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Batman ist der einzige menschliche Superheld – begonnen hat alles mit dem Trauma eines kleinen Buben

Val Kilmer mimt in «Batman Forever» von Joel Schumacher aus dem Jahr 1995 einen kompromisslosen Rächer.

Val Kilmer mimt in «Batman Forever» von Joel Schumacher aus dem Jahr 1995 einen kompromisslosen Rächer.

Vor 80 Jahren zog Batman das erste Mal los, um Verbrecher zu jagen. Seither hat er sich stets den historischen Veränderungen angepasst – und findet dennoch zu seinem Ursprung zurück. Warum wir ihn heute mehr brauchen denn je.

Die Sehnsucht nach Helden war gross, noch immer machte die Wirtschaftskrise Amerika zu schaffen, Arbeitslosigkeit und Armut prägten das Leben in den Grossstädten. Auch der Blick nach Europa bereitete Sorgen: Der Zweite Weltkrieg bahnte sich an. Ablenkung und Hoffnung boten die Comic-Hefte, zuverlässig besiegten hier die Guten die Bösen.

In dieser Zeit, im Frühjahr 1939, erschien ein neuer Superheld. Seinen Lesern stellte er sich vor mit den Worten: «I am Batman.» Seinen Gegnern mit brachialen Faustschlägen und brutalen Fusstritten.

Obwohl sich seine Schöpfer bei Figuren wie dem schwarzen Rächer Zorro und dem Meisterdetektiv Sherlock Holmes bedient hatten, war Batman doch anders: Der maskierte Mann im schwarzen Umhang kämpfte für das Gute, sah aber zum Erschrecken böse aus.

Seinen ersten Auftritt hatte der mystische Held am 30. März vor 80 Jahren in Heft Nummer 27 des Verlags DC Comics, das es für 10 Cents zu kaufen gab. Heute ist ein Original dieses Magazins eine Million Dollar wert (für diesen Preis wurde 2010 ein Exemplar verkauft).

Seither kämpft sich der Mann im Fledermauskostüm durch unzählige Abenteuer in Comic-Strips, Filmen und Videospielen. Literaturwissenschaftler nahmen sich der Geschichten an, Psychologen ergründeten seine Seele, Philosophen debattierten über die moralische Haltung des dunklen Ritters, und Künstler knallten sein Konterfei in greller Pop-Art auf Leinwände.

Superman als Geburtshelfer

Batman wurde rasch zu einer Ikone der Populärkultur. Dabei hat er seine Existenz zu grossen Teilen einer anderen Comic-Figur zu verdanken. Der Zeichner Bob Kane und der Autor Bill Finger schufen Batman gewissermassen als Antithese zu Superman, der ein Jahr zuvor im selben Verlag sein Debüt gegeben hatte.

Superman ist die Blaupause jedes Superhelden. Bis heute tritt er im signalroten Umhang auf, gebaut aus Stahl und damit unverwundbar, von ausserirdischer Herkunft und noblem Charakter. Superman ist eine Art überirdischer Pfadfinder, dem man seinen Wohnungsschlüssel anvertrauen würde; Batman jener Typ, dem man im Dunkeln nicht begegnen möchte. Vor allem aber ist Batman ein Mensch. Er verfügt über keine überirdischen Kräfte, sondern hat sich seine körperlichen und mentalen Fähigkeiten in diszipliniertem Training angeeignet. Batman ist ein Superheld ohne Superkräfte.

Erst in Abgrenzung zu Superman erscheint Batman als glaubhafte Figur. Denn eigentlich ist es ziemlich abgefahren, wie sich der Kraftprotz mit seiner Hightech-Ausrüstung ins Kampfgetümmel stürzt: Auf der Jagd nach Verbrechern braust er im Batmobil über den Asphalt oder fliegt im Batplane über die Dächer. Waffen wie die Batarangs und die Batclaws dienen dazu, seine Widersacher dingfest zu machen. Der Comic-Historiker Thaddeus Howze hat ausgerechnet, wie viel Batman das ganze Zeug kosten würde, und kam auf einen Betrag von 680 Millionen Dollar. Leisten kann sich das der Herr locker, schliesslich belegt er auf der Forbes-Liste der reichsten fiktiven Figuren (die gibt es wirklich) mit einem Vermögen von 9,2 Milliarden Dollar Platz 6.

Am Anfang war das Trauma

Dass Batman das Alter Ego des Milliardärs Bruce Wayne ist, wurde dem Leser bereits am Ende des ersten Comic-Strips verraten. Wer Batman wirklich ist, und was ihn antrieb, im Fledermauskostüm Schurken zu jagen, erfuhr man erst ein paar Ausgaben später, in einer Rückblende in die Kindheitserinnerungen des Superhelden.

Wayne spaziert mit seinen Eltern in der Nacht durch die Gassen von Gotham City, einer an New York angelehnten Stadt, als plötzlich ein Gangster mit gezogener Waffe auftaucht. Der Raubüberfall läuft schief; Mutter und Vater kommen um, Wayne wird zum Waisen. Am Grab seiner Eltern schwört er, den Tod seiner Eltern zu rächen, indem er den Rest seines Lebens dem Kampf gegen alle Verbrecher weiht. Es ist die Urszene, aus der sich alles Weitere speist. «Die Geschichte von Batman ist die Geschichte eines traumatisierten Jungen», schreibt der Psychiater Ulrich Sachsse in einem Aufsatz.

Klar, am Anfang war das Trauma. Doch aus einem Trauma wird nicht automatisch ein Superheld. Der Philosoph Randall M. Jensen findet deshalb: «Da selbst die grössten Tragödien selten Helden aus Kindern machen, ist nicht der Mord an Vater und Mutter, sondern der aussergewöhnliche Schwur des kleinen Jungen das zentrale Element der Batman-Geschichte.»

Trauma und Schwur. Es braucht beides. Batman musste sich seine Fähigkeiten antrainieren und dazu hilft ihm sein Schwur, aus dem er seine Lebensgrundlage schöpft: Ohne seine Eltern braucht der Bub eine Aufgabe, um seiner Existenz Sinn zu geben, und das ist die Erfüllung seines Versprechens. Gleichzeitig gäbe es ohne das Trauma keinen Schwur.

Der Superheld, der 1939 geboren wurde, speist sich letztlich aus der «Grossen Depression» eines Volkes, der Wirtschaftskrise in Amerika, und aus dem Trauma eines kleinen Jungen, dem Mord an den Eltern von Bruce Wayne. In der Zeit bleibt Batman aber nicht gefangen, sondern nimmt vielmehr Bezug auf die historische Entwicklung. Kurz nach seinem Entstehen, 1941, kämpft Batman gegen die Nazis. Im Angesicht des Zweiten Weltkriegs entzogen ihm seine Schöpfer seine «Lizenz zum Töten»; seither verzichtet er auf Schusswaffen und bringt keine Ganoven mehr um (erst in den neusten Hollywood-Filmen bricht er wieder mit diesem Grundsatz). Im Kalten Krieg machte sich Batman auch in den Orbit auf, und nach 9/11 jagte er Terroristen.

Beatles, Batman und Bond

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verloren Comic-Hefte und mit ihnen Batman vorerst an Popularität. Ein neues Medium verhalf dem Mann im Fledermaus-Kostüm aber wieder zu Ruhm. 1966 startete die Fernsehserie «Batman» mit Adam West in der Hauptrolle, unterstützt von Burt Ward als Robin. Die Macher versuchten gar nicht erst, den gesamten Charakter der ambivalenten Figur einzufangen, sondern verpassten Batman ein neues Image: Aus dem dunklen Ritter wurde eine grellbunte Figur, der Bat-Anzug verlor seinen Schrecken und ähnelte einem Verschnitt aus Pyjama und Fastnachtskostüm. Und der einst grimmige Typ darunter wurde zum klugscheissenden Moralapostel: Auch auf Verbrecherjagd parkt er das Batmobil nicht im Halteverbot, füttert die Parkuhr mit dem nötigen Kleingeld und hält Robin, der das alles für übertrieben hält, eine Standpauke.

Hat sich Batman auch von seinen Ursprüngen entfernt, so fand er doch zu einer neuen Hochform. Oder wie es Schauspieler Adam West ausdrückte: «In den späten 60ern gab es die drei B: Die Beatles, Batman und Bond.»

Erst Frank Miller brachte Batman zurück zu seinen Ursprüngen und damit quasi auf die schiefe Bahn: In seinem Comic-Werk «The Dark Knight Returns» zeichnet der Autor Batman als einen gealterten Mann, der nicht nur den Kampf gegen die Verbrecher wieder aufnimmt, sondern auch seinen eigenen inneren Kampf austrägt. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischen, die Frage der Identität (Ist Bruce Wayne Batman oder Batman Bruce Wayne?) bricht auf, und die Psychosen des Mannes, der als Bub Rache schwor, treten hervor. Vor allem aber: Batman schlägt wieder brutal zu. Der einzige Spass, den der Ritter der Dunkelheit kennt, ist es, Verbrecher leiden zu sehen. «Wenn du Hitler, den Teufel, Gaddafi und Batman in einen Raum packst, ist Batman noch immer der Furchteinflössendste im Raum», meinte einst der Comic-Zeichner Len Wein.

An dieser Batman-Figur von Frank Miller orientierte sich in den späten 80er- und frühen 90er-Jahren auch Tim Burton mit seiner Hollywood-Adaption. Und in seiner grandiosen Batman-Trilogie führte Christopher Nolen diesen Batman ins 21. Jahrhundert und liess ihn gegen die Bedrohung des Terrorismus kämpfen und sich an der «Occupy Wall Street»-Bewegung abarbeiten. Moralische Fragen wie ob man ein Menschenleben opfern darf, um eine Vielzahl zu retten, zermartern sein Hirn. Im letzten Teil, «The Dark Knight Rises» aus dem Jahr 2012, opfert sich Batman scheinbar im Kampf gegen das Verbrechen und wird als Märtyrer gefeiert.

Heldensehnsucht erwacht neu

Es war der letzte grosse Auftritt des dunklen Ritters. Seither dominiert das Super-Helden-Genre auf der grossen Leinwand von Marvel, jenes Comicerlags also, mit dem sich DC Comics seit Jahrzehnten einen erbitterten Zweikampf liefert. Zu seinen Stars gehören Hulk, Captain America, Ant-Man und natürlich Spider-Man. Sie sind Mutanten, die meisten erhielten ihre Superkräfte durch einen Chemieunfall; komplexe Charaktere wie Batman aber sind sie nicht. Aus ihren Abenteuern schafft Marvel seit 2008 ein gigantisches cineastisches Universum. Entstanden ist eine mittlerweile 21-teilige Filmreihe, mit Fortsetzungen und Querbezügen, die über 18 Milliarden Dollar eingespielt hat. Ein Rekord.

Daneben gehen die neuen Batman-Filme mit Ben Affleck in der Hauptrolle unter, weil sie die nötige Qualität vermissen lassen. Und auch der Lego-Batman, über dessen Humorlosigkeit sich der gleichnamige Animationsfilm auf gewitzte Weise lustig macht, kann gegen diese Übermacht natürlich nicht ankommen.

Dabei wäre Batman gefragter denn je. Die Welt ist kompliziert geworden, das erfordert eine komplexe Figur. Die Gefahr des Terrorismus ist noch nicht abgewandt, die Klimakatastrophe droht zu eskalieren, aus dem Cyberspace kann jederzeit ein Virus entwachsen, der die Welt lahmlegt. Diese Bedrohungen hat der Mensch selber geschaffen, doch er kann sie auch wieder selber abwenden: mit scharfem Verstand, grossem Mut und raffinierten Technologien. Dazu benötigt es keinen Messias von einem anderen Stern, keinen Superman. Bloss einen beherzten Menschen: Batman.

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