und Selbstzerstörung. Aber, sagte der Professor: «Diese Grenze ist letztlich nicht klar.»

Das heisst: Am Ende obliegt es dem Einzelnen, die Grenze kennen zu lernen. Dazu verhilft nach Haller der exakte Blick in den Spiegel. Ein Narziss dürfte das so quittieren: «Alles muss man selber machen.»

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