Kolumne

Beziehungen: Die geteilte Gesellschaft im Bett

«Wer in der Coronakrise einen Schmelztiegel für Uneinigkeiten sieht, dessen Zukunft erweist sich definitiv als kompliziert.»

«Wer in der Coronakrise einen Schmelztiegel für Uneinigkeiten sieht, dessen Zukunft erweist sich definitiv als kompliziert.»

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: Wie Uneinigkeit Liebende entzweit.

Fremdgehen wird seit eh und je als der Dauerbrenner unter den Schlussmachtriebfedern gehandelt. Zum Ende einer Beziehung ist es jedoch meist die Summe der manchmal sehr kleinen Dinge, die nicht so recht passten – und schliesslich das Aus heraufbeschworen. Sie klingen oft ziemlich banal, nennt man sie dann mal beim Namen.

Die Summe der kleinen, üblen Dinge

Frage ich jemanden, der oder die erst seit kurzem Single ist, warum er oder sie sich getrennt hat, bekomme ich selten die einzelnen Trennungskomponenten zu hören.

Vielmehr begründen die Befragten das Aus mit einer allgemein akzeptierten, oft ziemlich vagen Zusammenfassung ihres Beziehungsunglücks. «Wir konnten nicht miteinander reden» heisst es dann etwa, «Wir stritten uns ständig» oder eben: «Sie ging fremd».

«Wir trennten uns, weil sie unter anderem während des Essens lieber Geschäftsmails beantwortete, als sich mit den Kindern zu unterhalten», hört man hingegen kaum.

Gegensätze kitten nicht

Auch ich trennte mich von meinen Ex-Partnern, weil «es nicht klappte». Und nicht, weil er – neben anderen unerwünschten Verhaltensweisen – mich langweilte, ein TV-Junkie war oder nie Sport machen wollte mit mir.

Auch wenn Gegensätze im ersten Moment reizvoll erscheinen, so zeigen Umfragen: In den grossen Fragen des Lebens sind sich Langzeitpaare einig. Wer sich hingegen bei Volksabstimmungen jedes Mal in die Haare kriegt, dessen Haussegen hing alleine die letzten zehn Jahre gut hundert Mal schief.

Und wer derzeit auch noch in der Coronakrise einen Schmelztiegel für Uneinigkeiten sieht, dessen Zukunft erweist sich definitiv als kompliziert. Geteilte Meinungen zu gesellschaftspolitischen Themen haben schon so manche Liebenden entzweit.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie eines Online-Datingservices besagt, dass sich unter den befragten Schweizerinnen und Schweizern jede und jeder Fünfte trennt, wenn ihm oder ihr die politische Einstellung des oder der Liebsten nicht passt.

Wer den Partner von einer befremdenden Seite kennenlernt

Ich weiss von befreundeten Paaren, die zu den Coronamassnahmen so unterschiedliche Überzeugungen haben, dass sie das Thema zum Tabu erklären mussten. Redeverbot! Der Schritt von der Meinungsfreiheit zur Beleidigung ist auch innerhalb von Paarbeziehungen ein kleiner.

Covidiot statt Schatz. Isolation statt Ehebett.

Unterschiedliche Meinungen bewirken, dass wir uns von einer zuweilen befremdlichen Seite kennen lernen. Das kann tiefe Gräben aufreissen, in Partnerschaften wie in der Gesellschaft. Wir glauben, jemanden zu kennen – und können dann nicht nachvollziehen, dass unser Gegenüber doch nicht nach unseren Vorstellungen denkt und handelt.

Leben wir in einer Beziehung, in der es nicht einmal mehr ein Zünglein an der Waage braucht, um aneinanderzugeraten, empfiehlt es sich, die Summe der kleinen, üblen Dinge möglichst klein zu halten. Die Dinge beim Namen zu nennen – in der Hoffnung, sie mögen im Nachhinein irgendwann einmal banal erscheinen.

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