Gestern

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es kaum Schranken: Der gefährlichste Schritt der Medizin

«Versuchskaninchen»: Eine Illustration aus dem Jahr 1891 zeigt, wie einer jungen Frau eine Ziegenbluttransfusion verabreicht wird. Magazin «L’Illustration» vom 7. März 1891

«Versuchskaninchen»: Eine Illustration aus dem Jahr 1891 zeigt, wie einer jungen Frau eine Ziegenbluttransfusion verabreicht wird. Magazin «L’Illustration» vom 7. März 1891

Menschenversuche sind in der Forschung unvermeidlich –wann sie riskiert werden dürfen, ist schwierig anzugeben. Seit 1947 müssen Teilnehmer an Studien freiwillig zustimmen und dürfen nicht unnötig geschädigt werden. Das war nicht immer so.

«Es ist Unsinn, an die Materie zu glauben und zugleich an einen Humanismus, man kann nur an die Materie glauben und an das Ich.» Der Satz stammt aus dem Roman «Der Verdacht» von Friedrich Dürrenmatt, 1951/52 in Fortsetzungen im «Beobachter» erschienen. Gesprochen wurde er von Emmenberger, einem angesehenen Arzt und Klinikdirektor. Der Ehrenmann hat sich leider im Lauf der Geschichte als Sadist entpuppt und während des Zweiten Weltkriegs in den Konzentrationslagern der Nazis Vivisektionen durchgeführt. Dürrenmatts Held Kommissar Bärlach hat sich als Patient in die Klinik von Emmenberger einweisen lassen, um ihn zu überführen. Wie bei Dürrenmatt üblich, verliert aber Bärlach die Kontrolle, und Emmenberger droht, ihn am nächsten Morgen ebenfalls «zu operieren».

Emmenberger ist nicht nur ein Sadist, sondern auch ein Nihilist, der seinen Hang zur Grausamkeit metaphysisch erklären darf. Und so bekommen wir von ihm den Satz, welcher beispielhaft das Dilemma der medizinischen Forschung beschreibt. Humanmedizin ist einerseits materialistische Wissenschaft, die mit den dort gängigen Methoden und Denkweisen vorgeht. Die Forschung will Fortschritte erzielen. Und dabei kollidiert sie irgendwann mit dem Humanismus. Weil das Ziel der Medizin, den Menschen zu heilen, natürlich nur verfolgt werden kann, indem man versteht, wie Krankheiten seine Körpermaschine beschädigen.

In vitro – in vivo

Hier hat die Humanmedizin Wurzeln in der Biologie. Das 19. Jahrhundert hat – neben vielem anderen – auch die Unterscheidung «in vitro» und «in vivo» hervorgebracht. Das Zeitalter der Reagenzgläser, Petrischalen und Mikroskope isolierte Zellen, Zellgewebe und organisches Gewebe vom Körper und züchtete es in Petrischalen. Dort wird dann die Forschung betrieben. 

Die Helden der Bakteriologie, Louis Pasteur und Robert Koch, arbeiteten auch so. Sie jagten nach Krankheitserregern (was nicht ungefährlich war) und versuchten, sie in Petrischalen oder Reagenzgläsern zu isolieren. Pasteur fand nicht nur die Erreger verschiedener Infektionskrankheiten, sondern auch eine Impfmethode gegen die Tollwut. Er war nicht der Erste, der impfte (Jenner und die Pockenschutzimpfung gab es schon), und seine Theorie, wie Impfen funktioniert, war auch etwas sonderbar, aber die Idee, mit abgeschwächten Erregern eine Schutzwirkung zu provozieren, funktionierte. Und die Tollwut hatte den Vorteil, dass sie Hunde und Menschen befallen konnte.

Der Tuberkulin-Skandal

1870/71 führte Preussen Krieg gegen Frankreich und die persönliche Beziehung zwischen Louis Pasteur und Robert Koch versteht man nur, wenn man diesen Hintergrund einbezieht. Koch war ein noch grösserer Star als der ältere Pasteur, 1882 präsentierte er den Tuberkulose-Erreger. Natürlich wollte er jetzt wie sein französischer Konkurrent einen Impfstoff entwickeln, um «die Krankheit zu besiegen». Pasteur hatte zuerst mit Hunden experimentiert, seinen Tollwut-Impfstoff injizierte er 1885 dem 9-jährigen Joseph Meister, der von einem tollwütigen Hund gebissen worden war. Joseph überlebte.

Koch kam mit einer Substanz, die er «Tuberkulin» nannte. Sie enthielt einen in Glyzerin gelösten Extrakt aus Tuberkulosebazillenkulturen. Er behauptete, er hätte nicht nur eine positive Wirkung im Reagenzglas beobachtet, sondern auch Meerschweinchen «geheilt», die er allerdings nicht vorweisen konnte. Stolz und Überheblichkeit liessen aber eher das Tierstadium auslassen. Er unternahm einen Selbstversuch, gab es seiner Geliebten und späteren Ehefrau Hedwig Freiberg und ein paar anderen Personen.

1890 kam Tuberkulin auf den Markt und wurde angewendet. Zweifel kamen auf, weil immer mehr Patienten starben, statt dass sie geheilt wurden. Als Heilmittel erwies sich Tuberkulin als unwirksam. Immerhin konnte man es als Testsubstanz brauchen. Ältere Leser erinnern sich vielleicht noch an die «Pflästerli», welche man als Kind aufgeklebt bekam. Wenn keine Bibeli auftraten, bekam man die Impfspritze.

Man isoliert den Erreger aus dem Gewebe kranker Menschen. Man züchtet ihn in Kulturen. Man probiert verschiedene Substanzen aus, welche die Kulturen angreifen. (Das berühmteste Beispiel ist der Penicillin-Schimmelpilz, der Bakterienkulturen «verunreinigte» – indem er die Mikroorganismen abtötete.) Der nächste Schritt ist die Überprüfung, ob der Stoff sich mit dem Gewebe verträgt. Dann kommen Tiere, die man vorher mit dem Erreger infiziert hat. Irgendwann wird dann der Schritt zum Menschen gemacht werden müssen. Kriterien zu finden, wann das riskiert werden darf, ist schwierig.

Beim Fall Koch kann man sagen, dass sich die Anwendungsphase als Experimentierphase herausgestellt hat. Man hat, anstatt zu heilen, an Menschen experimentiert. «In vitro» – «in vivo», ursprünglich als methodologische Unterscheidung konzipiert, verschiebt die Grenze über das Tiermodell hinaus und fordert den Forscher moralisch heraus. «Heilen», die Anwendung an bereits erkrankten Patienten, ist dabei weniger problematisch als «Immunisieren». Ob Prävention funktioniert, kann man nur überprüfen, indem man gesunde, geimpfte Menschen dem Erreger aussetzt.

Über- und Untermenschen

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es kaum Schranken. Nicht nur Verbrecher, sondern auch sozial unterklassige Menschen, wie Prostituierte oder Obdachlose, durften «im Dienste der Wissenschaft» Experimenten unterzogen werden. Die Gräuel des 20. Jahrhunderts, die Experimente der Nazi-Ärzte und der berüchtigten «Unit 731» der japanischen Armee, fallen allerdings nicht darunter. Hier war den meisten «Forschern» klar, dass sie ein Verbrechen begingen. Die moralische Enthemmung drückt sich aus, dass von «Menschenmaterial» die Rede ist, wenn an den Reichsführer SS, Heinrich Himmler, die Anfrage gerichtet wird, ob KZ-Häftlinge zur Verfügung stünden. Ohne den Nazi-Rassenwahn mit der Ideologie des «Herrenmenschen», der weit über den anderen steht, wäre das kaum verständlich.

Auch hier wurde – wenn man die Sache mit dem Sadismus auf der Seite lässt – das Tiermodell einfach ausgelassen. Die Versuche der Flugmediziner in Dachau hatten zum Ziel, das Leben deutscher Piloten zu retten. Wie verhält sich der Körper in grossen Höhen bei Kälte und Unterdruck und wie kann man unterkühlte Piloten retten? Und auch die Sulfonamid-Experimente im KZ Ravensbrück entsprechen methodisch durchaus den wissenschaftlichen Standards der Zeit, sie beruhten einfach darauf, dass hier Menschen wie Versuchstiere behandelt wurden. (Die japanischen Studienleiter schrieben «Affen» in ihre Protokolle, obwohl klar ist, dass es sich um Menschen gehandelt haben muss.) So zeigt sich, wie leicht die Ausblendung der moralisch-humanistischen Dimension im humanmedizinischen Forschungsprozess ist.

Antibiotika und Psychopharmaka provozieren Menschenversuche. Das zeigt sich in Fällen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg ereignet haben. Anfang Januar 2019 lehnte das US-Bundesgericht einen Antrag ab, ein Verfahren einzustellen, mit dem 2015 774 Angehörige von Opfern von Menschenversuchen der US-Gesundheitsbehörde in Guatemala Entschädigungen erwirken wollten. Zwischen 1946 und 1948 wurden 1308 Erwachsene mit Syphilis, Gonorrhö oder Chancroid angesteckt. Der Versuchsleiter John Cutler wollte eine Prophylaxe gegen Geschlechtskrankheiten entwickeln. Er starb 2003, 2010 wurden die schändlichen Experimente aufgedeckt. 1947, nach dem Nürnberger Ärzteprozess, wurde der «Nürnberger Kodex» formuliert: Teilnehmer an Studien müssen freiwillig zustimmen und dürfen nicht unnötig geschädigt werden. Das wurde in Guatemala offenbar nicht beachtet.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1