Herr Bärtschi, die Schweiz gilt als Bio-Weltmeisterin. Nirgends wird mehr Geld für Bio-Lebensmittel ausgegeben als hier. Wie erklären Sie sich das?

Daniel Bärtschi: Schweizer Konsumenten sind kritisch, ihnen ist wichtig, wo ihre Lebensmittel produziert werden. Kommt hinzu, dass die Schweiz einige Bio-Pioniere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte, welche die Bio-Idee bekannt machten, wie zum Beispiel Hans Müller, der im Nationalrat war und dort erste Kontakte zu Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler knüpfte. Damals verkaufte die Migros Bio-Gemüse unter dem Label «Gesunde Ernte».

2016 sind die Umsätze mit Ihrem Knospe-Label hierzulande um über 7 Prozent angestiegen. Wie sieht es dieses Jahr aus?

Genaue Zahlen liegen noch nicht vor. Aber wir gehen davon aus, dass der Bio-Konsum auch künftig 5 bis 10 Prozent jährlich steigt. 2025 dürfte der Bio-Anteil am gesamten Schweizer Lebensmittelmarkt mindestens 15 Prozent erreichen. Unsere Vision ist aber das Bioland Schweiz. Wir denken, dass ein Bio-Anteil im Lebensmittelmarkt von 50 Prozent langfristig machbar ist.

Das Bio-Angebot in der Schweiz ist kleiner als die Nachfrage. Wie viel mehr Ackerfläche und Bio-Betriebe braucht es?

Das lässt sich nicht so einfach sagen, da sich jeder Bauer auf andere Produkte konzentriert. Fakt ist, dass auf Anfang dieses Jahres 386 Betriebe umgestellt haben. Diese Tendenz hält an. Denn bei vielen Produkten herrscht eine Unterversorgung, zum Beispiel bei Brotgetreide, Kartoffeln oder Beeren. Da sind wir heute noch stark auf Importe angewiesen.

Das belastet die Öko-Bilanz.

Beim gesamten Lebensmittelmarkt beträgt die Importquote 50 Prozent, im Bio-Markt hingegen nur 30 Prozent, und das seit Jahren. Aber klar, weniger wäre besser. Manchmal sind es sogar 70 Prozent, wenn die Ernte schlecht ausfällt, wie zum Beispiel dieses Jahr bei den Bio-Äpfeln oder -Kirschen wegen des Kälteeinbruchs im April. Wir sind nun mal abhängig von der Natur. Andererseits ist die Importquote ein Zeichen für heimische Bauern, dass das Potenzial für sie gross ist.

Die Migros verkauft mit ihren Alnatura-Produkten und -Filialen vermehrt EU-Bio-Produkte. Coop-Chef Joos Sutter sprach kürzlich von einer «Verwässerung» des Bio-Begriffs. Zu Recht?

Tatsache ist, dass unsere Richtlinien zu den strengsten weltweit gehören und weit über den EU-Standards liegen, die viele Alnatura-Produkte erfüllen. Wir wünschten uns bei der Deklaration mehr Transparenz. Denn wir gehen nicht nur bei der Gesamtbetrieblichkeit, sondern auch bei Themen wie Fairness oder Biodiversität deutlich weiter. Grundsätzlich finden wir es aber in Ordnung, wenn die Migros so mehr Bio-Produkte verkauft.

Aus der Industrie ertönt regelmässig Kritik, Bio sei gar nicht so nachhaltig, wie alle meinten. Der Anbau brauche mehr Wasser und mehr Fläche.

Dass ein Konzern wie zum Beispiel Syngenta diese Aussagen macht, ist nicht überraschend. Mit ihrer Agrochemie droht sie ein grosses Geschäft mit den Bauern zu verlieren. Ihr Problem ist, dass ihre Produkte in Verruf geraten sind, weil sie die Umwelt schädigen. Das wahre Problem liegt anderswo.

Nämlich?

Ein Drittel der Lebensmittel wird täglich weggeworfen. Wenn wir über die Ernährung der Weltbevölkerung sprechen, müssten wir dort ansetzen. Auch der Vorwurf, Bio-Landwirtschaft sei weniger produktiv, ist aus der Luft gegriffen. In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern können Bio-Bauern ihre Erträge dank Schulung und Beratung auf gleicher Fläche steigern. Wer hingegen auf Agrochemie setzt, wird oft davon abhängig und macht Schulden.

Trotzdem: Würden alle Bauern nur noch auf Bio machen, könnte die Weltbevölkerung nicht ernährt werden.

Doch, natürlich. Eine extensive Landwirtschaft benötigt insgesamt vielleicht mehr Wasser und mehr Land. Aber mit dem Einsatz von Chemie werden die Böden und damit das Produktionspotenzial langfristig zerstört. Der Boden ist die wichtigste Ressource, ein schonender Umgang damit ist zentral. Ein düsteres Bild zeigt sich in China, wo viele Flächen infolge der Umweltverschmutzung nicht mehr produktiv sind. Zum Teil fragen sie uns um Rat.

Chinesen wollen Schweizer Bio-Know-how?

Ja, seit einigen Jahren kommen im Rahmen eines Projektes der Fachhochschule Nordwestschweiz zunehmend chinesische Gruppen zu uns, Agronomen und Vertreter der Agrarwirtschaft, für zwei- bis dreiwöchige Schulungen. Sie möchten mehr über unsere Methoden erfahren und so ihr Umweltproblem lösen. Das Interesse ist enorm. Oft sind sie zum Beispiel total überrascht, dass hier die Kühe auch draussen gehalten werden. Leider wird es für China sehr lange dauern, bis sich die Böden erholt haben werden.

*Bio Suisse ist die grösste Bio-Organisation der Schweiz und der Dachverband der Knospe-Betriebe. Träger sind über 6100 Bauern und Gärtner.