Der gute Ned hatte zwei Wünsche, als er noch lebte: In jedes Land der Welt seinen Fuss zu setzen. Und die lange Reise niederzuschreiben, sein Leben. Seinem ersten Wunsch war die Zeit oder das Schicksal gnädig: Ned war in jedem Land der Welt. Den zweiten Wunsch konnte er nicht mehr verwirklichen. Dafür müsste die Zeit noch gnädiger sein. Um eine Autobiografie zu schreiben, brauche es vor allem Zeit, sagen Leute, die es wissen müssen. Sie empfehlen drum eines: Geduld.

Der Rest aber ist frei. Und ziemlich leicht, sofern man einen PC nicht verwechselt mit einem Schuhputz-Automaten. Vielleicht hat man wenig Geduld bei Eintritt des Lebens – daran kann sich, ausser Freudianer, niemand erinnern. Aber beim Antritt einer Lebensgeschichte, aufgeschrieben am Computer, darf man es ruhig angehen lassen. Facebook-Kids fänden sich mühelos zurecht. Aber Facebook-Kids haben nichts zu erzählen. Nichts, was Stoff für mehr als zehn Seiten böte. Zehn Seiten aber sind das Minimum, damit andere die eigene Biografie lesen können.

Aus dem Schatten treten

Dieser Wunsch ist weit verbreitet – wie beim guten Ned: sein Leben aufzuschreiben. Neu ist dafür im Internet eine Plattform eingerichtet worden. Sie nimmt den Autorinnen und Autoren nicht die Mühe des Schreibens ab. Aber alles drum rum, was auch noch (unnötig) Mühe machen könnte. Vor allem öffnet die Plattform die Tür zur Welt. Denn im stillen Kämmerlein sein Leben für die Schublade aufzuzeichnen, kostet wohl am meisten Mühe. Diese Schublade geht nun gleichsam auf. Dank der neuen Plattform www.meet-my-life.net.

Ein Mann der Wirtschaft hat sie ins Leben gerufen, Erich Bohli. Ein Mann der Wissenschaft begleitet das Projekt, Prof. Alfred Messerli. Rund sechzig Leute haben bereits angefangen, darauf ihre Biografie zu verfassen. Mehr oder weniger Namenlose. Hier ist Namenlosigkeit kein Stigma, um nie publiziert zu werden. Im Gegenteil: Gerade die Biografien von Namenlosen wecken da besonderes Interesse. Sechzig in fünf Monaten – ist das viel? «Es werden laufend mehr», sagt Erich Bohli.

Ned hätte die Idee gefallen. Er hatte noch einen Studenten als Ghostwriter gesucht. Auch den fände er heute auf meet-my-life. Auch ehemalige Verdingbuben wollen da ihre Erinnerungen platzieren. Die meisten kämpfen aber mit dem guten Ausdruck. Dafür sucht die Plattform nun eben kulturwissenschaftlich ausgerichtete Studentinnen und Studenten. All das kam zu spät für Ned.

Wie Kaiser und Lady Gaga

Das kann man als grosses Pech anschauen, ja, es vielleicht gar unerträglich finden: zu früh gelebt für die Erinnerung! Wie Ned hätten viele Leute noch so gern ihre Erinnerungen weitergegeben. Abertausende. Unzählige Generationen. Und verschwanden ungehört im Dunkel.

Erst die neue Internettechnologie, die sogenannte Cloud, erweiterte die Archive. Gleich ins Grenzenlose. Erinnerung stützt, sieht, «erkennt» nun alle, so gering jeder auch gelten mag. Nicht mehr Buchverlage entscheiden, sondern jeder wird sein eigener Herausgeber, simultan zum Schreiben. Man muss Weniges dafür tun, das aber sorgfältig. Man muss seine eigene Oral History – wem auch immer – hinterlassen wollen. Dann steht jeder in einer Reihe. Nicht mehr unsichtbar im Schatten historischer Popanze. Nicht länger verdrängt durch diese Napoleons, Metternichs, Stalins, Borgias und al-Gaddafis, unter den Teppich gekehrt von Fussballkaisern und Lady Gagas.

Heute fiele das Licht genauso auf die Heerscharen anonymer Opfer. Und verdunkelte die meisten einst so mächtigen Existenzen. Womit eine Weltungerechtigkeit behoben wäre: Der Kleine kommt mit seinem Leben zum gleichen Erinnerungsrecht wie der Aufgeblasene. Erinnerung heute hat für jeden Platz. Das Gesamtgedächtnis ist ein sicherer Hort, auch für Namenlose. Erinnerung ist universal geworden, zumindest planetarisch. Dank eines halb technischen, halb mysteriösen Gebildes: der «Cloud».

Diese digitale «Wolke» speichert heute fast jedes beliebige Datenpaket. Alle Erinnerungen, Fotos, Audios, alle Filme. Sei es das Private, das Heikle oder Heilige, das Zerstreute und Geträumte. Ganze Firmen migrieren inzwischen in die «Wolke», ohne dass es die Leute gewöhnlich mitbekommen. Die neue Plattform meet-my-life ist ein weiterer Kanal. Und bleibt gleichzeitig auch ein Schneckenhaus, eine Rückzugsklause. Welchen Zustand man bevorzugt, kann man wählen.

Viertelmillion investiert

Erich Bohli hatte die Idee zur Plattform – und investierte eine Viertelmillion dafür. Bohli war CEO der Elektrogeräte-Kette Fust gewesen, hörte mit sechzig auf und studierte nochmals. Diesmal nicht Wirtschaft wie als junger Mann, sondern populäre Kulturen und Literaturwissenschaft.

Bohli sagt, derzeit benutzten nur rund 15 Prozent der Autoren die Möglichkeit, auf privat zu schalten. «Wer über sein Leben schreibt, der möchte auch gelesen werden, möchte Freunde und Bekannte involvieren – oder endlich etwas loswerden.»

Dann spricht auch Bohli über die «Wolke», über günstige und ungünstige Zeiten. Die «Wolke», sagt er, sei «absolut zur richtigen Zeit gekommen». Ohne sie hätte meet-my-life.net in dieser Form nicht realisiert werden können. Er sei sich jedoch bewusst, dass diese «Weltneuheit» wohl doch ein paar Jahre zu früh komme: «Leute mit Lebenserfahrung und dem Wunsch, etwas von sich zu hinterlassen, sind 60 plus», sagt Bohli. Der Anteil derer, die einen Computer bedienen können und sich mit dem Internet einigermassen auskennen, werde stark anwachsen. «Die Facebook-Generation, die mit privaten Erzählungen öffentlich keine Mühe hat, wird solche Plattformen zunehmend ohne Scheu nutzen.» Inhalt sei wichtiger als Form, sagt Bohli weiter: «Man darf seine Erinnerungen auch niederschreiben, ohne gleich an ein fadengebundenes Buch zu denken.»

Bohli hatte die Zahl der Biografien in den fünf Monaten seit dem Start höher erwartet. Alles andere als enttäuscht sei er hingegen von der Qualität und der Ernsthaftigkeit der Arbeiten. Autoren und Autorinnen können sich anhand eines Fragenkatalogs orientieren. Tausend Fragen wollte man anfangs stellen. 500 in 40 Kapitel hätten jedoch genügt, um ein Leben chronologisch und thematisch abzubilden, sagt Bohli.

Die Plattform ist offen; jeder kann nach seiner Fasson gestalten. Späteren Forschergenerationen dürfte es aber lieber sein, wenn nach Fragensystem gearbeitet wird. Aus einem simplen Grund: Die wissenschaftliche Auswertung wird einfacher dadurch.