Servicenummern

Bei der Auskunft klingelt es kaum noch

Im Bad hat man das Telefonbuch nicht zur Hand –und brauchte früher die Auskunft. Brigitte Bardot telefoniert im Film «L’ours et la poupee».

Im Bad hat man das Telefonbuch nicht zur Hand –und brauchte früher die Auskunft. Brigitte Bardot telefoniert im Film «L’ours et la poupee».

Jährlich verliert 1811 rund 20 Prozent der Nutzer – anderen Kurznummern ergeht es gleich.

Finsteraarhornhütte, 3048 m ü. M., mindestens sechs Stunden Zustieg, kein Natelempfang. Aber ein Hüttentelefon. Wer denkt, dass der moderne Mensch da, vielleicht nur noch da, aber da umso dankbarer sei für die Nummer 162, den telefonischen Wetterdienst – der irrt. Denn via Satellit kann sich der Hüttenwart ins Internet einloggen, um den Bergsteigern den Wetterbericht auszudrucken. Die 162 ist überflüssig.

Die Kurzwahlnummern sind mit Ausnahme der Notfallnummern auf Talfahrt. Der Wetterdienst 162 verzeichnete im Jahr 2006 noch 3,3 Millionen Anrufe. Letztes Jahr waren es 0,9 Millionen. Der Niedergang der sprechenden Uhr, der telefonischen Auskunft zu Wetter, Sportresultaten, Verkehr und Telefonnummern begann mit der Verbreitung des Internets und wurde vom Smartphone besiegelt.

Autofahrer schätzen sie

So sind es noch die älteren Personen, die für eine Auskunft zum Telefon greifen – aber nicht nur. Die Autofahrer bewahren die Servicenummern vor dem Versinken in der Bedeutungslosigkeit. Denn während der Fahrt kann man via Freisprechanlage telefonieren und sich verbinden lassen, die Benutzung des Smartphones ist strafbar.

Davon profitiert auch die Verkehrs-Auskunft 163 der Informationszentrale Viasuisse. «Bei Wintereinbruch steigen die Anrufzahlen jeweils merklich, weil die Automobilisten zum Beispiel Infos zu den Pässen möchten», sagt Marc Brönnimann, Geschäftsführer der Viasuisse. Der Rückgang der Anrufe beim Verkehrsdienst beträgt jährlich 10 bis 15 Prozent. Allerdings gibt es grosse Schwankungen.

..

Weil die Verkehrsauskunft Informationen zur Sicherheit mitteilt, darf sie weiter betrieben werden, egal wie niedrig die Nutzerzahlen sind. Die anderen Servicenummern hatten laut einer Verordnung des Bundes bis vor kurzem die Mindestzahl von einer halben Million jährlicher Anrufe, um betrieben werden zu dürfen.

Deshalb informierte das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) die Swisscom Anfang letzten Jahres, dass die Nummer 1600 ausser Betrieb genommen werden müsse. Die 1600 informiert über regionale Veranstaltungen – zum Beispiel, ob der Sporttag stattfindet. Im letzten Jahr riefen 380 000 an. Die Swisscom wollte aber die Nummer behalten. Sie ist offenbar immer noch profitabel. Das Bundesrat hat in der Folge die Verordnung überprüft und angepasst. Die Limite gilt seit dem 1. Dezember 2015 nicht mehr zwingend.

Längstens dürfen Nummern, die zu selten gewählt werden, aber nur bis im Jahr 2022 betrieben werden. Wahrscheinlich haben bis dann auch die sprechende Uhr, die Auskunft zu Sportresultaten oder der Wetterdienst die kritische Grenze unterschritten.

Nicht besser geht es der Auskunft 1811 und 1818. Der Höhepunkt war um die Jahrtausendwende mit beispielsweise 67 Millionen Anrufe auf die Nummer 111 im Jahr 2002. Zehn Jahre später waren es auf die Folgenummer 1811 nur noch 12 Millionen Anrufe. Laut der Swisscom geht die Zahl jährlich um rund 20 Prozent zurück. Es dürften heute also nur noch 4 Millionen pro Jahr sein. Immerhin beschäftigt 1811 noch 130 Mitarbeiter in 75 Vollzeitstellen. Vor fünf Jahren waren es aber noch doppelt so viele.

Von der Auskunft 1818 war keine Auskunft zu erhalten. Die Nummer entstand, als 2006 die 111 aufgehoben und der Markt liberalisiert wurde. Wegen des serbelnden Geschäfts hat die 1818 Auskunfts AG ihre Dienste im letzten Jahr nach Österreich verlagert, italienische und französische Auskünfte gar nach Marokko. 66 Mitarbeiter in Biel waren betroffen.

Einer bleibt optimistisch

Obwohl wohl nichts den Niedergang aufhalten kann, hat der ehemalige Geschäftsführer von 1818 in der Schweiz eine neue Auskunftsnummer gegründet: die 1820. Er will mit Mitarbeitern punkten, die Schweizerdeutsch sprechen. «Recht gut» laufe das Geschäft, sagt Peter Jósika. «Die Telefonauskunft befindet sich nicht mehr im freien Fall wie zwischen 2005 und 2013», ist er überzeugt, «die Nutzung stabilisiert sich.» Für Jósika, beziehungsweise die Telemarketing-Firma AP Dialog in Baden, arbeiten elf Personen, jedoch nicht ausschliesslich für die 1820. Eigentlich darf die Telefonauskunft nur sogenannte Verzeichnisdaten bekannt geben. Laut Jósika dreht sich ein Prozent der Anfragen aber um ganz anderes. Manche Leute wollen einfach mit jemandem reden.

Das kommt sie teuer zu stehen. Am teuersten bei 1818: Dort bezahlt man pro Minute Fr. 1.99 für die Auskunft. Wenn man sich danach verbinden lässt, gilt der Tarif auch für das folgende Gespräch. Gleich ist es bei 1820, dort zum Tarif von Fr. 1.85. Die Swisscom mit 1811 verlangt zwar für die erste Minute auch Fr. 1.90, doch dann kostet das Gespräch nur 22 Rp/min. Bloss: Mit den meisten Abos kostet ein normaler Telefonanruf heute gar nichts. Und schneller ist via Auskunft auch nicht, wer eine Nummer sucht.

Bleiben zwei Pluspunkte: Man muss nichts sehen. Für Blinde und Sehbehinderte ist die spezielle Auskunft 1145 deshalb gratis. Ausserdem hat man es mit einem echten Menschen am anderen Ende der Leitung zu tun. Man könnte mit ihm ein Witzchen machen und er würde vielleicht lachen, man könnte ihn anschreien und er wäre echt beleidigt. Man könnte ihm die Sorgen erzählen und würde wohl etwas Mitgefühl in seiner Stimme hören.

Das ist der Grund, warum die Nummer 147 nicht betroffen ist. Im Gegenteil: Der Notruf von Pro Juventute verzeichnete im letzten Jahr deutlich mehr Anfragen zu persönlichen Problemen als noch vor fünf Jahren. Dies teilte Pro Juventute letzte Woche mit. 160 000-mal wurde 147 gewählt. Die Anfragen zum Thema Suizid habe seit 2011 um die Hälfte zugenommen.

Pro Juventute führt das darauf zurück, dass sich die Jugendlichen heute schneller Hilfe holen. Die Fragen zu Liebe und Sexualität haben derweil abgenommen: Dazu finden die Jungen genug Antworten im Internet. Persönliche Probleme lassen sich dagegen nicht mit allgemeinen Antworten lösen. «Hier suchen die Jugendlichen die Empathie des Gegenübers», schreibt Pro Juventute. Laut formulierte Fragen geben übrigens immer ein gutes Gefühl. Nicht unbedingt dem, der fragt, sondern dem, der die Antwort weiss.

Meistgesehen

Artboard 1