Familieninterview

«Besonders toll fand ich die Rohrpost»

Fasziniert vom Lesen und vom Schreiben: Hans und Andreas Fahrländer in der Zeitungsecke der Aargauischen Kantonsbibliothek in Aarau.

Fasziniert vom Lesen und vom Schreiben: Hans und Andreas Fahrländer in der Zeitungsecke der Aargauischen Kantonsbibliothek in Aarau.

In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Medienlandschaft stark gewandelt. Junge Menschen tummeln sich vor allem in den sozialen Medien. Das bedeutet aber nicht, dass die gedruckte Zeitung einfach stirbt, finden auch jüngere Leute.

Andreas, trotz deines Studiums an der Philosophischen Fakultät stand für dich der Beruf Deines Vaters lange Zeit nicht im Vordergrund.

Andreas Fahrländer: Du hast mir ja auch davon abgeraten... 

Stimmt – aber nur von meinem Beruf im engeren Sinn, dem des Tageszeitungsjournalisten, weil die Aussichten nicht besonders rosig sind. Die Zahl der Stellen schrumpft immer noch. Aber es gibt ja nicht nur Tageszeitungen. 

Ich bin noch nicht sicher, ob ich bei einer Tageszeitung anheuern werde, ich bin gegenwärtig am Ausprobieren. Tatsache ist einfach: Ich habe schon immer gern geschrieben. Schreiben als Handwerk interessiert mich. Und mich interessiert das tägliche Geschehen, im politischen, aber auch im kulturellen Bereich. 

Was sind deine frühesten Erinnerungen an die Zeitung?

Ich durfte als Erstklässler bei dir auf der Redaktion des «Badener Tagblatts» Zeitungen anschauen und erste Versuche auf der Schreibmaschine machen. Es waren natürlich noch keine richtigen Sätze, die ich da fabrizierte, eher Figuren aus Buchstaben. Ich erinnere mich noch gut, wie es in den BT-Räumen nach Druckerschwärze und Kaffee roch. Besonders toll fand ich die Rohrpost im BT-Hochhaus.

Du warst, so lange ich mich erinnere, eine Leseratte. Was liest du am liebsten?

Deutsche und schwedische Literatur, geschichtliche Themen. Und ich lese täglich Zeitungen. Mein Beruf wird etwas mit Schreiben zu tun haben. Aber viele Medien bewegen sich meiner Meinung nach in eine fragwürdige Richtung.

In welche Richtung?

In Richtung Verflachung und reine Unterhaltung. Viele Medien lenken nur noch ab.

Wovon lenken sie ab?

Von den wesentlichen Themen, die für die Gesellschaft und ihr Weiterkommen wichtig wären. Ich sehe bei vielen Medien einen Widerspruch zwischen Anspruch und Realität.

Was wäre dein Anspruch?

Ich möchte nach der Zeitungslektüre die Welt besser verstehen. Zeitungen sollten meiner Meinung nach politische, gesellschaftliche und kulturelle Hintergründe ausleuchten, kritisch berichten über alles, was das menschliche Leben ausmacht, in der Nähe und der Ferne.

Und das geschieht nicht mehr?

Ich würde das nicht verallgemeinern. Ein Teil der Schweizer Tageszeitungen nimmt diese Aufgaben nach wie vor wahr, dazu gehört auch die «Nordwestschweiz». Natürlich soll Zeitungslektüre auch Spass machen, man kann auch relevante Themen spannend und unterhaltsam erzählen. Nur so erfüllt sie ihre Aufgabe. Mein Idealbild ist keine elitäre Zeitung, sondern eine, die den Menschen auf Augenhöhe begegnet.

Wann hat die Entwicklung hin zu Verflachung, Ablenkung eingesetzt?

Die klassische Boulevardzeitung ist nicht das Problem, die gibt es schon lange. Der Knackpunkt war, als um die Jahrtausendwende die Gratis-Pendlerzeitungen in den Zeitungsmarkt drängten. Sie lenken von allem ab, was wirklich wichtig ist. Und sie haben, weil sie überall gratis herumliegen, eine ungeheure Verbreitung. Man kennt diese Machart von den privaten deutschen Fernsehsendern – und leider zunehmend auch vom Schweizer Fernsehen. Dort finde ich es besonders schlimm, denn SRF hat eigentlich einen staatlichen Auftrag.

Du studierst Skandinavistik, bist von den nordischen Ländern fasziniert. Die Gratis-Pendlerzeitungen wurden ja in Skandinavien geboren, bei Schibsted in Norwegen und Metro in Schweden. Die erste Pendlerzeitung wurde 1995 in der Stockholmer Tunnelbana verteilt.

Aber sie spielen dort keine entscheidende Rolle in der Gesellschaft. Der Stockholmer Markt wird dominiert durch zwei Tageszeitungen von hoher Qualität. Und die gleichen Verlage geben dazu je eine traditionelle Boulevardzeitung heraus. In Deutschland übrigens gibt es gar keine Gratiszeitungen von Bedeutung.

Warum nicht?

Schibsted hat es versucht, 1999 in Köln. Doch die etablierten Zeitungsverlage haben sich gegen den Konkurrenten gewehrt, zuerst gerichtlich, wegen unlauteren Wettbewerbs, dann mit eigenen Gratisangeboten. Schibsted räumte wegen mangelnder Rentabilität das Feld, seither ist das Thema Gratiszeitung in Deutschland erledigt. In der Schweiz aber haben die Verlage den Gratiszeitungen Tür und Tor geöffnet. Jetzt haben wir sie halt. Die Gratiskultur ist meines Erachtens der Tod der relevanten Information.

Ein anderes Thema. Du gehörst eigentlich zur Generation Facebook. Doch du machst da nicht alles mit.

Ich bin wohl eher etwas altmodisch in meinem Medienkonsum. Vielleicht kommt es daher, weil ich vieles aus historischer Perspektive betrachte, nicht nur schaue, wie etwas ist, sondern auch wie und warum es so geworden ist.

Du lehnst die sozialen Medien ab?

Nicht generell. Man muss unterscheiden. Twitter zum Beispiel kann für den Informationsaustausch sehr nützlich sein und hat auch politisch schon viel bewegt.

Und Facebook?

Vordergründig sind soziale Netzwerke nette, eben soziale Medien, man hat Freunde und tauscht sich aus. Doch Facebook ist eines der mächtigsten Unternehmen weltweit, wie Google, Apple oder Amazon. Ihr Kapital sind die riesigen Datenmengen, die ihnen anvertraut werden, völlig freiwillig. Das verleiht ihnen eine ungeheure Macht über unser Alltagsleben. Wir wissen nicht, wann und wie sie diese Macht missbrauchen. Das hat nichts mit einer Verschwörungstheorie zu tun, sondern ist bittere ökonomische Realität. Ich finde es scheinheilig, wenn sich Leute, die aktiv bei Facebook sind, über die Schnüffeleien der NSA aufregen.

Was ist für dich der «Traumberuf Journalist»? Viele verstehen darunter Auslandkorrespondent oder Kulturredaktor. Du warst bei der AZ im Lokalen tätig.

Gut gemachten Lokaljournalismus halte ich für sehr wichtig. Man kann hier für ein breites Publikum mit gut recherchierten Informationen Geschichten aus der unmittelbaren Lebenswelt schreiben, alles ist nachprüfbar.

Der Trend in der Branche geht Richtung Online. In den Verlagen heisst es: Der Kanal ist egal, es braucht überall gute Journalisten.

Dann müssen aber viele Online-Medien noch deutlich höhere Ansprüche an sich selbst stellen. Mit Katzenbildern gelingt das kaum. Will der Online-Journalismus eines Tages die gesellschaftliche Funktion der gedruckten Zeitung übernehmen, muss das Oberflächliche abnehmen und die relevante, zuverlässige Recherche zunehmen.

Online ist interaktiv, jeder kann mitreden, antworten, kommentieren. Das ist eine Stärke.

Dummerweise wird hier anonym jede Menge Hass und Unsinn verbreitet. Interaktivität wird erst zum Mehrwert, wenn es gelingt, die Kommentarschreiber zweifelsfrei zu identifizieren. Wer mit seinem Namen hinsteht, der schreibt automatisch sachlicher.

Glaubst du an die Zukunft der Zeitung?

Ja – wenn es ihr gelingt, Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit zu bewahren. Sie wird in zehn Jahren vielleicht kein Massenprodukt mehr sein. Aber gute Zeitungen gibt es noch lange, wie gute Bücher. Ein Display kann die Ästhetik einer gut gestalteten gedruckten Zeitung oder eines Buches niemals ersetzen.

Nun hat dich die «Frankfurter Allgemeine» für ein Praktikum aufgenommen. Sie gilt als eine der besten deutschsprachigen Zeitungen.

Ich freue mich darauf. Ich lese die FAZ regelmässig. Sie legt hohen Wert auf gute Sprache. Und ich kenne ja Deutschland und Frankfurt recht gut, weil mein Lebenspartner dort wohnt. – Darf ich zum Schluss dir eine Frage stellen? Du stehst neun Monate vor Deiner Pensionierung. Hast du deine Arbeit immer gern gemacht?

Meistens. Natürlich gab es auch schwierige Zeiten. Aber es ist ein faszinierender Beruf, kein Tag verläuft wie der andere.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1