Google, Cumulus und Co

Beängstigend: So viele Datenspuren hinterlässt Michaela an einem ganz normalen Tag

Sei es für kostenlose Dienste wie Suchmaschinen und soziale Netzwerke oder für individuelle Rabattaktionen: Viele Konsumenten geben bereitwillig ihre persönlichen Daten her und hinterlassen wertvolle Informationen.

Datenreise

Sei es für kostenlose Dienste wie Suchmaschinen und soziale Netzwerke oder für individuelle Rabattaktionen: Viele Konsumenten geben bereitwillig ihre persönlichen Daten her und hinterlassen wertvolle Informationen.

Persönliche Daten gelten als der Rohstoff des 21. Jahrhunderts. Ob bei einer Suchanfrage auf Google, beim Einkaufen in der Migros oder beim Kauf eines SBB-Tickets: Bewegen wir uns im Alltag, so landet jede Menge Informationen über uns im globalen Datenmeer. Auf der Spur einer 51-jährigen Schweizerin.

Über 40 000 Kilometer wird Michaela bis zum Abend zurückgelegt haben. Nein, nicht sie selber, sondern ihr digitales Ich. Die Reise beginnt, noch bevor die 51-Jährige aus Solothurn die Haustür hinter sich schliesst. Um ihren wissenschaftlichen Artikel fortzusetzen, recherchiert die Forscherin einer Hochschule im Internet. Dort hinterlässt sie ihre ersten Spuren: mit einer Suche bei Google.

Kaum tippt sie einen Begriff ein, ist die Suchanfrage in den Datenzentren des rund 9400 Kilometer entfernten Konzerns in Kalifornien gelandet. Sekundenbruchteile später leuchten bei Michaela in Solothurn Hunderttausende von Ergebnissen auf. Eine bequeme Dienstleistung für die zweifache Mutter. Ohne das Haus zu verlassen, kommt sie an relevante Informationen – und dies erst noch gratis!

Kostenlos ist dieses Geschäft nur auf den ersten Blick. «Sie bekommen eine Gratisdienstleistung, und Sie bezahlen mit Informationen über ihre Person», zitiert Netzkritiker Eli Pariser in seinem Buch «The Filter Bubble» den früheren Technologiedirektor der US-Nichtregierungsorganisation EFF, Chris Palmer. Dass Nutzerdaten für Google jede Menge Geld wert sind, lässt sich am Umsatz ablesen: 66 Milliarden Dollar hat der Konzern im Jahr 2014 erwirtschaftet.

Sucht Michaela nach einem Begriff, verknüpft die Unternehmenssoftware die Anfrage mit einer Werbeanzeige, die zum gesuchten Thema passt. Darin liegt das Geschäft: Je besser das beworbene Produkt ihren Geschmack trifft, desto eher wird sie auf die Werbeanzeige klicken und dieses kaufen. Deshalb ist Google daran interessiert, möglichst viele Daten zu sammeln und zu bearbeiten. Nur wenn das System mit genügend Daten gespeist wird, lassen sich die Anzeigen präzise dem Individuum anpassen.

Daten in aller Welt gespeichert

Michaela schreibt ihren Artikel fertig und lädt ihn auf Dropbox. Allerdings: Nutzt sie den Datenspeicher, willigt sie ein, dass die US-Firma ihren Namen und ihre E-Mail-Adresse speichern darf. Um den Dienst anzubieten, werden Daten «an Standorten in aller Welt gespeichert, verarbeitet und übertragen», steht in den Datenschutzrichtlinien. Damit steigt das Risiko eines Datenmissbrauchs durch Hacker. Immerhin gibt Dropbox an, Daten weder an Werbetreibende noch an Dritte zu verkaufen. Möglicherweise ist das digitale Ich in der rund 1200 Kilometer entfernten irischen Stadt Dublin gelandet, einer der fünf Dropbox-Niederlassungen in Europa.

Für Michaela ist die Arbeit am Computer abgeschlossen. Jetzt geht sie in die Migros. Beim Einkauf hat sie stets ihre Cumulus-Karte dabei. Damit gehört die Solothurnerin zu den rund 2,8 Millionen Teilnehmern des Bonusprogramms. Mit dem Einkaufswagen schreitet sie zur Kasse. Dort zeigt sie die Cumulus-Karte. Beim Einlesen gelangen ihre Daten ins System. Damit gewährt sie einen tiefen Einblick in ihr Einkaufsverhalten. Die Migros erfasst alle eingekauften Produkte, die Filiale und ob sie bar, mit Kredit- oder Debitkarte bezahlt. «Als kundenorientiertes Unternehmen ist die Migros bemüht, ihre Produkte und Dienstleistungen stets zu verbessern. Zu diesem Zweck sammeln und analysieren wir auch Daten», sagt Mediensprecher Luzi Weber. Macht Michaela ihren Einkauf transparent, erhält sie im Gegenzug massgeschneiderte Angebote.

«Unsere Erfahrung zeigt: Unsere Kunden erwarten, dass wir die Daten via Cumulus nutzen und personalisierte Informationen zu Angeboten zur Verfügung stellen», sagt Luzi Weber. Für diese individuellen Werbeaktionen engagiert die Migros jedoch externe Dienstleister. Davon sind nicht alle in der Schweiz ansässig. Laut Weber müsse «manchmal aus Kapazitäts- oder anderen Gründen auf Dienstleister im Ausland ausgewichen werden».

Firmen geht es auch ums Sparen

Dass sich Konsumenten im Alltag transparent verhalten, kommt den Unternehmen gelegen: So können sie ihre Ressourcen gezielter einsetzen. «Durch die Transparenz erkennen sie, wofür sie wie viel Energie verwenden, wofür sie ihr Geld einsetzen, wie viel Zeit sie für etwas brauchen, wie viel Personal sie in welchen Phasen des Jahres benötigen», schreibt Ökonom Joël Luc Cachelin in seinem Buch «Schattenzeitalter». Den Unternehmen geht es also auch ums Sparen, wie der Autor im Interview sagt.

Aber nicht nur. Anhand digitaler Spuren können Firmen Muster erkennen und Absichten der Konsumenten herauslesen. Das Ziel? Möglichst viel verkaufen. «Denn wir sind dann am meisten bereit, zu bezahlen, wenn ein Unternehmen genau unsere Bedürfnisse befriedigen kann», sagt Cachelin. Genau diese Maximierungslogik kritisiert er. Firmen würden dafür sorgen, dass die Konsumenten einen Mangel empfinden. Sie glauben, sie müssten diesen mittels Konsum beheben. Um nicht aufzufallen, verschmelzen Unternehmen mit dem Alltag der Leute. «Der Einkauf in der Migros oder die Google-Suche sind so selbstverständlich, dass man sich nicht überlegt, wie man manipuliert wird.»

Michaela und ihr digitales Ich

Michaela und ihr digitales Ich

Das trifft auch auf Michaela zu: An der Kasse zückt sie die Cumulus-Karte genauso automatisch wie die Geldscheine. Damit erlaubt sie ihren Daten, die Reise um die Welt fortzusetzen. Sitzen die Migros-Dienstleister im nicht näher präzisierten «Ausland», hat ihr digitales Ich womöglich weitere 1000 Kilometer zurückgelegt.

Während Michaela mit Einkaufstaschen bepackt Richtung Parkplatz geht, piepst ihr Smartphone. Sie hat eine Whatsapp-Nachricht erhalten, die sie umgehend beantwortet. Damit hat sie Kalifornien ihren Standort verraten: 2014 wurde Whatsapp vom dort ansässigen Unternehmen Facebook aufgekauft – für 19 Milliarden Dollar. Bei Whatsapp gelandet sind Michaelas Mobiltelefonnummer, der Name, den sie bei der kostenlosen Registrierung angegeben hat, Absender und Adressat der Nachricht sowie Datum und Uhrzeit. Die Inhalte der Nachrichten würden «im Rahmen der normalen Geschäftstätigkeit» weder kopiert noch gespeichert, heisst es in den Datenschutzrichtlinien.

Anonymisierte Auswertung

Die Reise des digitalen Ichs geht weiter. Nach dem Essen muss Michaela für eine Sitzung nach Zürich. Einmal im Zug kauft sie via SBB-App ein Ticket für eine bevorstehende Reise. Auch die SBB werten die Angaben aus: Beispielsweise, ob Michaela ein Einzel- oder ein Verbundbillett gekauft oder einen Sitzplatz reserviert hat. «Die Daten werden in anonymisierter Form analysiert, um die App zu erweitern und verbessern», sagt SBB-Mediensprecher Reto Schärli.

Zudem diene die Auswertung dazu, beliebte Strecken zu erkennen. «Die SBB wollen personalisierte, standortbezogene Informationen und Angebote weiter ausbauen – dies ist ein klares Kundenbedürfnis.» Ein Bedürfnis allerdings, das die SBB mit der Lancierung der App erst geschaffen haben. Und dem sich die Kunden auch nicht entziehen können. Denn damit sie die App nutzen können, müssen sie die AGBs akzeptieren.

«Allgemeine Geschäftsbedingungen heissen die Gesetze jener Herren, denen wir uns nunmehr beugen müssen», schreibt Ökonom Hannes Grassegger in seinem Buch «Das Kapital bin ich». Es sei digitaler Selbstmord, zu versuchen, den Herren zu widersprechen. Das zeigt sich etwa beim sozialen Netzwerk Facebook, das verdächtige Accounts löscht. Grasseggers Aussage «Sag ja, oder wir knallen dich ab» trifft zwar nicht auf die AGBs der SBB zu. Trotzdem: Akzeptiert Michaela diese, so willigt sie ein, dass «Transportunternehmen oder beauftragte Fremdunternehmen in der Schweiz sowie auch auf dem Gebiet der EU von Personen- und Kundendaten Kenntnis erhalten».

Google stellt Profil zusammen

Bis jetzt hat das digitale Ich über 20 000 Kilometer zurückgelegt. Und es kommen mehr hinzu, als Michaela die Googlemap-App öffnet. Sie sucht den Weg zu der bevorstehenden Sitzung. Sobald sie die Angaben eintippt, meldet sie ihre Anwesenheit wieder nach Kalifornien. Damit ist sie nicht die Einzige: Die täglichen Routenabfragen entsprechen einer Milliarde von zurückgelegten Kilometern. Der Konzern weiss nun, wo sich Michaela befindet und wohin sie gehen will. Und weil auf ihrem Handy das Betriebssystem Android installiert ist, kann der Konzern anhand der Interaktionen der verschiedenen Google-Produkte ein Profil zusammenstellen.

«So wird alles, was ich dann per Mail versende, in Bewegtbild ansehe oder mit wem ich was austausche und mich verknüpfe, untrennbar verbunden, abgespeichert, festgehalten. Die Personalisierung wird zu meiner Fussfessel», schreibt Autor Hannes Grassegger. Als Lösung schlägt er vor, den grössten Teil der persönlichen Daten zu verdecken und in einer virtuellen Box zu sammeln. Zugriff darauf hätten nur jene, die bereit wären, dafür zu bezahlen. «Das kehrt die Machtverhältnisse um: In Zukunft definieren wir unsere eigenen AGBs, welche die Käufer unserer Daten akzeptieren müssen.» Solche Personal Data Stores, die für Nutzer mit ihren persönlichen Daten handeln, gibt es bereits.

Nach der Sitzung geht Michaela zurück an den Hauptbahnhof und steigt in den Zug. Während der Fahrt surft sie via Smartphone im Internet auf der Suche nach einer Auskunftsperson. Auf dem Telefonbuch local.ch wird sie fündig. Die Seite wird von der Swisscom Directories AG betrieben. Die Swisscom gehört zu den fleissigsten Datensammlern hierzulande. So speichert sie etwa, wer, wo, wann wie lange mit wem telefoniert hat. Diese Daten werden während der gesetzlichen Frist von sechs Monaten aufbewahrt. Bei Internetsurfern speichert die Swisscom zudem die IP-Adresse. Anhand dieser wird jeder Rechner im Netz identifiziert.

Besucht Michaela die Website local.ch, können «verschiedenste Kundendaten anfallen, welche Swisscom Directories AG erhebt und speichert», ist in den rechtlichen Hinweisen zu lesen. Wie bei der Migros und der SBB ist es beim Online-Telefonbuch möglich, dass persönliche Daten an Drittanbieter und Auftragsdatenbearbeiter im Ausland weitergegeben werden.

Mit der Suche sind Michaelas Spuren dennoch über den Atlantik gereist – weil die Seite den Webanalysedienst Google Analytics nutzt. Anhand der IP-Adressen wertet dieser Dienst das Surfverhalten, die Verweildauer auf einzelnen Seiten und die Herkunft der Besucher aus. Local.ch ist aber nur eine von vielen Websites, die ihren Datenverkehr mit Google Analytics auswerten lassen: 2012 waren es über zehn Millionen. Darunter auch diejenige von Manor, Lidl sowie Lindt und Sprüngli.

Es ist kurz nach 19 Uhr, als Michaela in Solothurn aussteigt. Sie hat einen langen Tag hinter sich. Neben arbeiten und haushalten hat sie rund 200 Kilometer zurückgelegt. Ihr digitales Ich ist in derselben Zeit über 40 000 Kilometer gereist – einmal um die Welt.

Die Autorin absolviert die Diplomausbildung Journalismus am Medien-Ausbildungszentrum (MAZ) in Luzern. Dieser und ein weiterer Text sind eine gekürzte Fassung ihrer Diplomarbeit.

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