Hobby

Besser als jeder Indoorspielplatz: Wenn die Familie zum Spielen ins Modellzimmer von Ikea geht

Anja und Daniel bespielen mit ihren Kindern Modellzimmer in einem Einrichtungshaus in Spreitenbach. Wir haben ihnen bei diesem einzigartigen Familien-Hobby zugeschaut.

Dieses Stück hat fünf Hauptdarsteller: Vater, Mutter, Tochter (11), Sohn (8) und Baby. Es gibt beliebig viele Nebendarsteller, die wahlweise auch nur Zuschauer sind. Das Stück wird in einem grossen Einrichtungshaus in Spreitenbach gespielt, ein- oder zweimal pro Monat. Der Eintritt ist gratis.

Manchmal sagt eine Zuschauerin zu einem der Kinder: «Hey, das ist nicht zum Spielen!», und schaut die Eltern vorwurfsvoll an. Andere lächeln, wenn sie die Familie spielen sehen. Mal sagte jemand: «Sorry, dass ich bei euch einfach so reinlaufe.» Da antwortete die Mutter, Anja, 35: «Kein Problem, ich habe die Tür ja offengelassen.» Und wenn gerade ein Mitarbeiter des Einrichtungshauses in ihrer Wohnecke aufräumt, sagt sie: «Hej, danke!» Die meisten aber sind nur Statisten und gehen ohne Reaktion an diesem Schauspiel vorbei.

Die Handlung ändert spontan, so wie Anja, Daniel und die Kinder halt gerade Lust haben, die Modellwohnungen der Ikea zu bespielen. Vor ungefähr drei Jahren ist aus ihren vielen Besuchen im Einrichtungshaus dieses einzigartige Familien-Hobby entstanden. Ganz automatisch, erzählen sie, seien sie beim Begehen der Zimmer dem Spiel verfallen.

Meist kommen sie vorbei, weil sie auf der Durchfahrt sind, etwas brauchen oder hier günstig zu Nacht essen wollen. «Wir kaufen auch meist etwas Kleines», sagen sie, und ja, ihre Wohnungseinrichtung hätten sie fast ausschliesslich von hier.

Darf man das?

Manche ihrer Freunde schütteln darüber den Kopf und sagen: Wie kann man nur freiwillig ständig da hingehen? Anja aber sagt: «Ich bin hier entspannter und freier als auf einem Indoorspielplatz. Natürlich können die Kinder hier nicht rumhüpfen, aber sonst ist doch alles darauf angelegt zu spielen.» Es erstaune sie, dass das nicht mehr Familien täten.

Tatsächlich sind die Modell-Zimmer bei Ikea so detailgetreu eingerichtet, dass auf dem WC nicht mal die Heftli fehlen. In der Garderobe hängt ein Velohelm, die Küchenschränke sind voller Geschirr, im Büro gibt es Klebstreifen, Notizzettel und Familienfotos, im Kasten steht ein Staubsauger, auf dem Tisch im Wohnzimmer stehen Kindermalfarben und ein Holzbrett mit (Plastik-)Salami. Aber hier einfach zu spielen beginnen? Darf man das? Als ganze Familie? Anja und ihr Mann Daniel, 37, haben nie gefragt.

Weggewiesen wurden sie noch nie – anders als in anderen Einrichtungshäusern, wo die Familie das Spiel auch versucht hat. Und was sagt Ikea selbst dazu? «Ich höre zum ersten Mal, dass eine ganze Familie das macht», sagt Aurel Hosennen, Leiter Kommunikation. Gewöhnlich gäben die Eltern ihre Kinder im Hort ab, um in Ruhe einkaufen zu können. «Aber dass diese Familie im Showroom spielt, macht absolut Sinn für uns. Genau so ist es gedacht, solange es nicht stört.» Es sei ein Zeichen, dass man sich wohlfühle. «Wir möchten eine möglichst reale Umgebung zeigen, nicht Szenerien, wie sie in Katalogen zu sehen sind mit viel zu grossen Räumen», sagt Hosennen. Und die Innendesigner würden ihre Arbeit bezüglich Ausstattung mit 100 Prozent Einsatz machen. «Wir wollen die Leute ja inspirieren.»

Heimliche Mitspieler

Wer genau hinschaut, merkt, dass zumindest andere Kinder ab und zu das Stück der Familie mitspielen: In der Abwaschmaschine liegt ein Spielzeugkuchen, im Ausziehschrank eine Stoff-Gurke. Dass die Kinder die Zimmer bespielen, ist den Einrichtungsteams bekannt: Sie leimen deshalb alle Kleinteile an und schauen, dass man nirgends hinaufklettern kann. Dass mal etwas kaputtgehe, komme vor, sei aber nicht nennenswert, sagt Hosennen.

An diesem Samstagmittag sind die fünf aus Zürich wieder in der Ausstellung unterwegs. Der 8-jährige Lennox hat beim Eingang einen Plüschhund im Körbchen gefunden und nimmt ihn mit. «Wir werden gleich sehen, ob er sich mit dem Hund in unserem Haus verträgt», sagt Anja. «Gehen wir in die WG?», fragt Tochter Alessia. Aber weil ihr «Haus» zuerst am Weg liegt, stoppt die Familie da. «Schaut, das Herrenzimmer ist neu eingerichtet», sagt Alessia. Sie würden es so nennen wegen der Sessel und dunklen Tapete, erklärt die Mutter und sagt dann – schon wieder mitten im Spiel – «wenn sie aufräumen, finde ich das ja o. k., aber gleich alles umstellen … ist ja unser Haus!»

Eltern können ungestört reden

Gemütlich ist es hier. Alessia schiebt falsche Muffins in den echten Backofen, Lennox tischt die Plastik-Salami auf, Levy spielt mit der Briobahn. Letzterer wird bald zwei und erforscht manchmal gerne die Elektroinfrastruktur. Hier ist das ungefährlich, weil das meiste nur Staffage ist und nicht unter Strom. Kaputt gegangen sei noch nie was, sagt die Mutter. «Gerade mit dem Kleinsten ist es hier praktisch. Wir können nirgends ungestörter reden.»

Das tun die Eltern also auch: Die Kinder spielen lassen und zusammen ganz normal reden. Vater Daniel, im richtigen Leben Treuhänder, setzt sich manchmal ab und geht «Sofas anschauen», das heisst, er setzt sich irgendwo hin und zückt das Smartphone. «Es ist aber lustiger, wenn du mitmachst», sagt Anja, von Beruf Tagesmutter. Daniel sagt: «Ich glaube, wir sind schon eine verspielte Familie.» Sind sie nicht in der Ikea, dann besuchen die fünf gerne Schlösser – Hallwyl, Lenzburg, Wildegg. Auch da haben sie ihre Spielecken, ob nun so von den Museen vorgesehen oder nicht.

«Die Muffins sind fertig, es gibt Dessert!», ruft Lennox. Levy streckt der Journalistin eine Plastik-Banane hin. Für ihn sind Realität und Spiel sowieso fliessend. Erst wenn er nach einer Stunde wirklich hungrig ist, wird er etwas Richtiges zum Beissen fordern. Nun aber will die Familie noch in ihre WG. Daniel setzt sich an den Küchentisch vor einen Laptop, der da bereitsteht. Levy auf dem Schoss tippt mit. «Ich kann das 11-Finger-System», witzelt Daniel. Und dann beginnt ohne Ankündigung eines ihrer Stücke.

Anja: Bist du der Neue?

Daniel: Ja, Rodolphe, hallo!

Anja: Rodolphe, stimmt! Wie bist du denn in die Wohnung gekommen?

Daniel: Na, ich habe den Schlüssel von Franziska bekommen. Sie hat gesagt, ihr wüsstet Bescheid?

Anja: Alles klar, ich zeige dir dein Zimmer. Du kannst in jenes von Bruno.

Daniel (schaut in den Kühlschrank): Ist das von Bruno? Hat er das alles vergessen? Es schimmelt.

Daniel drückt den Knopf am Dampfabzug, der tatsächlich funktioniert. «Da drehst du durch», sagt Daniel alias Rodolphe und lacht.

In einem Bett in der WG liegt schon ein fremdes Paar. Man grüsst sich gegenseitig, was aber nur für jene Seite lustig ist, die sich vorstellt, dass es sich Fremde in ihrem Schlafzimmer bequem gemacht haben.

Nur Chinesen sind ungenierter

Dass sich jemand kurz auf ein Bett legt, sieht man in Spreitenbach immer wieder. Aber ähnlich wenig Hemmungen wie Anja, Daniel und die Kinder haben wohl nur die Chinesen: In chinesischen Ikeas halten die Leute regelmässig ihren Mittagsschlaf auf den Betten. Nur von dort ist auch bekannt, dass die Showrooms von Familien als eine Art Freizeitpark genutzt werden. Manche haben laut Medienberichten sogar ignoriert, dass die Toiletten nicht angeschlossen sind. 2015 hat Ikea den Chinesen nach längerem Zusehen dann untersagt, in den Betten zu schlafen. Allerdings hatten die Verkäuferinnen ihre liebe Mühe, die Leute zu wecken, und wenn einer wegging, legte sich bald ein anderer wieder für ein Nickerchen hin.

Das würden sich Schweizer nicht trauen. Die Regeln, welche das Einrichtungsteam auf ein Whiteboard in der WG geschrieben hat, sind denn auch nicht ernst gemeint: «Bad sauber halten, Extrapunkte gibt es fürs Kloputzen, Finger weg von meiner Schoki, Anwesenheit bei WG-Partys.» Und auf ein Post-it hat jemand gekritzelt «Essen ist für alle da!» Währenddessen richten sich die neuen Mitbewohner ein.

Alessia: Ich nehme das Herrenzimmer.

Lennox: Aber dann hat sie den Fernseher!

Anja: Du kannst ja bei ihm schauen.

Lennox öffnet alle Schubladen und Türchen.

Anja: Räumst du auf?

Lennox: Ich suche was.

Alessia: In meinem Zimmer?

Lennox: Ich habe hier letztes Mal irgendwo ein iPhone versteckt.

Handys, Tablets, Computer – auch solche Gegenstände stehen überall in den eingerichteten Zimmern.

Alessia: Schau, dieses T-Shirt, das Bruno in seinem Schrank gelassen hat, ist voll hässlich.

Anja: Hey, das sagt man nicht. Ich muss mal mit deinen Eltern reden!

Lennox (quengelig): Geht raus, das ist mein Zimmer.

Dann zeigt er seinem Vater ein paar riesige Schuhe, die er gefunden hat: Die hat dir Bruno doch mal geschenkt.

Daniel: Ja, aber sie waren mir zu klein.

Leute gehen durch die Zimmer der WG und wieder raus.

Anja: Hallo? Also irgendwo brauch ich auch Privatsphäre. Ich will mich jetzt umziehen!

Daniel erscheint im grauen, flauschigen Morgenmantel.

Levy wischt die Emaille-Becher zu Boden. Er hat Hunger nach echtem Essen. Zeit für ein paar Fleischbällchen. Der unsichtbare Vorhang fällt.

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