Geschenke

Autor Klein über das Schenken: «Den Selbstlosen gehört die Zukunft»

Stefan Klein sagt: «Den Selbstlosen gehört die Zukunft.»

Stefan Klein sagt: «Den Selbstlosen gehört die Zukunft.»

Weihnachtszeit ist Gabenzeit, und wir freuen uns auf Geschenke. Unter dem Christbaum werden alle Menschen Brüder. Auch Egoisten schenken gern, denn Geben macht seliger denn Nehmen. Weshalb, erklärt der deutsche Wissenschaftsautor Stefan Klein.

Verstrubbelt das Haar, neugierig blitzend die Augen, vif und exaltiert die Gestik. Stefan Klein tritt zum Interview an wie ein britischer Rockstar, eine Mischung aus John Lennon und Ex-Oasis-Sänger Liam Gallagher. Doch Klein ist alles andere als cool und überheblich, obwohl er dank Millionenauflagen seiner populären Wissenschaftsbücher Grund dafür hätte.

Beim Treffen in der Karlsruher Schlosshotel-Bar vor seinem abendlichen Vortrag freut er sich über die Schweizer Schokolade, unser kleines Vorweihnachtsgeschenk. Stefan Klein sagt: «Na, vielen Dank! Die Süssigkeit wird meine Kinder freuen. Die schenke ich natürlich gern.»

Stefan Klein, wieso macht Geben seliger denn Nehmen?

Stefan Klein: Beim Schenken wird, wie wenn Sie Schokolade geniessen oder guten Sex haben, im Hirn Dopamin ausgeschüttet. Ein körpereigenes Glückshormon. Das Erstaunliche ist, dass diese Zufriedenheit beim Geben länger anhält.

Inwiefern?

Wer gern schenkt, ist generell zufrieden mit seinem Leben und grundsätzlich freudiger. Diese Grosszügigen leben sogar gesünder und auch länger als Raffgierige. Grosse Altruisten ...

... so nennt man Menschen, die erst an die anderen denken und dann erst an sich, also das Gegenteil von Egoisten.

Altruisten wie Albert Schweitzer oder Nelson Mandela hatten ein hartes Leben. Mandela war 27 Jahre im Gefängnis, weil er den Mund aufmachte für sein unterdrücktes südafrikanisches Volk, Schweitzer hat ein Leben lang gerackert für sein Urwaldkrankenhaus. Beide sind über 90 Jahre alt geworden. Kein Zufall.

Also nicht das Olivenöl und die Siesta verlängern ein Leben.

Dagegen spricht nichts, aber Einsatz für andere ist besser. Gutes zu tun macht glücklich, und glückliche Menschen leben in der Regel länger. So einfach ist das.

Das sollte ja aber nicht Antrieb zum Schenken sein, sondern den anderen eine Freude zu machen, oder?


Mir scheint, dass wir die Frage nach den Antrieben stark überschätzen. In Wirklichkeit verfolgen wir doch fast immer selbstlose und egoistische Absichten zugleich. Aber wer kann schon sagen, welcher Beweggrund im Einzelfall der stärkere war? Auf die Ergebnisse kommt es an.

Bei vielen hinterlässt die Schenkerei, gerade zur Weihnachtszeit, gemischte Gefühle. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, heisst es.


Ja, solche Gefühle stellen sich ein, wenn wir meinen, dass jemand nicht über unsere Bedürfnisse nachgedacht hat. So etwas verletzt uns. Dann helfen allerdings auch keine Sprichwörter mehr.

Was war Ihr letzter Einsatz für andere, Ihr letztes gelungenes Geschenk?

Die Überweisung an Unicef hat mir ein gutes Gefühl gegeben. Ich habe nicht nur meinen Lesern, sondern auch Kindern etwas gegeben. Kindern, die nie von mir gehört haben.

Angelina Jolie ist sogar Unicef-Botschafterin, Sting setzt sich mit Spenden für den Regenwald ein. Stars funktionieren nach dem Motto: «Tue Gutes und sprich darüber». Weshalb?


Weil durch die Beispielhaftigkeit von Prominenten andere Menschen dazu gebracht werden auch zu geben. Dadurch entsteht ein Sog, eine Resonanz. Menschen, die sich sichtbar für andere einsetzen, erhalten im Gegenzug auch viel: guten Ruf, Anerkennung, Genugtuung. Wir wissen aus Untersuchungen, dass nur eine Minderheit der Menschen Egoisten sind.

Können Sie Zahlen nennen?

Rund 30 Prozent der Menschen denken nur an sich, sind also pure Egoisten. Ein bisschen weniger, also 20 Prozent, sind hingegen reine Altruisten. Die tun etwas, ganz unabhängig davon, was ihre Umwelt tut. Sie wollen Gutmenschen sein. Die Mehrheit, also mehr als 50 Prozent, sind bedingte Altruisten. Sie geben, solange sie das Gefühl haben, dass die anderen das auch tun. Sie wollen sich nur nicht ausnutzen lassen.

Wird beim selbstlosen Geben also doch auch eine Rechnung gemacht?


Beim institutionalisierten Geben schon. Es ist zu Weihnachten Brauch, dass man Geschäftspartnern eine schöne Flasche Wein schenkt. Wir wollen dem beschenkten Menschen näher kommen. Das Geschenk schürt Hoffnung. Die Schenkenden hoffen, dass sich der Beschenkte revanchieren wird.

Hegen Sie auch solche Hoffnungen an Weihnachten?


Weniger. Ich verschenke nicht viel zu Weihnachten, denn ich mache auch während des Jahres gern ein Geschenk. Wir wissen, dass solche unerwarteten Geschenke viel mehr Spass machen, weil sie überraschend sind. Und entgegen der Norm, innerhalb derer es erwartet wird, sich beispielsweise an Weihnachten etwas zu schenken. Ich frage mich, ob sich diese Norm auf lange Sicht nicht ändern könnte. Es könnte doch durchaus zur Norm werden, dass wir zu Weihnachten jene Menschen beschenken, die wirklich etwas brauchen.

An wen denken Sie?

Etwa an die Menschen in Krisengebieten, die leiden. An die Kinder in Afrika, wo jedes siebte das Schulalter nicht erlebt. Eine empörende Zahl, weil wir wissen, dass wir mit ganz einfachen und sehr billigen Interventionen die allermeisten dieser Toten verhindern könnten. Es mangelt an Impfungen, an Salzen, an Hygiene. Die UNO hat ausgerechnet, dass es zusätzliche 13 Milliarden Franken brauchen würde, um jedem Menschen auf unserer Erde die nötigste Versorgung zu bieten. Wissen Sie, wie viel wir in Europa allein für Glace ausgeben pro Jahr?

Nein, aber ich weiss, dass bei uns mehr als 40, in den USA mehr als 54 Prozent der Esswaren im Müll landen.

Schlimm genug! Und die Antwort auf meine Frage: Genau diese 13 Milliarden Franken verschlecken wir in Eisform europaweit pro Jahr.

Was könnte man Menschen schenken, die alles haben? Zeit?

Tolle Idee! Ich schenke meiner Frau immer etwas, das wir gemeinsam erleben können, da ist immer Zeit involviert: ein gemeinsamer Kochkurs, ein Opernabend oder Gutscheine für Massagen. Am besten Dinge, die die Leute sich selbst nicht gönnen würden.

«Geschenke erhalten die Freundschaft», heisst es. Also muss man schenken, um Freunde zu behalten?

Durchaus. Aber die Frage ist: was schenken? Ich gebe meinen Freunden selten Materielles. Eher ein offenes Ohr.

Wer viel gibt, hat ökonomisch gesprochen danach weniger. Ein Problem?


Das möchte man vorerst denken. Wer gibt, hat nur kurzfristig weniger. Aber langfristig zahlt sich das aus.

Also doch Berechnung. Das schönste Schenken müsste doch von Herzen kommen. Da sind wir bei der Bibel: Wer gibt, dem wird gegeben.

«Wer hat, dem wird gegeben», heisst es im Matthäus-Evangelium. Aber Sie haben recht. Gaben kommen zurück über Beziehungen, in Form von Vertrauen. Viel Geben geschieht unbewusst: Altglas entsorgen ist selbstlos, Trinkgeld geben auch. Menschen tun so was für die Umwelt, für die Gemeinschaft.

Erstaunlicherweise haben Schweizer laut einer Umfrage am meisten Probleme mit Egoismus, mehr als mit Arbeitslosigkeit oder Krisenangst.


Das glaube ich sofort. Der Mensch leidet unter Ablehnung oder Ausgeschlossenheit. Das wird erfahren wie ein körperlicher Schmerz. Egoismus ist wie eine Ablehnung sehr unangenehm. Da ist eine gewisse Weisheit dieser Befragten zu spüren: Nur mit Selbstlosigkeit ist Liebe zu erfahren.

Liebe ist demnach das höchste der Gefühle?


Durchaus. Wahre Liebe ist Geben und nicht Nehmen.

Gehört den Selbstlosen also die Zukunft?


Wir haben Handelsbeziehungen mit Menschen, wir pflegen Freundschaften über Kontinente hinweg. Egoismus wird dadurch riskanter. Wie erfolgreich aber Altruismus sein kann, sehen wir bei Firmen, die teilen, etwas aus langfristigem Eigennutz verschenken und damit erfolgreich sind. So gesehen gehört den Selbstlosen tatsächlich die Zukunft.

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