Alter

Bewährtes Experiment: In dieser WG wohnen nur Pensionäre

Das Altersheim ist nicht jedermanns Sache. Warum die letzten Lebensjahre nicht in einer WG verbringen?

Sonntagmorgen im Stürlerhaus in der Berner Altstadt. Acht Frauen und Männer sitzen am langen, antiken Tisch, im Esszimmer der Wohngemeinschaft. Der Salon bietet Ausblick auf die Aare. Ein Klavier steht in der Ecke. Eine Bibliothek. Kunst an den Wänden. Auch in der grossen Gemeinschaftsküche. Es ist Brunchzeit. Zeit zum Diskutieren. 

Vor 12 Jahren sind drei Ehepaare und vier Einzelpersonen in das Stürlerhaus eingezogen. Über das Wohnexperiment haben die Initianten des Projektes Margareta Hehl und Barbara Zohren jetzt ein Buch geschrieben (siehe Box).

Als die Kinder auszogen und die grossen Häuser in Hinterkappelen leer wurden, haben die beiden Frauen nach einer andern Wohnform gesucht. «Wir wollten nicht mit unsern Partnern vereinsamen», bemerkt Barbara Zohren. So haben sie 1996 den Verein «Andere Wohnformen» gegründet. «Wir träumten davon, zusammen alt zu werden in einem Haus in Stadtnähe», räumt Margareta Hehl ein. Als im Jahr 2000 das Stürlerhaus – ein Landhaus aus dem 17. Jahrhundert – zum Verkauf ausgeschrieben wurde, musste der Verein sofort handeln. Zehn Personen waren für das Experiment bereit. Alle zwischen 55 und 65 Jahre alt.

Mittlerweile stösst das Modell der Alters-WG auf mehr Zuneigung als noch vor 10 Jahren. Der Altersforscher François Höpflinger weiss: «Gemeinschaftliche Wohnprojekte von älteren Menschen für die zweite Lebenshälfte finden derzeit starke Beachtung.»

Auch bei Fachleuten der Altersarbeit stosse die Ideen eines gemeinschaftlichen Wohnens im Alter auf viel Sympathie. Der Anteil älterer Befragter, die ein wohngemeinschaftliches Leben bejahen, liegt gemäss einer Umfrage aus dem Jahr 2013 bei 17 Prozent – 2003 betrug der Anteil erst 10 Prozent. Die stärkste Zustimmung finde das Modell bei Alleinstehenden sowie bei Personen mit wenig Einkommen.

23 Grosskinder auf WG-Besuch

Margareta Hehl und Barbara Zohren bewiesen mit ihrem Projekt vor 12 Jahren Pioniergeist. Und wie sieht es jetzt aus? Sind die Träume erfüllt? Die beiden Freundinnen schauen sich fragend an. «Oh nicht so ganz», meint Hehl. «Wir wollten politisch aktiv werden. Das ist uns leider nicht gelungen.» Und ihre Freundin fügt hinzu: «Wir haben uns auch vorgestellt, mehr gemeinsam zu unternehmen.» Und was ist mit der Dépendance in New York? «Leider ist daraus nichts geworden», sagt Hehl fast entschuldigend.

Die Wohnform ist nichts für Sologänger. Das Leben im Haus ist ein stetes Abwägen zwischen Nähe und Distanz. Mittlerweile ist das Miteinander aber gut eingespielt: Regelmässige Sitzungen und Arbeitsgruppen (Finanzen, Bau- und Technik, Garten, Küche) regeln den Alltag. Ob ab und zu auch die Fetzen fliegen? Hehl: «Ja manchmal gehen wir uns auf die Nerven. Doch Fehler und Streit müssen Platz haben.»

Das tollkühne Wohnexperiment hat sich offensichtlich bewährt. Ist doch nur eine einzige Person, ein Mann, nach einem Jahr ausgezogen.

Seit einem Jahr sind die sechs Frauen und vier Männer alle pensioniert. Junges Leben bringen jetzt die Grosskinder ins Haus. «23 Grosskinder, die hier 10 Grossmütter und Grossväter haben», verkünden die beiden Grossmütter freudig. Die Türen im Stürlerhaus sind aber auch offen für das Quartier.

Zur Überraschung des Gastes endet das Gespräch mit der Gegenfrage der beiden Frauen. «Warum fragen Sie nicht, ob die Sache mit dem Sex untereinander auch ein Thema war?» Tatsächlich war das ein Gedanke. Aber ob man so was gleich fragen darf? Der Tenor der Frauen ist eindeutig: «Für ein solches Experiment braucht es solide und positive Paarbeziehungen.» Basta.

Das Stürlerhaus gehört der Genossenschaft. Die Bewohnerinnen und Bewohner sind Mieterinnen und Mieter. Stirbt jemand oder zieht aus, müssen alle einer Nachfolge zustimmen. Mit der Genossenschaftsform soll die Alterswohnform erhalten und Spekulation ausgeschlossen werden. Jede Person hat sich mit rund 80000 Franken beteiligt. Die Beteiligten erhalten die Beträge zurück, wenn sie aus der Gemeinschaft austreten. Die Miete beträgt rund 1000 Franken.

Im Gemeinschaftsraum «Chaos»

Das Stürlerhaus ist längst nicht die einzige Alters-WG in der Schweiz. Mit ähnlichem Gedankengut haben vor rund 14 Jahren in Bern zwei Paare und eine verwitwete Frau die Altershausgemeinschaft 55 plus (Eintrittsalter) genannt «Füfefüfzg» gegründet. Im belebten Lorraine-Quartier bauten sie zwei alte Häuser um: Diese bieten unterschiedlich grosse Wohnungen einem Gästezimmer und den Gemeinschaftsraum «Chaos». 2002 bezogen sie ihr neues Zuhause. Mittlerweile leben drei Paare und vier Singles zwischen 55 und 70 Jahre im «Füfefüfzg».

Im Unterschied zum Stürlerhaus geniessen die Bewohner hier mehr Privatsphäre. «Wir haben Stockwerkeigentum – und das ergibt eine weniger enge Form des Zusammenlebens. Aber auch wir haben regelmässige Zusammenkünfte, in denen wir das gemeinsame Wohnen besprechen», sagt Präsident Peter Bühler, ehemaliger Journalist bei Radio DRS. Auch die Wohngemeinschaft «Füfefüzg» will im Quartier integriert sein – mit der monatlichen «Vollmondsuppe», mit Vorträgen und Filmvorführungen.

Eine Hausgemeinschaft anderer Art ist die «Giesserei» in Winterthur. Sie gilt mit 156 Wohnungen als die grösste selbstverwaltete Mehrgenerationen-Siedlung der Schweiz. 2013 zogen die ersten Bewohner ein. Mittlerweile leben dort 350 Menschen. Restaurant, Kinderkrippe und Velowerkstatt gehören dazu. Das Konzept: Alle sind verpflichtet, pro Jahr rund 40 Stunden Gemeinschaftsarbeit zu leisten. 10 Prozent des Wohnraumwerts müssen die Mieter als Eigenkapital mitbringen.

Gemäss Höpflinger geniesst das Modell Hausgemeinschaft (Privatwohnung mit gemeinschaftlichen Strukturen) mehr Zustimmung als die Wohngemeinschaft. Mit ein Grund sei das Fehlen von passenden und bezahlbaren Wohnhäusern. Deshalb gilt: Wer einmal ein so geeignetes Haus wie das Stürlerhaus gefunden hat, gibt es nicht mehr her.

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