«Cheers!»

Bisher machten es viele falsch – das sind die neuen Regeln fürs Anstossen

Bis zu vier Personen dürfen laut Benimm-Experte miteinander anstossen.

Bis zu vier Personen dürfen laut Benimm-Experte miteinander anstossen.

Warum wir das Anstossen, obwohl stiltechnisch verpönt, nicht lassen können. Und gerade jetzt nicht lassen sollten.

Da sitzen wir wieder gemeinsam am Tisch. Etwas fremd fühlt es sich noch an, das Servicepersonal hält Abstand, die Menükarte wird im besten Fall digi­tal gereicht. Früher machten uns bei einem Restaurantbesuch die Keime in der Küche sorgen, jetzt denken wir vor allem an die Viren auf dem Salzstreuer. Aber was soll’s? Hoch die ­Gläser, «Gesundheit allerseits», wir können es brauchen.

Anstossen dürfen wir noch. Auf zwei Armlängen Distanz und mit sauberen Weingläsern ist es aus virologischer Sicht unbedenklich.

, sagt Christoph Stokar, Autor des neu aufgelegten «Schweizer Knigge». An langen Tafeln mit vielen Gästen soll man das Anstossen jedoch bitte unterlassen.

Der Benimmexperte erklärt, wie die formvollendete Variante des Zuprostens aussieht: «Man hebt das Glas, sucht lächelnd Blickkontakt und nickt seinen Tischnachbarn freundlich zu.» Auf alle Trinksprüche ausser «Zum Wohl», «Prost» oder eventuell «Santé» soll man verzichten.

Dass jemand sicherheitshalber noch ein «Söll gälte, gäll» hinterherschiebe, lasse sich in der Schweiz fast nicht vermeiden, sagt Stokar. Denn Schweizer seien ein unglaublich anstossfreudiges Volk, Knigge hin, Netiquette her. «Wir wollen alle inkludieren und zeigen uns selbst in gehobenen Kreisen boden­ständig und nahbar.»

Anstössige Runden: Schweizer sind hartnäckige Zuproster

So kommt es, dass auch bei grossen Tischrunden immer jemand ruft: «Jetzt lasst uns doch aber richtig anstos­sen!» und schon bricht das Chaos aus. Überall Arme und Gläser, Wein schwappt aufs Tischtuch, ein ­Geläuf wie beim Stuhltanz, und am Schluss fragen sich alle: «Haben wir schon?» Ein Sommelier mit viel Auslanderfahrung erzählt hinter vor­gehalte­ner Hand, dass Schweizer weltweit zu den hartnäckigsten Zuprostern zählten.

, sagt er. Ganz schlimm findet er jene Gäste, die das Weinglas wie eine Babyrassel umklammern, statt es nur am Stiel anzufassen. Wer anstossen wolle, solle vorsichtig mit dem Bauch des Glases anstossen, niemals mit dem Rand, weil dort das Glas am zerbrechlichsten sei, erklärt der Weinexperte. Auch mit Schnapsglas, Wasserbecher und Cocktailglas soll man gar nicht erst ver­suchen anzustossen. Allein nicht dünnwandige Weingläser seien dafür gemacht.

Während der Coronazeit haben unsere kreativen Leser neue Anstossvarianten entwickelt.

Während der Coronazeit haben unsere kreativen Leser neue Anstossvarianten entwickelt.

Anstossen, bis der Wein überschwappt

Früher sah man das weniger eng. Es heisst, dass das Anstossen von ungeliebten Herrschern im Mittelalter erfunden wurde, die sich ständig davor fürchteten, einen Kelch mit vergiftetem Wein gereicht zu bekommen. Das kräftige Zuprosten diente dem Austauschen von Flüssigkeit: Je ein Schluck schwappte hinüber ins andere Glas. Wollte einer in der Runde nicht an­stossen, war das ein Vertrauensbruch.

Vielleicht kommt daher unsere Leidenschaft zum Anstossen. Wir zeigen ­damit, dass wir zusammengehören, zumindest für diesen Abend. Menschen brauchen Rituale, um sich zu verbinden, sich aufgenommen zu fühlen im Rudel, sagen dazu die Ethnologen. Darum all das Händeschütteln und Geküsse. Alles Zeichen der gegenseitigen Wertschätzung, der Friedfertigkeit und alles Schnee von gestern, abgelegt im ethnologischen Archiv unter «seit 2020 hygienisch überholte Grussformeln».

Benimmexperte Christoph Stokar rät nun, eine kurze Umarmung zur Begrüssung zu ritualisieren.

Und der Handschlag werde mehr und mehr zu einer poli­tischen Haltung. Wer noch so grüsse, oute sich automatisch als regierungskritisch.

Zurück zum politisch korrekten Anstos­sen. Einige Historiker wollen Belege gefunden haben, dass diese Trinksitte bereits in der Antike durchgeführt wurde. Mit dem Klirren der Kelche sollten böse Geister und Dämonen vertrieben werden.

Damit wären wir schon fast wieder in unserer Corona-verseuchten Gegenwart. Das Klirren vertreibt zwar keine Viren, aber zu­mindest das Gefühl der Distanziertheit. Durch das Glas kommen wir ­wieder in Kontakt zueinander, nur das mit den überschwappenden Kelchen lassen wir jetzt gerade lieber. «Viva» und «Zum Wohl».

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