Eins, zwei oder drei?

Begrüssungsküsschen können irritieren – gottlob, kommt jetzt die Umarmung

Nicht in jedem Land drückt man sich zur Begrüssung gleich viele Küsschen auf die Wange – wenn denn überhaupt geküsst wird. Nun bekommt das Ritual Konkurrenz von der Umarmung.

Wer will nicht einmal im Leben eine Prinzessin küssen? Oder einen König? Doch die Royals bleiben meistens unter sich. So herzten sich nach dem Wimbledon-Finale Kate Middleton und Roger Federer. Okay, Kate Middleton ist Herzogin und keine wirkliche Prinzessin und Federer hat kein blaues Blut, aber ein Tennis-König ist er dennoch.

Nach seinem Sieg umarmt er seine Frau Mirka und sie küssen sich auf den Mund. Die Sache ist klar, Beziehungsstatus: verheiratet. An zweiter Stelle gratuliert Kate Middleton. Mit Wangenküssen, ganz schweizerisch. Links, rechts – und links. Richtig, drei Mal. Auf einem Video der Gratulations-Szene erkennt man in Kate Middletons Gesicht ein kurzes Hadern, als Federer zum dritten Wangenschmatzer ansetzt.

Federer küsst Kate drei Mal.

Federer küsst Kate drei Mal.

Sie scheint kurz überrascht, fügt sich dann aber mit einem Lächeln. Hat Federer ob der ganzen Emotionen kurzzeitig vergessen, dass er nicht zu Hause in der Schweiz ist? Alle nachfolgenden Frauen, die ihm gratulieren, küsst er bloss zweimal. Aber eben, wenn man schon eine «Prinzessin» vis-à-vis hat.

Was Federer passiert ist, erleben wir doch auch ständig. Wie begrüssen wir das Gegenüber? Küssen oder nicht? Und wenn, wie oft? Muss man alle einzeln begrüssen und jeden gleich innig, obwohl man zwei gar nicht bis kaum kennt?

Küsschen sind von gestern

Schweizer im Ausland oder Zugezogene in der Schweiz sind oft verwirrt – die korrekte Zahl der Wangenküsse sorgt für Missverständnisse. In der Schweiz küsst man dreimal, genauso in den Niederlanden. In Deutschland und Italien reichen meist zwei Küsse. Frankreich variiert von Region zu Region, manchmal gibt man sich sogar vier Bussis. Sucht man im Netz nach «Begrüssung in der Schweiz» lassen viele Expats – allen voran Deutsche – ihrer Verwirrung freien Lauf. Sie verstehen die Konventionen hierzulande einfach nicht. So wird ihnen auf diversen Blogs und Websites ein Schweizer Knigge vermittelt. Diskussions-Thema Nr. 1: die Küsserei.

Doch auch in der Schweiz gibt es keine feste Regel mehr. Galt früher einmal unbekannt gleich Hand, bekannt gleich drei Küsschen, ist heute das Begrüssungs-Chaos perfekt. Vor nicht allzu langer Zeit hat sich bei der jüngeren Bevölkerung ein Solo-Kuss auf die Wange eingeschlichen. Mittlerweile ist das einzelne Hallo-Küsschen gar von einer kurzen Umarmung abgelöst worden. «Die Begrüssung ist in meinen Seminaren immer ein grosses Thema», sagt Knigge-Expertin Susanne Abplanalp. Die Jungen drücken sich heute kurz, küssen tun eher die Älteren. Doch auch die würden sich immer mehr umarmen, anstatt zu küssen, so die Expertin. Damit gebe es kein Wirrwarr, und die Brille störe nicht. Oft erkennt man an den Signalen und der Körperhaltung des Gegenübers, ob nun küssen oder umarmen bevorzugt wird.

Bei der Arbeit bloss nicht küssen

«Die Umarmung ist im Trend und löst die Küsserei ab», sagt Abplanalp. In der Arbeitswelt soll gar nicht geküsst werden, das sei unprofessionell. Richtig reagiert da immer noch, wer die Hand hinhält. Auch bei der ersten Begegnung mit einer Person. Bei allen weiteren Treffen merke man an Körperhaltung, Handschlag und dem eigenen Gefühl, ob nun zusätzlich noch geküsst oder umarmt wird.

Angesprochen auf die Prinzessin-König-Situation in Wimbledon meint Abplanalp, dass man sich den Gepflogenheiten des Landes beugen sollte. Das heisst, Federer müsste sich eigentlich den Sitten der Briten anpassen. Ausserdem komme es auf die Hierarchie an. In diesem Fall liegt es an Kate Middleton, den ersten Schritt zu machen (Hand, Wangenküsschen, Umarmung). Die Hof-Etikette besagt: Die Initiative zum Körperkontakt und das Ansprechen kommt vom Royal und nicht vom Rotbluter vis-à-vis.

Uneinigkeit unter Klatschportalen

Selbst Klatschportale können sich nicht einigen, wie Herzogin Middleton ihr Gegenüber zu begrüssen pflegt. Einmal ist es ein Küsschen, dann zwei. Nur für Freunde und gute Bekannte, ansonsten ein Händedruck. Dabei sind sich aber alle einig: Die zierliche Kate hat einen festen Händedruck. Hof-Etikette hin oder her: Ihre Gratulation war herzlich.

Im Privaten Umfeld gilt: Die Dame macht den ersten Schritt und bestimmt. Ist der Altersunterschied gross, entscheidet das ältere Gegenüber. Und in Business-Situationen ergreift ebenfalls der hierarchisch höher gestellte die Initiative. Und wenn man auf eine Gruppe trifft und alle kennt bis auf einen? «Dieser Person gibt man beim ersten Aufeinandertreffen die Hand.» Man muss diese Person auch nicht beim Abschied küssen oder umarmen. Das muss man sich erarbeiten», sagt Abplanalp.

Am besten merkt man sich: Die Hand reichen ist nicht verkehrt. Und Freunde und Bekannte umarmt man. Aber eine innige Umarmung ist doch intimer als gehauchte Küsschen? «Diese Diskussion führe ich immer wieder», sagt die Knigge-Trainerin. Drücke man leicht, sei das nicht zu intim. Es gilt also: Je länger und besser man jemanden kennt, desto fester und länger darf man drücken.

Meistgesehen

Artboard 1