Spaziergänge - Aarau AG

Aus weiss wird schwarz-weiss, und plötzlich zeigt der Löwe seine Krallen

Ein Ort, zwei Stunden Zeit, keine festgelegte Route. Die Serie «Spaziergänge» startet in der Aargauer Kantonshauptstadt Aarau.

Über acht Jahre wäre ich unterwegs - von Gänsbrunnen bis Oberengstringen, von Allschwil bis Dietwil -, würde ich einmal pro Woche eine der 420 Gemeinden unserer Region besuchen. Jede wäre es wert. Jede hat ihren ganz eigenen Charme.

Was sie aber vor allem verbindet: Sie sind vielen völlig unbekannt. Vielleicht hat man den Namen schon einmal gehört, würde aber kläglich daran scheitern, müsste man den Ort auf der Karte einzeichnen. Vielleicht kann man sich vage daran erinnern, ihn vor Jahren mal mit dem Auto oder dem Bus passiert zu haben. Vielleicht auch nicht.

Aber anhalten? Sogar aussteigen? In einem Hofladen in Nenzlingen eine Wildschwein-Rauchwurst aus dem Kühlschrank nehmen und ein paar Franken ins Kässeli legen? In Schwaderloch auf dem Bahnübergang stehen bleiben und der Wolkenproduktion des Kernkraftwerks Leibstadt zusehen? In Tecknau Alpakas streicheln? In Herznach nach Herzen suchen? Waldenburg finden, obwohl es ab der Autobahnausfahrt keinen einzigen Hinweis darauf gibt, dass der Ort überhaupt existiert? Sich in Lommiswil auf einem ausrangierten Sofa am Strassenrand ausruhen? Daran haben Sie noch nie gedacht? Dann hatten wir ja lange etwas gemeinsam.

Bis mir eine Idee kam: die grosse Welt, in der ich mich immer noch sehr gern bewege, zwischendurch mit der kleinen vor der eigenen Haustüre einzutauschen. Gemeinden einen Besuch abzustatten, die auf meiner Landkarte bisher nicht viel mehr waren als ein weisser, unbedeutender Fleck.

Die Übungsanleitung ist simpel: Zwei Stunden gebe ich mir Zeit, um mich in den Strassen und Feldwegen zu verlieren. Einzutauchen in eine Welt voller Gartenzwerge, historischer Gemäuer und liebevoll gestalteter Fensterdekorationen. Ein fixes Ziel habe ich nie. Nur meine Kamera über der rechten Schulter. Zwei Augen. Ein Objektiv. Einen Auslöser. Bild für Bild erhält der ehedem weisse Fleck so langsam seine Konturen. Und zuletzt ein persönlich gefärbtes Muster in schwarz-weiss.

Wenn man plötzlich bewusst auf die kleinen Dinge achtet, entdeckt man selbst an Orten, die man eigentlich zu kennen glaubte, ganz neue Seiten. Etwa in Aarau, der Stadt, in der ich seit acht Jahren lebe. Dass vor dem Krematorium zwei stattliche Löwenskulpturen die Eingangstreppe bewachen, war mir vorhin nie aufgefallen. Ebenso wenig der leuchtend gelbe Klebstreifen an einem Briefkasten in der Altstadt mit dem überaus diplomatisch formulierten Hinweis: «keine sch... werbung!!!auch keine pizzazettel!!!»

Nächster Halt: Schönenwerd SO

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Autor

Patrik Schneider

Patrik Schneider

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