Das Echo war zu erwarten, und es war gross: Von Schanghai bis New York berichteten Medien letzte Woche – auch die «Nordwestschweiz» – ausführlich über die Genveränderungen am menschlichen Embryo, für die ein britisches Forscherteam die Erlaubnis erhalten hat.

Mit dem Eingriff ins menschliche Erbgut wollen die Wissenschafter neue Erkenntnisse über das Heranwachsen von Embryos gewinnen und die künstliche Befruchtung sicherer machen. Zuvor war die sogenannte «Gen-Schere» Crispr-Cas9 erst in China am menschlichen Embryo eingesetzt worden.

Die Reaktionen auf die Meldung fallen gemischt aus. Nichts Verwerfliches im Experiment sieht etwa Christoph Rehmann-Sutter, Professor für Bioethik in Lübeck, wie er zur «Nordwestschweiz» sagte.

Für Felix Häberlin, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin SGRM, kommen die Tests hingegen zu früh: «Die Crispr-Methode wurde experimentell noch zu wenig erforscht, als dass man sie bereits jetzt am menschlichen Embryo einsetzen sollte.»

Aber auch Bioethiker Rehmann-Sutter hat Vorbehalte gegenüber Crispr: «Wenn es darum ginge, genetisch manipulierte Kinder zu produzieren, würden bei mir die Alarmglocken läuten.»

Das Super-Gen gibt es nicht

Genetisch veränderte Kinder, auch Designerbabys genannt: Sie schweben wie unsichtbare Geister über der Debatte um die Genforschung. Niemand kann mit Sicherheit sagen, ob Experimente wie jenes in Grossbritannien nicht Wegbereiter sind zum Kind, das sich im Reagenzglas nach Belieben gestalten lässt.

Wunschkinder eben, hochintelligent, gut aussehend, athletisch gebaut, musikalisch begabt und mit einer Engelsgeduld gesegnet.

Aber wird die Forschung jemals imstande sein, einen solchen Menschen zu produzieren?

Theoretisch ja, sagt Fortpflanzungsmediziner Häberlin: «Der Mensch forscht immer und immer weiter. Er kann gar nicht anders.»

So gesehen sei es wahrscheinlich, dass derartige Eingriffe ins Genom dereinst möglich werden. Bevor es aber so weit ist, müssen viele und teils komplexe Hindernisse überwunden werden. «Vom Designerbaby sind wir darum noch sehr, sehr weit entfernt», ist Häberlin überzeugt.

Der gleichen Meinung ist Elsbeth Stern, Intelligenzforscherin an der ETH Zürich: «Ich glaube nicht, dass zu unseren Lebzeiten ein Kind zur Welt kommt, das per Genmanipulation massgeschneidert wurde.»

Die Methode, Gene auszutauschen, ist dank Crispr-Cas9 zwar schon vorhanden. Doch welche Gene den Menschen intelligent, gross oder braunhaarig machen, weiss niemand so genau.

Die Schwierigkeit, sie zu finden, wird bei der Intelligenz besonders offensichtlich: Es gibt nicht ein einzelnes Super-Gen, das diese steuert. Es sind viele verschiedene Gene, die über das ganze Erbgut verstreut sind und miteinander interagieren.

Welche Gene klug machen, interessiert die Intelligenzforscher brennend. Nur kommen sie ihnen partout nicht auf die Spur. Und selbst wenn dereinst klar ist, welche DNA-Abschnitte ausgetauscht werden müssten, um kleine Genies zu züchten, könnte das gravierende Nebenwirkungen zur Folge haben. Denn ein Gen kann mehr als eine Funktion haben.

Stern erklärt das anhand eines Beispiels: «Wenn man ein Gen austauscht, um ein superintelligentes Kind zu zeugen, wächst ihm vielleicht keine Nase, weil das Gen auch für die Bildung der Nase zuständig ist.»

Doch auch wenn wir in ferner Zukunft wissen, welche Gene die Eigenschaften eines Menschen bestimmen, und mit ihnen spielen können wie mit Lego-Steinen, macht das allein noch kein Designerbaby. Denn Eigenschaften wie Intelligenz, Augenfarbe oder Grösse hängen nicht allein von den Genen ab. Selbst die beste Veranlagung nützt einem Menschen nichts, wenn er nicht in einer förderlichen Umwelt aufwächst. Wenn er als Kind nicht genügend Nahrung und Geborgenheit kriegt.

Die Diskussion, ob die Gene oder die Umwelt das Wesen des Menschen bestimmen, lief lange unter dem Titel «Nature versus Nurture», Natur gegen Erziehung.

Heute weiss man jedoch, dass das kein Duell zweier Rivalen ist, sondern ein Zusammenspiel, «Nature via Nurture». Die Umwelt sorgt dafür, dass Erbanlagen sich entfalten können.

Wer allerdings mit der falschen Genausstattung zur Welt kommt, dem nütze auch die perfekte Umwelt nichts, sagt Stern: «Mit ungünstigen Genen wird niemand superintelligent.»

«Grosses Missbrauchspotenzial»

Der Weg zum genetisch entworfenen Übermenschen ist steinig, ist noch weit. Und selbst wenn das nötige Wissen vorhanden wäre, ist noch nicht gesagt, dass es auch in diesem Sinne benützt würde.

Entscheidend ist laut Fortpflanzungsmediziner Häberlin, dass es strikt medizinisch angewendet wird. Beispielsweise, um schwere Erbkrankheiten festzustellen – und nicht auf Designerbabys abzielt. «Aber klar, würde ein entsprechendes Verfahren existieren, wäre das Missbrauchspotenzial gross», sagt Häberlin.

Wichtig sei ausserdem, dass die Gesellschaft eine Diskussion darüber führe, zu welchen Zwecken man Genscreenings und -veränderungen erlauben will.

Die Präimplantationsdiagnostik (PID) ermöglicht es heute bereits, gewisse schwere Erbkrankheiten im Embryo zu erkennen und zu vermeiden sowie dessen Geschlecht zu bestimmen.

Spricht man im ersten Fall von medizinischer Indikation, gehört die Geschlechtswahl in die Kategorie Designerbaby. Streng genommen gibt es also schon Designerbabys, denn in gewissen Ländern wie den USA ist die Wahl des Geschlechts erlaubt.

In der Schweiz bleibt sie jedoch auch dann verboten, wenn das Volk die PID bei der Referendumsabstimmung im nächsten Juni gutheisst.

Häberlin sagt, es käme ohnehin nur etwa alle zwei Jahre vor, dass ein Paar das Geschlecht seines Kindes bei der künstlichen Befruchtung bestimmen möchte.