In Ihrem neuen Buch «WebAttack» beschäftigen Sie sich mit der Internet-Überwachung. Nach dem Attentat in Paris werden Forderungen laut für mehr Überwachung. Eine gute Idee?

Roman Koidl: Das ist eine sehr problematische Idee. Der Anschlag auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» richtete sich auch gegen die freie Meinungsäusserung. Wenn wir nun noch mehr Daten von unverdächtigen Menschen auf jahrzehntelangen Vorrat horten, reichen wir den Terroristen die Hand, weil wir so unsere Persönlichkeitsrechte und unsere Redefreiheit selber einschränken. 

Das müssen Sie erklären.

Alle Daten, die wir übers Internet, Telefon, per E-Mail oder Fax verschicken, werden ausnahmslos gespeichert. Wir schaffen gerade das Telekommunikationsgeheimnis ab, ohne dass das gesellschaftlich besprochen wurde. Wenn es einen öffentlichen Diskurs dazu gegeben hätte und eine Mehrheit zum Schluss gekommen wäre, dass diese massive Form der Überwachung von den Bürgern gewünscht wird, dann wäre das immer noch äusserst problematisch, aber immerhin demokratisch legitimiert.

Lassen sich mit einer rigoroseren Überwachung Attentate verhindern?

Das weiss ich nicht, aber ich finde es erschreckend, was die NSA und andere Geheimdienste alles können. Natürlich brauchen Polizei und Geheimdienste Mittel, um sich gegen das organisierte Verbrechen und den Terrorismus zu wehren. Derzeit halte ich diese aber für unverhältnismässig in Relation zur Gefahr, die man damit bekämpfen möchte.

Sie raten dazu, Facebook, Whatsapp und Twitter gar nicht zu benutzen. Übertreiben Sie da nicht?

Man sollte es zumindest nur sparsam tun. Ich habe keine Facebook-Freunde und Twitter halte ich für überbewertet, aber manchmal erhalte ich Nachrichten via Whatsapp. Dabei ist mir bewusst, dass alle Kontaktdaten von meinem Smartphone auf die Server der Firma gezogen werden. Andere Anbieter laden sogar meine Bilder runter oder gar persönliche Notizen.

Und Sie nutzen das trotzdem?

Ja, aber nur auf einem Telefon, auf dem sonst nichts drauf ist. Keine Bilder, keine E-Mails – nichts. Ich schreibe dann auch immer per SMS zurück. Ich habe zwei Telefone. Und für besondere Fälle noch ein uraltes Siemens Krypto-Handy.

Viele Bürger denken so: «Mir doch egal, wenn Firmen und Geheimdienste meine Daten speichern. Ich habe nichts zu verbergen.» Was erwidern Sie?

Das hat nur so lange Gültigkeit, wie man nicht aufgrund systemischer «Filter» unschuldig auf einer Verdächtigenliste erscheint, wie es einem Baby in Amerika passierte, das nicht in ein Flugzeug durfte, weil es auf der Liste Terrorverdächtiger stand. Absurd. Dieses «System» wird uns in Zukunft beherrschen. Wir geben durch die unglaubliche Preisgabe unserer Daten vor allem US-Konzernen die Möglichkeit, Einzelne, Gruppen oder ganze Bevölkerungsschichten zu diskreditieren, zu desinformieren oder zu manipulieren. Man kann bei jedem etwas finden, das vielleicht nicht illegal, aber gesellschaftlich nicht akzeptiert ist. Totale Transparenz, das ist der Sound der Diktatur. Und wenn Sie so wollen wird die Diktatur gerade privatisiert.

Was ist gefährlicher, dass wir für Google, Facebook und Co. nackt sind oder für die Staaten?

Für die Firmen. Die aggregieren ein unglaubliches Wissen über uns. Dieses Wissen wird natürlich nicht anonymisiert, sondern zu Profilen zusammengefügt. Vordergründig werden die Daten gespeichert, um uns zu schützen, doch in Wirklichkeit geht es darum, dass eine kleine Gruppe kommerzieller Unternehmen in der Lage ist, uns mit diesen Daten zu manipulieren. Das ist Imperialismus 2.0, der Kampf um die wirtschaftliche Vormacht in unseren Köpfen.

Was soll man tun?

Unsere Politiker müssen verstehen, dass es bei Daten auch jenen Verbraucherschutz braucht, der in anderen Bereichen längst gang und gäbe ist. Leute, die nicht wissen, was genau die Anbieter von Apps alles mit den Daten anstellen, müssen viel besser aufgeklärt werden. So wie man Konsumenten aufklärt, dass in einer Wurst Schweinefleisch ist. Einige Praktiken des Datensammelns muss man dann wohl auch ganz verbieten.

Geht das überhaupt?

Natürlich kann man das gesetzlich durchbringen. Das geht sogar gut. Aber ich fürchte, wir haben den Zeitpunkt dafür längst verpasst. Die meisten Politiker verstehen gar nicht, worum es geht. Und manche trauen sich nicht mehr, die grossen Online-Player zu regulieren, weil sie Angst haben, dass sie selbst dadurch Nachteile erfahren könnten. Alles das ist Teil einer schleichenden antidemokratischen Entwicklung, die aus dieser gewaltigen Datensammlung resultiert.

Klingt ziemlich aussichtslos.

Ja, das ist es.

Sie kennen sich mit der digitalen Revolution aus, schreiben aber auch Ratgeberbücher für Frauen und sind Unternehmer sowie Kunstmäzen. Sind Sie ein Alleskönner?

Ich bin ein Vielversucher. Ich probiere etwas, manchmal klappts und manchmal nicht. Ich lass mich nicht entmutigen. Ich habe schon richtig einstecken und mich medial verprügeln lassen müssen. Das ist in unserer Gesellschaft so. Die Leute wollen einen ganz gern in ein Kistchen drängen. Wenn man sich diesem Kistchen entzieht, weil es einem Freude macht, dann löst das mitunter Misstrauen aus.

Trotzdem: Wie kann man so unterschiedliche Bücher schreiben wie «WebAttack» und «Scheisskerle», in dem es darum geht, dass Frauen immer an die falschen Männer gelangen?

Es fällt mir leicht, einen komplexen Sachverhalt unterhaltsam, aber trotzdem nicht oberflächlich wiederzugeben. Ich nehme ein Thema, das die Menschen bewegt, und schäme mich nicht, eine einfache, unterhaltsame Sprache zu verwenden. Das funktioniert.

In ihren Büchern «Scheisskerle» und «Blender», in dem es um die Karrieremachenschaften der Männer geht, verraten Sie Ihr eigenes Geschlecht. Wie hat dieses reagiert?

Gar nicht. Männer lesen ja nicht.

Und wie war die Reaktion der Frauen?

Eine hat mir geschrieben: «Ich habe ihr Buch die ganze Nacht durchgelesen und heute Morgen habe ich meinen Mann verlassen – ich weiss jetzt, mein Mann ist ein Schwein.» Ich habe Tausende E-Mails bekommen, das Thema brennt.

Was macht Sie zum Frauenversteher?

Hingucken und fragen. Wenn eine Bekannte sich bei mir ausheulte, hab ich ein wenig gemutmasst, was das Problem sein könnte. Und dann dachte sie zumeist: Ja, wenn er es eh schon weiss, kann ich gleich alles erzählen. Und ich habe zugehört und aufgeschrieben.

Sind Sie ein Frauenheld?

Ich bin ja verheiratet.

Ja, gerade neu. Wir gucken schon die ganze Zeit auf den Ring.

Ja, wissen Sie, wie ich meine Frau kennen gelernt habe? Die Geschichte ist richtig schön. Nach meinem Geburtstag 2013 dachte ich, du bist 46 Jahre alt und Single, so kann es nicht weitergehen. Dann habe ich meine damalige Kolumne im «Blick» genutzt, um eine Kontaktanzeige zu schalten. Meine jetzige Frau, hat auf einer Zugfahrt in Deutschland eine liegengebliebene Zeitung in die Finger bekommen, meine Zeilen gelesen und mir ein E-Mail geschrieben. Ich habe sie zu einem Date eingeladen.

Wohin?

Zur Talkshow von Kurt Aeschbacher. Ich als Gast, sie im Publikum. Plumpe Masche, hat aber trotzdem Eindruck gemacht. Wir haben knapp ein Jahr später geheiratet.

Und wer ist Wendy, der Sie das Buch «Scheisskerle» gewidmet haben?

Das ist meine langjährige Ex-Freundin, mit der ich in die Schweiz gekommen bin. Die war wichtig, deshalb die Widmung. Manchmal findet man in seinem Leben einen Menschen, der an einem wichtigen Punkt in eine Richtung weist. Nicht bewusst, sondern indem der Partner einen zwingt, sich mit sich selbst zu konfrontieren.

Bei beiden Büchern kommen die Männer schlecht weg, die Frauen gut. Sind Frauen die besseren Menschen?

Frauen sind nicht die besseren Menschen, aber sie beschäftigen sich mehr mit dem Menschlichen. Sie machen sich aktiver auf diesen unangenehmen Weg zu sich selbst. Männer hingegen gehen auf den Jakobsweg. Die Selbsterfahrung muss bei Männern immer physisch sein. Dann haben sie offene Füsse, nehmen 20 Kilo ab. Frauen machen diesen Weg in der Regel lieber intellektuell.

Was ist Ihr nächster Weg?

Ich gebe einen gesellschaftlich-politischen Essay-Band heraus. Ich möchte Autoren ermutigen, ihre Meinung zu einem Thema zu schreiben, das nicht ihr Gebiet ist. Sinngemäss: Wenn ein Boxer nicht übers Boxen schreibt, sondern über Kindererziehung, wirds interessant.

Sie haben so viele unterschiedliche Dinge gemacht. Was ist der rote Faden in Ihrem Leben?

(Überlegt lange, das erste Mal im Interview.) Darüber habe ich noch nie nachgedacht, das ist eine sehr gute Frage. Es gibt viele Dinge, die ich nicht kann. Aber wenn ich etwas kann, ist es, einen Trend oder ein Thema aufnehmen und daraus ein Produkt machen. Diese Kombination aus journalistischem Gespür und unternehmerischem Denken, das ist der rote Faden.