Studie

Aufs Einkaufen wollten viele Senioren während des Lockdowns nicht verzichten

Aufs Einkaufen und den Enkelbesuch wollten viele Senioren auch während des akuten Lockdowns nicht verzichten.

Aufs Einkaufen und den Enkelbesuch wollten viele Senioren auch während des akuten Lockdowns nicht verzichten.

Ein Fünftel der Grosseltern besuchte während der Corona-Krise ihre Enkel, trotz gegenteiliger Empfehlung. Das zeigt eine Studie der ETH Zürich in der Deutschschweiz.

Für die Bewältigung der Corona-Krise braucht es Solidarität innerhalb der Bevölkerung. Das gilt für die Distanz- und Hygieneregeln wie auch für eine allfällige Impfung gegen Covid-19. Forscherinnen und Forscher der ETH Zürich haben untersucht, wie sich die Bevölkerung seit der Ausrufung des Lockdowns im März an die verordneten Corona-Massnahmen gehalten hat. «Insgesamt wurden die Hygiene-Massnahmen gut eingehalten», sagt Angela Bearth, Dozentin am Departement Gesundheitswissenschaften und Technologie der ETH. Doch nicht alle Gruppierungen waren so diszipliniert wie man das vielleicht erwartet hätte, wie die Erhebung in der Deutschschweiz mit rund 1500 Personen zeigt.

Eine Mehrhielt verhielt sich renitent

60 Prozent der älteren Menschen verhielten sich nicht der Verordnung entsprechend. Auch in der akuten Lockdown-Phase gingen sie noch selber einkaufen. Für Bearth ist erstaunlich, wie wenige sich an die Empfehlung gehalten haben. «Viele ältere Menschen fühlen sich bevormundet, wenn sie nicht mehr selber einkaufen dürfen», sagt Studienautorin Bearth. Auch an die Anweisung während des Lockdowns die Enkel nicht zu besuchen hielt sich ein Fünftel der Älteren nicht. Für Bearth ein recht hoher Wert. Die Daten der Studie zeigen, dass bei älteren Personen die Social-Distancing-Massnahmen eher schwierig umzusetzen waren. Auch weil soziale Kontakte für das Wohlbefinden immens wichtig sind, und ältere Menschen Kontakte generell weniger auf digitalem Weg aufrechterhalten und sie den Kontaktverlust so weniger kompensieren konnten als jüngere.

Bildung hat wenig Einfluss auf Risikoverhalten

Weniger Einfluss auf das Risikoverhalten hat gemäss den ETH-Forschern das Bildungsniveau. Fakten alleine entscheiden nicht über das Verhalten. Auch gebildete Menschen können das Risiko herunterspielen. Oft fühlen sie sich weniger gefährdet, weil sie gesund leben oder sie ihr eigenes Immunsystem für stark halten. Das Vermitteln von Wissen alleine reiche nicht, das sehe man zum Beispiel auch beim Rauchen. Obwohl dessen Gefährlichkeit bekannt ist, wird bekanntlich weiter gepafft.

Da stellt sich im Falle von Covid-19 die Frage, was es denn zusätzlich braucht zur Wissensvermittlung. «Es ist wichtig zu verstehen, was die Leute davon abhält, sich zu schützen oder dazu führt, dass sie Risiken eingehen», sagt die ETH-Forscherin. Wenn man das verstanden habe, gebe es eine ganze Fülle an wissenschaftlicher Literatur zu wirksamen Massnahmen, welche Menschen dazu bringen können sich vor Krankheiten zu schützen. «Dazu gehört beispielsweise das Vermitteln eines persönlichen Risikobewusstseins, lebhafte Erzählungen von Betroffenen oder die Veränderung von sozialen Normen.» So sei es zum Beispiel mittlerweile eher zur sozialen Norm geworden, eine Maske zu tragen im ÖV. Das könne sich nun automatisch auch auf andere Bereiche übertragen, zum Beispiel im Supermarkt, in Geschäften oder am Bahnhof, erklärt Bearth. Menschen beobachten, wie sich andere verhalten und passen sich entsprechend an. Die meisten wollen in der Menge nicht auffallen - zuvor fiel man mit Maske auf, jetzt im ÖV ohne.

Persönliche Werte sind entscheidend

Ob jung oder alt, viele wollen sich in ihrer Freiheit nicht einschränken lassen. Haben diese ein «Freiheits-Gen», das die Disziplinierten nicht haben? «Ich würde keinesfalls davon sprechen, dass es grundsätzliche beziehungsweise genetische Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen von Menschen gibt. Es sind eher Einstellungen oder persönliche Werte, die bestimmen, ob und wie wir uns vor Risiken schützen», sagt Bearth.

Am Anfang der Krise wurde die Wirksamkeit der Masken von der Wissenschaft verneint. Da Forschung bei Schweizerinnen und Schweizern eine grosse Bedeutung habe, habe dies vielleicht nachgewirkt. Maskenträger und Nicht-Maskenträger antworteten aber bei vielen Argumenten ähnlich. Beide Gruppen fanden zum Beispiel, das Maskentragen sei im Sommer unangenehm.

Bearth folgert aufgrund der Studie, dass es schwierig werde, das Risikobewusstsein aufrechtzuerhalten. Vermieden werden sollte auch, dass sich feindliche Alters-Gruppen bilden: Die Jungen gegen die Alten, die sich über das freizügigere Leben der Jungen ärgern. «Dann wird es schwierig mit der gegenseitigen Rücksichtnahme. Unsere Daten zeigen übrigens: Die 20- bis 34-Jährigen tragen eher eine Maske als die 35- bis 49-Jährigen. Das scheint also die Altersgruppe zu sein, die am sorglosesten ist…», sagt Angela Bearth.

Autor

Bruno Knellwolf

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