Gesundheit

Bei Rentnern wie auch bei Kindern heisst es: Fit ist das neue Schön

Sommerzeit, Muckizeit. Sport ist plötzlich ein Muss. Er ist Lifestyle und Statussymbol. Ob Joggen oder ins Fitness – der Spass? Der ist nicht mehr so wichtig.

«Und, was machst du für einen Sport?» Diese Frage hört man heutzutage fast so oft wie ein belangloses «Wie geht es dir?» Nein, natürlich hat diese Frage nichts Verwerfliches an sich, aber sie zeigt auf, wie die heutige Gesellschaft in Sachen Bewegung tickt oder – ticken sollte.

Während man früher noch interessiert und völlig vorurteilsfrei sein Gegenüber fragte, ob es Sport mache, wird heute universell davon ausgegangen, dass sowieso jeder Sport macht. Das «Was» hat das «Ob» ersetzt.

Genauso wie Ernährung ist Sport unsere neue Ersatzreligion à la «Du bist, was du isst». Essen und Sport sind Lifestyle. Und Statussymbole. In einer Zeit, in der grosse, teure spritschluckende Schlitten nicht mehr bewundert, sondern meist bloss Nase rümpfend beäugt werden und Golf kein reiner Schnösel-Sport für die Elite ist, sondern sogar in der Migros Klubschule auf dem Plan steht, müssen nichtmaterielle Dinge herhalten, um sich zu positionieren, präsentieren und ja, auch inszenieren.

So viele Schweizer gehen ins Fitnesscenter

So viele Schweizer gehen ins Fitnesscenter

Jeder geht jetzt joggen

So macht etwa auch der Rapper Marteria in seinem Lied «Kids (2 Finger an den Kopf)» aufmerksam auf die aktuellen Entwicklungen in der Gesellschaft: «Jeder geht jetzt joggen, redet über seinen Bauch. Bevor die ‹Lila Wolken› kommen sind alle längst zuhaus.»

Joggen und gute Laufschuhe der Marke Nike gehören heute dazu wie Aerobic und neonfarbene Stirnbänder zu den 80er-Jahren. Früher waren Jogger speziell, heute joggen alle. Männer sowie Frauen. Kinder sowie Rentner. Wer nicht durch die Stadt läuft, sportelt im Fitnesscenter oder schwitzt mit dem neuen Fitnessprogramm «Freeletics». Hauptsache Sport. Fit ist das neue Schön.

Seit ein paar Jahren drücken heranwachsende Männer nicht nur die Schul-, sondern auch die Fitnessbank. Immer mehr Buben mit gestählten Muskeln und durchtrainierten Bodys. Diverse Studien zeigen, wie unzufrieden Jugendliche mit ihrem Körper sind.

Jungs möchten mehr Muckis. Sie stehen unter Druck. Kein Wunder – überall nackte, durchtrainierte Oberkörper. So sind sie angetrieben, mehr Sport zu machen. Doch längst haben wir uns an die Jugendlichen gewöhnt, die in knappen Trägershirts ihre Muckis spazieren führen.

Jetzt hat es auch die ältere Generation, die Sportmuffel und die Vielbeschäftigten gepackt. Beziehungsweise sie wurden gepackt. Vom gesellschaftlichen Konsens «Sport ist ein Muss». Nun zeichnen sich auch unterm Shirt vom Biologie-Lehrer von nebenan die Muskelstränge ab, und wenn man bei der Familie eines Freundes anruft – bei dem die Eltern an die 70 sind – ist der Vater natürlich? «Beim Sport». Die Gattin verkündet das in einer stolzen, selbstverständlichen «Wo-auch-sonst»-Manier.

Prahlen und zeigen

Wenn die frischgebackenen Sportfanantiker in ihrer Turn-Welt angekommen sind, dreht sich alles nur ums Fitsein. Sie drücken einem ungefragt überschwänglich ihren Erfolg auf. Kennen Sie den besten Veganer-Witz? «Wie erkennt man einen Veganer? Indem er es einem sagt.» Das bringt es auf den Punkt. Nichts gegen diese Ernährung, aber etwas gegen die «Lifestyle-Prahlerei».

Dasselbe beim Sport. Wenn es beim Schwadronieren bleiben würde, aber nein, sie zeigen bei jeder Gelegenheit ihre neu gewonnene Form. Gerade jetzt in den wärmeren Tagen werden wir von den stählernen Muskeln geblendet.

Auf die Spitze trieb das der Sender 3+ mit der Sendung «Bachelorette». Bis auf zwei, drei Ausnahmen waren die Körper der buhlenden Junggesellen mit Muckis vollgespickt. Ständig wurden die Muskel-Protze in Szene gesetzt. Nicht selten wurde dann das Ausmass des Körperwahns und die Vernachlässigung anderer Körperregionen – etwa weiter oben – deutlich sichtlich.

Ob Neid mitspielt? Klar. Aber auch die Frage: Ob es eine gute Entwicklung ist, dass bei kaum jemandem mehr Spass im Vordergrund steht. Sich aufzuraffen und zu bewegen, kann man einerseits als eiserne Disziplin bezeichnen und andererseits als aufgezwungenes gesellschaftliches Korsett abtun. Sätze wie «meinst du, ich tue das gerne?», «denkst du, ich mach das aus Spass?» oder «ich muss zum Sport» sind bei den meisten Mode-Sportlern die Regel.

Keine Frage, die Gesellschaft wird immer übergewichtiger, bewegt sich immer weniger. Studien, Gesundheitsministerien und Krankenkassen alarmieren. Insbesondere die Kleinsten sässen nur noch mit Chipstüten vor TV und PC, anstatt draussen Schmetterlingen und Fussbällen hinterherzulaufen. Ihre Eltern sollten es ihnen vormachen.

Aber wenn die selber kein gesundes Mass an Bewegung mehr kennen? Wenn Mamis aber ihre Sprösslinge ins Kinderfitness schicken, ist der Aufschrei laut.

Es mag banal erscheinen, aber wie bei den meisten Dingen geht es darum, ein gesundes Mittelmass zu finden. Aber genau das ist bekanntlich das Schwierige.

Meistgesehen

Artboard 1