Reportage

Biel wird die UBS-Banker locker machen

Glasgebäude neben Altstadt-Cluster, die Beiz neben den Trend-Cafés, und bald: Der Randständige neben dem UBS-Banker. Das ist Biel.

Glasgebäude neben Altstadt-Cluster, die Beiz neben den Trend-Cafés, und bald: Der Randständige neben dem UBS-Banker. Das ist Biel.

Die UBS versetzt Angestellte nach Biel. In die «Pampa» – sagt man. Dabei ist die Stadt im Aufbruch. Wir haben sie besucht.

Montagmorgen im Dezember 2018 im Zug durchs Mittelland. Zu Dutzenden sitzen sie jetzt da, die «White Collars» der UBS – all die Büroangestellten, die man in Zürich nicht mehr wollte. Unruhig rutschen sie auf ihren Sitzen herum in ihren frisch gebügelten Anzügen und den polierten Schuhen. Kein Haar steht ab, kein Knopf bleibt offen. Das haben sie so gelernt in Zürich. Von Vorfreude keine Spur, erster Arbeitstag hin oder her. Verloren schauen sie aus den Fenstern. Es herrscht Totenstille in den Waggons. Bis auf eine Frauenstimme, die jetzt aus dem Lautsprecher trötet: «Nächster Halt Biel, prochain arrêt Bienne.» Hier ist Endstation. Hier quetscht sich der Strom von Weisshemden durch die Bahnhofunterführung. Mit ihren glänzenden Oxfordschuhen und Navyboot-Pumps marschieren sie über den von Kaugummiresten übersäten Platz. Richtung Kanal, denn dort am Fluss im grossen roten Swisscom-Gebäude stehen ihre Bürotische.

Was derzeit noch ein Gedankenspiel ist, wird für 600 UBS-Angestellte ab Ende 2018 Wirklichkeit. Ihr erster Tag muss die Hölle sein. Allein schon wegen dem, was in den letzten Wochen geschrieben wurde. Als die UBS Anfang Juni ihren Entscheid bekannt gab, ihr Backoffice nach Biel zu verlegen, war der Aufschrei gross. Zumindest medial. Und vor allem in Zürich. «UBS goes Pampa», titelte beispielsweise der Autor Lukas Hässig auf dem bekannten Blog «Inside Paradeplatz».

Biel boomt

Biel hat ein Imageproblem, das ärgert die Bewohner der Stadt am Jurasüdfuss gewaltig. «Über uns wird im Rest der Schweiz nur geschrieben, wenn ein Rentner Amok läuft oder jemand Autos abfackelt. Pyromanen gibt es auch anderswo», rief der Stadtpräsident Erich Fehr einmal gegenüber einer Zeitung aus. Schlechte Sozialstatistiken, schiesswütige Rentner und islamistische Konvertiten – Biel ist immer für eine Schlagzeile gut.

Was kaum einer ausserhalb der Stadt sagt: Biel ist im Aufbruch. «Wie schon lange nicht mehr», sagt der Wirtschaftsdelegierte Thomas Gfeller. Er überwacht vom Zentralplatz aus das Fitnessprogramm für die Stadt. Im Namen der Wirtschafts- und Wohnbauförderung werden in den kommenden Jahren Millionen verbaut. Für den Neubau des Industriekonzerns Georg Fischer im Bözingenfeld, für den neuen Campus der Berner Fachhochschule und den Swiss Innovation Park hinter dem Bahnhof oder für mehr als 600 Neubauwohnungen für Gutverdienende, über die halbe Stadt verteilt. Auch die Swisscom hat letztes Jahr schweizweit sechs Callcenter geschlossen – und unter anderem auf Biel verteilt. Zudem hat sie hier vergangenen Herbst «La Werkstadt» eröffnet. Auf sieben Etagen treffen sich Unternehmen, Studierende, Selbstständige und Querdenker gemeinsam zum Ideen-Tüfteln.

Wieso gerade hier am Jurasüdfuss? «Biel ist das Tor zur Westschweiz und ist ein wichtiger Innovationsstandort», sagt die Swisscom-Sprecherin Sabrina Hubacher. Innovation und Biel – noch vor wenigen Jahren passten die beiden Wörter nicht zusammen. Jetzt ist die Kombination Programm. Auch dank der neuen Fachhochschule und dem Innovationspark. Forschung und Privatwirtschaft sollen dort gemeinsam neue Ideen ausbrüten. Ein Geniestreich der Stadt, wie die Unternehmen unisono bestätigen. «Die beiden neuen Institutionen sind ein zentraler Faktor, der uns zum Entscheid, in Biel auszubauen, bewogen hat», sagt Beat Römer, Sprecher von Georg Fischer.

Fehlende Steuerzahler

Biel braucht mehr Einnahmen. 80 Prozent der Bevölkerung verdienen maximal 60'000 Franken im Jahr, die Hälfte davon zahlt kaum bis keine Steuern. Biel braucht gute Steuerzahler. Da kommen auch die UBS-Jobs gerade recht. In der Verwaltung rechnet man fest damit, dass die Pendler irgendwann den Bettel hinwerfen oder herziehen werden – auch wenn sich damit niemand zitieren lassen will. Trotzdem: Als Heilsbringer will man sie dann nicht feiern. «Die UBS ist nicht erst der Anfang vom Turnaround», sagt Thomas Gfeller. Da drückt auch Stolz durch, der fest zu Biel gehört. «Ici c’est Bienne», wird gerne gesagt. Sei es von den Eishockey-Fans im Stadion oder von den Leuten auf der Strasse. Es ist Ausdruck von der Liebe zu ihrer Stadt – auch zu dem, was nicht gut läuft. Dass man ihr Zuhause als «Getto» bezeichnet, versteht hier kaum jemand.

«Die Stadt wird halt gebraucht, deshalb kommt sie nicht rausgeputzt daher», findet Santino, der grade hinter dem Tresen im Café Atomic gegenüber dem Bahnhof ein Bier für einen Stammgast zapft. «Das macht ihren Charme aus.» Den 24-Jährigen – wie so viele hier rund um den Bahnhof – kümmert es wenig, dass bald die UBS-Leute kommen. Noch jedenfalls. Ob im Café Atomic, beim Coiffeur Zerey in der Bahnhofunterführung oder im Restaurant Rotonde am Zentralplatz – überall klingt es gleich: «UBS, was? Quoi?»

Das glaubt auch Fritz Freuler. Einen Steinwurf vom Bahnhof entfernt sitzt das Stadtratsmitglied der Grünen in seinem Büro. Freuler ist auch Geschäftsführer des Vereins Casanostra, der Wohnungen an sozial Schwache vermittelt. Er weiss, wie es um die Bevölkerung steht. «Biel hat ein Strukturproblem, das bringen wir mit den UBS-Stellen nicht weg», sagt er. Hier kämpft man mit 5,8 Prozent Arbeitslosigkeit, einer Sozialhilfequote von 11 Prozent und einem tiefen Steuersubstrat. Notorisch knapp bei Kasse, das ist Biel. Vor allem wegen der wirtschaftlich düsteren Zeiten. Die Uhrenkrise hat Tausende Arbeitslose hinterlassen. Viele von Ihnen rutschten in die Abwärtsspirale und blieben in der Sozialhilfe hängen.

Der Schrecken der Vergangenheit steckt der Bevölkerung noch immer in den Knochen, auch Freuler. Seine Sorge: «Ich hoffe, dass die UBS während der nächsten Wirtschaftskrise bei uns nicht 600 Arbeitslose hinterlässt.»

Man kommt nicht los von ihr

Ja, in Biel läuft nicht alles rund. Aber gerade deshalb fühlen sich die Bieler ihrer Stadt verbunden. Kaum einer will die kleine Wilde verlassen, und die, die es tun, kehren immer wieder zurück. «Man kommt nicht los von ihr», heisst es oft auf der Strasse. Santino aus dem Café Atomic weiss, warum: «Hier ist es lockerer, als in anderen Städten.» Er selbst ist ein Beispiel dafür. Neben seinem Servicejob organisiert er mit Freunden Ad-hoc-Konzerte am Güterbahnhof. Eine offizielle Bewilligung haben sie nicht. Bräuchten sie auch nicht, sagt er. Wer etwas auf die Beine stellen will, muss hier nicht unzählige Vorschriften beachten. «Man macht einfach mal.»

Eine Laisser-Faire-Mentalität, die kreatives Potenzial birgt. Das sieht man an der Zwischennutzung des alten Fussballstadions auf dem Gurzelenareal. Eigentlich hätte die Stadt das Stadion einfach abreissen können. Stattdessen übergab sie es der Bevölkerung. Die tobt sich jetzt darauf aus. Kinderspielplatz, Gemeinschaftsgärten, Mittagstische, Ateliers und Werkstätten – alles Mögliche soll in den nächsten drei Jahren auf der Brache entstehen. Von Fussball ist schon jetzt keine Spur mehr. Kniehoch ragen Dutzende von Kartoffelstauden in die Höhe. Mitten im Stadion. Dafür kam im Frühling extra ein Bauer aus der Region mit Pferd und Pflug vorbei.

In Biel könnten die UBS-Leute auf neue Gedanken kommen, den obersten Kragenknopf öffnen, das biedere Hemd vielleicht ganz zu Hause im Schrank lassen. Sie könnten sich einlassen auf die Stadt, in der es in Ordnung ist, wenn ein Stadtrat barfuss zu den Sitzungen erscheint. Auf die Stadt, in der die Schönheit des Bielersees, das Hässliche der Millionen Kaugummis auf den Strassen, das verruchte Madretsch, das bonzige Beaumont, das Deutsche und das Welsche, vor allem aber 150 Nationen sich vermengen. Und falls nicht, können sie immer noch ihr Französisch aufbessern, denn: «Ici c’est Bienne.»

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